Debatte Bäume in Klingenstein sollen Häusern weichen

Auf dem bereits gerodeten Grundstück rechts sollen drei Doppelhäuser entstehen. Weiter unten an dem steil abfallenden Hang an der Ulmer Straße sind sieben Häuser geplant.
Auf dem bereits gerodeten Grundstück rechts sollen drei Doppelhäuser entstehen. Weiter unten an dem steil abfallenden Hang an der Ulmer Straße sind sieben Häuser geplant. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Von Samira Eisele 13.10.2018

Durch Applaus äußerten rund 40 Zuschauer, die am Donnerstag bei der Sitzung des Ehrenstein-Klingenstein-Ausschusses (EKA) die Ränge füllten, ihre Meinung. Den Beifall bekam  Stadträtin Elisabeth Couvigny-Erb (Bürger-Bündnis Blaustein), die sich in einem ausführlichen Statement gegen den Bebauungsplan Nördlich Leubeweg/Ulmer Straße und für die Wiederaufforstung eines gerodeten Grundstücks am Leubeweg aussprach. Schließlich gehe es nicht nur um Bäume, die dem Wohnungsbau weichen sollen, sondern um „ein Stück Identifikation der Klingensteiner“, den sie sich „nicht verbauen lassen wollen“, sagte Couvigny-Erb.

Um „die Sachlage zu beleuchten“, wie es Bürgermeister Thomas Kayser ausdrückte, hatte die Stadtverwaltung den einzigen Tagesordnungspunkt der Sitzung ausführlich vorbereitet. Stadtbaumeisterin Sandra Pianezzola erklärte Unterschiede zwischen Bauantrag und Bebauungsplan, Planer Roland Schmuck vom Ingenieurbüro Wassermüller stellte die aktuelle Planung vor und Kämmerer Josef Engel referierte, wann welches Gremium welchen Beschluss gefasst hatte. Denn in der Debatte um Bäume und Baufelder nördlich des Leubewegs ist in den Worten von Pianezzola „alles ein bisschen durcheinander“ gegangen und „es sind auch Kommunikationsfehler gelaufen“.

Dennoch „ist aus unserer Sicht nichts verschleiert oder der Öffentlichkeit vorenthalten worden“, sagte die Stadtbaumeisterin: Dass die Zustimmung für drei Doppelhäuser, die ein Bauträger aus Ulm am Leubeweg bauen möchte, in nicht-öffentlicher Sitzung gefallen ist, sei normal. Das Verfahren für den Bebauungsplan sei hingegen öffentlich – und so sei im November 2016 auch der Aufstellungsbeschluss für den Teil des Gebiets am Leubeweg entschieden worden. Ausgelegt wurde der Plan damals jedoch nicht, weil parallel weitere Baufelder am Leubeweg und der Ulmer Straße geprüft wurden. Dass das Baufeld am Leubeweg Anfang dieses Jahres dann trotzdem gerodet und terrassiert wurde, hatte viele Klingensteiner empört.  Zum Beispiel Alt-Gemeinderat Uwe Kohlhammer, der in einem Brief an die Verwaltung darauf hinwies, dass zum Zeitpunkt der Rodung außerdem das artenschutzrechtliche Gutachten für die von hohen Bäumen bewachsene Gesamtfläche noch ausstand. Pianezzola räumte ein: „Das hätte nicht passieren sollen“.

Am Leubeweg sollen drei Doppelhäuser mit je zwei Geschossen entstehen, mit einem Sockelgeschoss und einem Keller im steilen Hang – Gesamthöhe 9,50 Meter. Unten am Hang, an der Ulmer Straße/ B 28 sind sieben 14,50 Meter hohe Flachdach-Häuser mit bis zu vier Geschossen geplant. Dazwischen ein 15 Meter breiter Grünstreifen. Die hochstammigen Bäume dort sollen durch Feldhecken ersetzt werden. Vom bisherigen Baumbestand soll laut Bürgermeister Kayser „ein Stückle“ erhalten bleiben: Im überarbeiteten Bebauungsplan fehlt ein Baufenster am Leubeweg neben dem Hochhaus.

Grünen-Stadträtin Anita Junginger lehnte die Pläne ab: Die Nachverdichtung sei „aus ökologischer Sicht hier sicherlich nicht sinnvoll“, fraglich sei auch, ob hier wirklich günstiger Wohnraum entstehe. Auch Elisabeth Couvigny-Erb stimmte dagegen: Sie warf der  Verwaltung zudem vor, in verschiedenen Sitzungen nicht mehr auf den bestehenden Bebauungsplan aus dem Jahr 1971 hingewiesen zu haben. Sogar die Stadtbaumeisterin, seit rund anderthalb Jahren im Amt, habe davon nichts gewusst, das zeigten Mails von Pianezzola.Couvigny-Erbs Fraktionskollegin Heidi Ankner sah es anders: „Dass Blaustein wächst, ist in unser aller Interesse“, sagte sie. Hier könne „sozialverträglicher Wohnraum“ entstehen. Lothar Ruhnke (CDU) sagte:. „Ich war von Anfang an dafür, hier zu bauen“, er fühle sich den Menschen verpflichtet, die in Blaustein Wohnungen suchen. Albert Ludwig (Freie Wähler) schloss sich dem an und ergänzte: „Man muss auch realistisch bleiben: Mehr als die Hälfte der Fläche am Leubeweg bleibt grün.“

Zwei dagegen, sechs dafür

Bürgermeister Thomas Kayser bezog abschließend noch einmal Stellung zu den Fehlern, die der Verwaltung unterlaufen seien: Dafür habe insbesondere Stadtbaumeisterin Sandra Pianezzola sich „in jeder Besprechung entschuldigt“: „Das dürfen Sie uns auch abnehmen, dass es uns mehr als peinlich war.“ Kayser und fünf weitere Mitglieder des Ausschusses stimmten schließlich mit „Ja“. Am kommenden Dienstag soll der Gemeinderat über den Bebauungsplan abstimmen. Nach Empfehlung des EKA positiv.

BUND-Chefin: Wohnraum gibt’s auch anders

Forderung BUND-Ortsgruppenvorsitzende Gerlinde Gröschel-Jungwirth, die vor kurzem zur Ortsbegehung am Leubeweg geladen hatte, verfolgte die Sitzung im Zuhörerraum. Sie hatte im Vorfeld einen Brief an die Gemeinderäte geschrieben, in dem sie appellierte, den Bebauungsplan abzulehnen. Sie habe also auf ein anderes Ergebnis gehofft – gerechnet habe sie aber nicht damit. Blaustein müsse grundsätzlich umdenken, findet sie: Wohnraum könne auch durch Neuverteilung gewonnen werden, andere Städte arbeiteten mit Beratungsinstituten zusammen. Dass ausgerechnet an der Bundesstraße Wohnungen für sozial Schwächere entstehen sollen, hinterfragt sie: „Ist das nett?“

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