Frau Pachl-Eberhart, wie geht es Ihnen?
BARBARA PACHL-EBERHART: Danke, es geht mir sehr gut. Ja, das kann ich heute wirklich wieder aus vollem Herzen sagen.

Vor sieben Jahren haben Sie einen Schicksalsschlag erlitten, der sprachlos macht. Wie haben Sie es geschafft, zu überleben?
Trauer hat so viele unterschiedliche Phasen, ich habe mich vom Leben tragen lassen, bin aber auch durch die sehr tiefen Tiefen gegangen. Nun, nach sieben Jahren, kann ich sagen: Ich bin dabei, meine Identität als Trauernde endgültig abzulegen.

Offenbar haben Sie aber einen Weg gefunden, nicht zu zerbrechen.
Doch, ich bin zerbrochen. Zu zerbrechen, das kann in Wirklichkeit eine große Chance sein.

Eine Chance?
Ja. Dann, wenn man inmitten all der Bruchstücke das entdeckt, was wirklich hält.

Wie stark ist der Kitt, der bei Ihnen die Stücke zusammenhält?
Der Kitt ist eher eine Flüssigkeit. Ein Lebensquell. Leben, das bedeutet: Veränderung zulassen. Nach dem Tod meiner Familie ist nur das Bild, das ich von mir selbst hatte, zerstört worden.

Gab es einen Punkt, an dem nichts mehr ging?
Irgendwann war ein Punkt erreicht, an dem ich gar keine Kraft mehr hatte. Vor allem keine Kraft, noch Ansprüche an mich zu stellen. In diesem Moment entstand etwas wie Magie.

Magie?
Ich war so schwach. Die einzige Chance, die ich hatte, war: zu mir zu stehen, dieses Häufchen Elend, das ich war, bedingungslos anzunehmen.

Was raten Sie Trauernden?
Man sollte grundsätzlich nicht denken, dass man es ganz alleine schaffen muss. Trauer darf Zeit brauchen, viel Zeit. Auf die leisen Signale des Körpers zu hören, das kann helfen. Und sich irgendeine Art von Ausdruck zu suchen. Musik, Malen, Schreiben, Lesen, Reden - egal was. Nur nicht dauerhaft verstummen, wenn möglich. Nicht verhärten.

Sie haben im vergangenen Juni wieder geheiratet.
Ich habe einen Partner gefunden, der mit mir trauerte, ohne in übermäßiges Mitleid zu verfallen. Was für ein Geschenk.

Ein großer Liebesbeweis.
Oh ja. Liebe in der Trauer kann funktionieren, es braucht aber hohe Sensibilität. Und ganz besondere Bereitschaft des Partners, Tiefen auszuloten, zuzuhören, zurückzustecken.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie häufig von Ihren beiden Kindern träumen.
Ich träume immer noch oft von Kindern. Beim Aufwachen frage ich mich manchmal: War es Fini? Thimo? War ich das selbst? Das verschmilzt mehr und mehr, im Traum und auch im Leben. Meine Familie ist so nah bei mir, in mir, möchte ich fast sagen.

Wie sehr hat das Schreiben Ihrer Bücher geholfen, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen?
Das Schreiben hat mir geholfen, Ordnung ins Chaos zu bringen. Ich habe mir selbst Orientierung gegeben, habe erkannt, an welchen Punkten ich schon war, was ich gelernt habe und erkennen durfte. Besonders schön war es, fröhliche Erinnerungen an meine Kinder zu Papier zu bringen. Auch das hatte Platz, in meinen Büchern über Trauer.

Welche Rolle spielt Glaube?
Für mich spielt der Glaube immer schon eine große Rolle. In bin in dieser Hinsicht sehr berührbar. In der Trauer ging das so weit, dass ich in der Kirche beim Gottesdienst pausenlos vor Berührung geweint habe. Das mit den Gottesdienstbesuchen habe ich dann gelassen, weil es nicht sonderlich praktikabel war (lacht).

Es gibt sicher Menschen, die hätten an Ihrer Stelle den Glauben verloren.
Dieser Punkt, die Frage hat mich in meinem zweiten Buch sehr beschäftigt. Es lohnt sich, genau hinzuschauen bei der Frage: Woran glaube ich eigentlich, wenn ich "nicht glaube"?

Sie klingen zuversichtlich.
Ja, denn ich fühle mich behütet. Nicht frei von Leid. Sondern behütet, auch und sogar im Leid.

"Warum gerade du?"

Zur Person Die Autorin Barbara Pachl-Eberhart lebt in Wien. Ihre beiden Bücher "Vier minus drei" und "Warum gerade du?", in denen sie den Tod ihres Mannes und ihrer Kinder Thimo (6) und Fini (22 Monate) beschreibt, haben sich rund 200.000 Mal in Österreich, Deutschland und der Schweiz verkauft - und haben es damit auf die Spiegel-Bestsellerliste gebracht. Die 41-Jährige hat kürzlich den Schauspieler Ulrich Reinthaller geheiratet.

Lesung Am Donnerstag ist Barbara Pachl-Eberhart in der Weißenhorner Schranne zu Gast. Dort liest sie aus ihrem Buch mit dem Titel "Warum gerade du? Persönliche Antworten auf die großen Fragen der Trauer." Beginn: 20 Uhr, Einlass von 19 Uhr an. Veranstalter ist die Initiative "Kultur in der Schranne".