Sinningen Beim 144. Schuss fällt der Adlerkopf

An die 50 Besucher haben beim diesjährigen Adlerschießen in Sinningen mitgemacht.
An die 50 Besucher haben beim diesjährigen Adlerschießen in Sinningen mitgemacht. © Foto: Harald Kächler
Sinningen / HARALD KÄCHLER 18.07.2016
Seit zehn Jahren veranstaltet der Schützenverein Sinningen jeden Juli das Adlerschießen. Eine  westfälische Tradition nach Sinningen-Süd importiert.

Ein kühler Freitagabend im Juli im Garten des Schützenlokals Adler in Sinningen. Rund fünfzig Frauen und Männer, Mädchen und Jungen sind der Einladung des Schützenvereins Sinningen zum Adlerschießen gefolgt, auch die Wohngruppe Reinstetten der Heggbacher Behinderten-Einrichtungen, mit denen die Sinninger Schützen seit vielen Jahren ein herzliches Verhältnis pflegen. Schriftführer Hans Höß lässt die Teilnehmer Nummern ziehen, denn auf die Reihenfolge kommt es an. Der SVS-Vorsitzende Eugen Wohlhüter richtet das Gewehr ein, mit dem alle auf die Adlerscheibe schießen werden. Vorbeikommende Sinninger werden kurzerhand mit den Worten „Schieß doch auch mit“ begrüßt. Derweil hat Wohlhüters Vize Stefan Ruder schon den Grill angeworfen, das leckere Salatbüffet ist genauso gespendet wie das frische Fassbier.

Ein kleines Volksfest also, genauso wie in Sinningen-Nord, wo das Adlerschießen lange Tradition hat. Dort, im Emsland, haben die  südlichen Sinninger den nördlichen Sinningern, mit denen sie schon längere Zeit eine Partnerschaft unterhalten, diesen Schützenbrauch abgeschaut und ins Illertal übernommen. Doch die Süd-Sinninger wären nicht die Sinninger, würden sie nicht ihr eigenes Ding daraus machen. Während im Norden auf einen Holzadler geschossen wird, der jedes Jahr neu gemacht werden muss, hat der Schütze und „Metaller“ Hermann Schemperle eine Metallkonstruktion ausgetüftelt, die jedes Jahr zum Einsatz kommt. Zu sehen sind auf der Metallplatte ein Adlerkönig mit Krone, Zepter und Reichsapfel sowie die beiden Wappen von Sinningen-Süd und Sinningen-Nord, darunter ein Einschussloch in der Größe einer Luftgewehrscheibe.

Wer da hinein trifft, löst über ein Flügelrad eine Welle aus, die über Bolzen und Magneten mit den sechs Metallteilen des Adlers verbunden ist. Von Zeit zu Zeit löst sich der Magnet, und das Metallteil fällt in den Korb. Die Regel lautet in Sinningen: Wer ein Metallteil zum Fallen bringt, kommt ins Finale der besten Fünf. Beim 19. Schuss, abgefeuert von Eugen Wohlhüter, fällt der Schwanz des Adlers. Hans Höss führt genau Buch und muss die Schützen gelegentlich mit Nachdruck von Grill und Biertisch an den Adler-Stand bringen: „Immer stehen sie beim Essen“, schimpft er im Scherz.

Der linke Adlerfuß fällt ausgerechnet beim Konstrukteur Hermann Schemperle, der daraufhin flachst: „Das habe ich natürlich manipuliert!“ Den rechten Fuß bringt mit Schuss 61 Elisabeth von der Reinstetter Wohngruppe, unterstützt von Udo Laupheimer, zum Fallen; Schuss 87 von Stefan Ruder entfernt den linken Flügel. Die Spannung steigt: Mit dem 116. Schuss bringt Ewa Walker den rechten Flügel zu Fall. Das Finale ist perfekt. Doch nicht etwa den etablierten Schützen gelingt es, den Adlerkopf zu treffen. Das ist Elisabeth aus Reinstetten vorbehalten, die das Adlerschießen mit dem 144. Schuss beendet. Die Freude ist groß unter den Behinderten, und die Sinninger Schützen freuen sich aufrichtig mit: „Das wurde mal Zeit, dass jemand von Reinstetten gewinnt.“ Der letztjährige Adlerkönig Moritz Ruder übergibt Elisabeth die Adlerkette, die nun ein Jahr lang nach Reinstetten wandert – bis zum nächsten Adlerschießen 2017 in Sinningen.