Auf dem Babyfläschen steht „Leon“. Aber Leon lebt nicht hier. Im April hätte der behinderte Säugling als Pflegekind zu Sabine und Eva F. (Namen geändert) nach Hause kommen sollen. Doch am Tag zuvor erhielt das Paar eine Absage. Ohne Angabe von Gründen.

Ein leeres Babybettchen steht unter der Dachschräge des Hauses in Asselfingen. Darüber dreht sich ein Mobile. Einen Kinderwagen und ein Babysafe gibt es auch. Sabine öffnet die Schublade einer Kommode und zeigt die Kleidung, die sie schon für Leon besorgt hatten. Eva hält kleine selbstgestrickte Socken und ein gehäkeltes Schmusetuch in den Händen. „Es war alles bereit für Leon“, sagt sie. Und dann erzählen sie ihre Geschichte.

Sabine ist 38, stammt aus Niederstotzingen, hat Kinderpflegerin gelernt. Eva ist 37, kommt aus Ravensburg und arbeitet als Altenpflegerin. Seit 2012 sind sie ein Paar, seit 2013 leben sie in dem Haus. 2016 verpartnerten sie sich, 2017 ließen sie ihre Partnerschaft zur Ehe umschreiben.

„Behinderte Menschen sind etwas ganz Besonderes, Tolles“

Den Kinderwunsch haben die beiden seit etlichen Jahren. Sie versuchten es mit Samenspende, ohne Erfolg. Und es entstand die Idee, sich um ein Pflegekind zu bemühen. Weil Sabine bei der Arbeit im Kindergarten mit einem Inklusionskind gute, bewegende Erfahrungen gemacht hatte, entschieden sich die beiden, einem behinderten Kind eine Zukunft zu bieten. „Behinderte Menschen sind etwas ganz Besonderes, Tolles“, sagt Sabine.

Sie bewarben sich beim Bundesverband behinderter Pflegekinder, absolvierten ein Seminar für potenzielle Pflegekindeltern, setzten sich mit dem Thema auseinander. Denn sie wissen: „Man muss schauen, was man leisten kann. Es muss wirklich passen.“

Auf Empfehlung des Landratsamts kamen sie auf die Stiftung Liebenau, stellten sich beim familienunterstützenden Dienst der Liebenau Teilhabe in Ulm vor, die ein Zuhause für behinderte Pflegekinder sucht und vermittelt. Das Paar reichte seine Unterlagen ein, zwei Liebenau-Mitarbeiterinnen kamen im Oktober zum Hausbesuch, „sie haben sich wirklich das ganze Haus angesehen, auch unser Schlafzimmer, alles“. Bald darauf folgte der Anruf: Ja, Sabine und Eva sind im Bewerberpool.

Grünes Licht von der Stiftung

Und dann, Anfang März, läutete das Telefon. Es gebe zwei Säuglinge, einer davon, Leon aus Villingen-Schwenningen, käme auf jeden Fall in Frage: ein Frühchen mit Herzfehler und wahrscheinlich auch geistiger Behinderung. Die Mutter könne und wolle sich nicht um den Buben kümmern.

Sabine und Eva fuhren mit zwei Liebenau-Mitarbeiterinnen nach Villingen-Schwenningen, lernten die Vertreterin des Jugendamts und den gesetzlichen Vormund kennen. Und sie sahen Leon zum ersten Mal. „Wir waren so aufgeregt“, sagt Eva. „Aber es war schön“, sagt Sabine. Freudestrahlend seien sie aus dem Zimmer gekommen. „Alle hatten ein sehr gutes Gefühl.“

Es folgte eine Zeit mit Besuchen in der Klinik, Hilfeplan-Gesprächen mit den Ärzten, auch weil Leon noch im ersten Lebensjahr am Herzen operiert werden muss. „Wir sollten möglichst viel Zeit mit Leon verbringen.“ Und das taten die beiden auch, obwohl jeder Besuch zweieinhalb Stunden Hin- und zweieinhalb Stunden Rückfahrt bedeutete.  „Die Damen vom Jugendamt waren begeistert von uns. Sie haben uns das alles auch zugetraut.“

Bald gab die Stiftung grünes Licht: Sabine und Eva dürften ihren Familien Bescheid sagen. Als Sabine im März Geburtstag feierte, zeigte sie Fotos von Leon herum, „alle haben sich für uns gefreut“. Am 26. März hieß es offiziell: „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind Pflegeeltern von Leon!“ Auch die Stadt Villingen-Schwenningen schrieb an die beiden.

Am Folgetag ging das Paar einkaufen, die  Grundausstattung für den Säugling: Bett, Wagen, Kleidung. Dann besuchten sie Leon wieder, wurden in sein Sauerstoff-Gerät eingewiesen, machten ein Reanimationstraining mit. Nur ein Rooming-In, also eine Übernachtung in Leons Krankenzimmer, fand aus praktischen und terminlichen Gründen nicht statt.

Am 27. März hieß es, die beiden könnten Leon zwei Tage später mit nach Hause nehmen. Das Paar bat darum, dies um eine Woche zu verschieben, weil Eva an dem fraglichen Tag arbeiten müsse und das einzige Auto brauche. Also wurde der Termin auf den 6. April verschoben. „Da gab es kein Problem“, betont Sabine.

Alles war in trockenen Tüchern. Oder etwa nicht?

Auf Bitten der Stiftung hatte Eva auch schon ihre Arbeit von einer  93-Prozent auf eine 75-Prozent-Stelle reduziert. Die Stadt Villingen-Schwenningen überwies ihnen bereits das erste Pflegegeld. Alles war in trockenen Tüchern. Oder etwa nicht?

Am 4. April kamen Liebenau-­Mitarbeiterinnen nach Asselfingen und „hackten auf mir herum, wieso ich denn nicht in der Klinik bei Leon übernachtet habe, und das 90 Minuten lang. Dann sind sie gegangen“, erinnert sich Sabine. Am 5. April fuhr sie aber wie abgesprochen mit dem Zug nach Villingen, Eva sollte mit dem Auto am 6. April nachkommen, um Leon mit nach Hause zu holen. Doch im Zug bekam Sabine einen Anruf der Stiftung: Sie könnten sich den Weg sparen, sie bekämen den Jungen nicht. Eine Welt brach für sie zusammen.

Es war ein Schock. Familie, Kollegen, Bekannte fragten die beiden: „Und, wann kommt Leon?“ Das Paar wusste nichts zu sagen. „Und wir bekamen nicht einmal eine Begründung“, erzählt Sabine, „weder mündlich noch schriftlich.“

Die Stadt Villingen-Schwenningen fordert das Pflegegeld zurück. Das Paar hat sich einen Anwalt genommen, um wenigstens die Auslagen zurückzuerhalten. Einzuklagen, dass Leon doch zu ihnen komme, sei aussichtslos, das ist ihnen klar. Mittlerweile ist der Junge zur Adoption freigegeben worden. „Wir hätten ihn doch auch adoptiert“, sagt Sabine.

Jugendamt und Stiftung Liebenau geben keine Auskunft

Das Jugendamt der Stadt Villingen-Schwenningen kann „aus Datenschutz- und besonders Kindeswohlgründen“ keine Auskunft zu der Geschichte geben. Auch die Stiftung Liebenau gibt „zum Schutz der Beteiligten keine Informationen zu konkreten Personen weiter“.

Die Ambulanten Dienste der Liebenau Teilhabe seien aber seit mehr als 20 Jahren als Fachdienst im Auftrag und in enger Abstimmung mit den Behörden tätig, teilt Pressesprecher Christoph Möhle mit. Man prüfe stets „sorgfältig und umfassend die konkrete Situation“. Im Fokus stünden neben rechtlichen Kriterien „besonders die räumlichen und persönlichen Bedingungen in der potentiellen Gastfamilie, ihre eigene Geschichte,  Werte und Normen sowie Erwartungen und Motive für die Aufnahme eines Pflegekindes. Diese Kriterien werden im Laufe des Vermittlungsprozesses kontinuierlich überprüft.“ Wenn eine fachliche Einschätzung vorliege, treffe letztlich das zuständige Jugendamt die Entscheidung.

Alle Beteiligten seien sich bei der Vermittlung von Pflegeverhältnissen der hohen Verantwortung bewusst, führt Möhle aus. „Ihnen geht es darum,  zukunftssichere gesunde und stabile Lebensverhältnisse für Menschen mit Beeinträchtigungen zu schaffen. Wenn Zweifel bestehen, dass das gelingen kann, kann es im Einzelfall auch dazu kommen, dass ein Pflegeverhältnis nicht zustande kommt. Auch wenn das für die Beteiligten bedauerlich sein mag, muss das Wohl des Kindes in jedem Einzelfall im Vordergrund stehen.“

Eine Katze streicht herum, sonst ist es still im Haus in Asselfingen. „Wir verstehen es wirklich nicht“, sagt Sabine. „Es muss eine persönliche Geschichte sein.“ Sie geht vom Kinderzimmer, das kein Kinderzimmer ist, ins Bad. Eine Babybadewanne steht dort. An die Wand ist eine Wickelauflage gelehnt.

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Schwerer Start ins Leben


Pfegekinder: Rund 84 000 Kinder leben in Deutschland in Pflegefamilien. Wie viele behinderte Kinder darunter sind, ist nicht bekannt. Während man aber von einer Durchschnittsquote von zehn Prozent – geistig, körperlich, emotional – behinderter Menschen an der Bevölkerung ausgeht, müsste man bei Pflegekinder von einer erheblich höheren Quote ausgehen, sagt Gerhard Schindler, Pressesprecher des Bundesverband behinderter Pflegekinder (BbP). Denn oft handle es sich bei Pflegekindern um Kinder, die einen besonders schweren Start ins Leben hatten.

Verband: Der BbP hat aktuell 611 Mitglieder, darunter 500 Familien, die ein behindertes Pflegekind aufgenommen haben. 2018 wurde der BbP 117 Mal von Jugendämtern um Vermittlungshilfe angefragt.