Literatur Bettseicher und Rotzbeeren

Langenau / Barbara Hinzpeter 08.12.2018

Man schaut sich anders um in der Natur, wenn man die Pflanzen kennt“, sagt Verena Mueller. Sie selbst weiß eine ganze Menge über das, was in heimischen Wäldern und auf Wiesen wächst. Schließlich war sie von Kindesbeinen an viel unterwegs in der Natur mit einem sachkundigen Begleiter: mit Botanik-Professor Theo Müller, ihrem Vater. Er ist Verfasser des Buchs über die „Schwäbische Flora“.

Die Langenauer Kommunikationsdesignerin hat das Werk, das jetzt in der zweiten Auflage erschienen ist, komplett neu gestaltet und etliche Fotos dazu beigesteuert. Davon gibt es 650 in dem rund 820 Seiten starken Band. Der bietet Anschauliches aber nicht nur in Form von bunten Bildern. Theo Müller verpackt auch eine außerordentliche Fülle von Informationen so, dass die Lektüre nicht nur lehrreich, sondern zugleich spannend ist.

Im Buch beschrieben sind mehr als 500 Pflanzen, die im Schwabenland wachsen und für die es mindestens einen eigenen schwäbischen Namen gibt. Müller belässt es nicht bei der Erwähnung der regionalen Bezeichnungen, sondern geht ihnen auf den Grund. So dürfte beispielsweise bekannt sein, dass der Löwenzahn in manchen Gegenden „Milchling“ oder „Milchstock“ heißt, weil die ganze Pflanze einen bitteren weißen Saft enthält. Auf diesen bezieht sich aber nur ein Bruchteil der zahlreichen volkstümlichen Namen.

„Bettseicher“ heißt der Löwenzahn  nämlich nicht wegen der „Milch“, sondern wegen der Harn treibenden Wirkung des aus seinen Blüten gewonnenen Tees. Wird der abends getrunken, kann durchaus ein Missgeschick programmiert sein.

Deshalb, so schreibt Müller, nennen ihn die Franzosen ganz offiziell „pissenlit“ – „was genau dasselbe bedeutet“.

Form und Farbe der Blüten, aber auch Inhaltsstoffe, ihre Wirkung und damit Verwendung der Pflanze sowie Legenden können Ursprung der schwäbischen Namen einer Pflanze sein. Ein besonders schönes Beispiel ist die Acker-Winde: Sie wird mancherorts als „Gotteshemdchen“ bezeichnet, weil sich die Blüte tagsüber öffnet, als würde ein Kind in sein Hemd hineinschlüpfen.

Der Name „Muttergottes-Gläsle“ geht auf eine Legende zurück, nach der Maria auf ihrer langen Wanderschaft durstig wurde und einen Wein-Fuhrmann um ein Getränk bat. Weil sie kein Gefäß hatten, füllten sie das Getränk in den Kelch der Winden-Blüte. Die roten Streifen sollen bis heute an den Wein erinnern.

Etwas weniger fein ist einer der vielen schwäbischen Namen für die Eibe. Deren hochwirksames Gift ist seit dem Altertum bekannt und wurde entsprechend für Mordanschläge benutzt. Einzig die roten Beeren sind ungiftig, enthalten aber einen schleimigen Saft, der dem Baum den Namen „Rotzbeerbom“ einbrachte. Der Leser erfährt außerdem, dass aus dem zum Schnitzen und Drechseln geeigneten Holz einst Bogen und Armbrüste hergestellt wurden.

Das Werk sei „eigentlich kein Bestimmungsbuch“, sagt Verena Mueller, sondern „ein Stück Kulturgeschichte“. Es bewahre Wissen, „das sonst verlorengeht“. Nichtsdestotrotz enthält es auch botanische Beschreibungen und wissenschaftliche Erkenntnisse in Hülle und Fülle und in lesbarer Form.

Teilweise ganzseitige Fotos bieten auch dem Auge etwas. Für etliche Bilder ist Verena Mueller mit ihrer Kamera losgezogen. Was ihr dabei auffiel: Viele der Pflanzen, die sie für die erste Auflage 2011 am Wegesrand fand, seien dort verschwunden. Sie verbindet daher mit dem Buch auch die Hoffnung, dass es dazu anregt, „rauszugehen und sich umzuschauen“. Denn „man kann nur schützen, was man kennt“, sagt die Langenauerin.

Aus der Reihe Natur-Heimat-Wandern

Verlag Das Buch „Schwäbische Flora“ (2. Auflage/ISBN 978-3-8062-3813-6) von Theo Müller ist erschienen in der Reihe „Natur-Heimat-Wandern“ im Verlag des Schwäbischen Albvereins Stuttgart. Preis: 20 Euro.

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