Unterhaltung Bissig und pointiert

Jess Jochimsen trat mit seinem Kabarettprogramm im Gasthaus „Rössle“ in Laichingen vor gut 100 Zuhörern  auf. Dabei bewies er auch Fingerfertigkeit an Akkordeon und Gitarre.
Jess Jochimsen trat mit seinem Kabarettprogramm im Gasthaus „Rössle“ in Laichingen vor gut 100 Zuhörern  auf. Dabei bewies er auch Fingerfertigkeit an Akkordeon und Gitarre. © Foto: mp
Laichingen / mp 17.04.2018

Jess Jochimsen spinnt seine  Gedanken über die Menschen, die Politik, die Welt und breitet sie vor seinem Publikum aus. Seine Gedankenblitze denkt er weiter, ersinnt mögliche Szenarien dazu, spielt seine Überlegungen zum Ergötzen seiner Zuhörerschaft im Einmanntheater durch. Und ein hervorragender Gitarre- und Akkordeonspieler ist er obendrein. Von seiner Musik möchte man gerne mehr hören, auch wegen der Texte. Denn die sind bissig und pointiert.

Auf seinem Barhocker sitzend, führt er im Plauderton Klischees und  Vorurteile ad absurdum. Satirisch deklariert er manche Sorgen und Ängste einzelner Gesellschaftsschichten als überzogen, rechnet es den Zweiflern gar auf Punkt und Komma vor, wie grenzenlos übersteigert ihre Haltung ist.  Sprunghaft, ja scheinbar zusammenhanglos, wechselt er im Eiltempo die Themen. Tatsächlich hangelt er sich von Weltpolitik über Flüchtlinge zur  Wohlstandsgesellschaft, von Dschihadisten zu Flüchtlingen, von Feminismus über Geopolitik zu Alltagsängsten. Seinen Gedankensprüngen zu folgen, bedarf es genauen Hinhörens. Wer sich die Mühe macht, das Gehörte zu hinterfragen, stellt fest: Jess Jochimsen will nicht nur erheitern, sondern die Menschen aufrütteln. Nicht selten enden seine Gedankengespinste abrupt, ohne Ende. Er will nicht vorkauen, soll sich doch jeder seinen Kopf machen und seine eigenen Schlüsse ziehen.

Jess Jochimsen bietet nachhaltiges Kabarett, nicht immer nur lustig, aber immer wieder urkomisch. Etwa wenn er Widersprüche und Skurriles aufdeckt, Alltägliches entlarvt. So das banale Allerlei, das uns das Fernsehen jedes Wochenende serviert: „Fußball, Tatort, Volksmusik. Das ist es, was wir wollen. Ja, so wurde es erforscht. Also bekommen wir es – und die Angst vergeht.“  Aber wovor haben wir denn Angst, fragt er, vielleicht vor einer Flüchtlingswelle? „Bei 80 Millionen Deutschen entspricht das in der Relation zu Ihnen im Saal einem Flüchtling.“ Sagt‘s und zeigt auf eine Zuschauerin:  „Fluten Sie mal den Saal.“ Kurz streift er die „Me too“-Debatte, stellt sich auf die Seite der Feministinnen und klopft sich mehrmals hart auf die Stirn: „Diese Männergedanken! Die müssen raus aus den Männerhirnen.“ Aber um das tiefe Niveau solcher Gedanken zu erfassen, müsse man sich auf diese Ebene begeben.

Und so entführt er sein Publikum mit nicht ganz sauberen Gedanken ins dunkelste Level. „Würden Sie Ihrem Leben wegen 72 Jungfrauen ein Ende setzen? Mal ernsthaft, 72 Jungfrauen, da wäre ich ständig erigiert – Hilfe.“ Ab und an ein derber Witz, die Pointe des schmutzigsten bleibt unausgesprochen: „So, jetzt sind wir ganz unten.“

Licht aus, Leinwand auffahren, Diashow ab. Jochimsen, das Multitalent, stellt seine treffsichere Beobachtungsgabe ein weiteres Mal unter Beweis. Seine Fotoserien, aufgenommen auf seinen Aufenthalten in seinen Auftritts­orten, zeugen von Skurrilem, wie dem Hinweisschild „Seniorentreff Zwinger“, widersprüchliche Ladenschilder, etwa „Always open“ und darunter das Schild „closed“, und Kurioses wie der Schilderwald, dessen Richtungsweiser gleichzeitig einerseits zur Bücherei und ebenso zur Babyklappe führen.

Weiter im Kabarettprogramm „Heute geschlossen wegen gestern“. Denn gestern war einfach zu viel – da müssen wir uns verschließen. Aber bitte nicht zu sehr, so sein Appell: „Wir dürfen nicht aufhören, Fragen zu stellen. Und wir müssen weiter Feste feiern, um offen zu bleiben – wegen morgen.“ Es war ein heiterer und nachdenklich stimmender Kabarettabend, vor 100 Besuchern im Gasthaus Rössle.