Balzheim Auswirkungen der Völkerschlacht im Illertal

Für den Vortrag des profunden Historikers Harald Kächler interessierten sich viele Balzheimer Bürger. Foto: Kurt Högerle
Für den Vortrag des profunden Historikers Harald Kächler interessierten sich viele Balzheimer Bürger. Foto: Kurt Högerle
KURT HÖGERLE 05.11.2013
Die Völkerschlacht von Leipzig und seine Auswirkungen auf das Illertal war Thema beim Vortrag des Balzheimer Historikers Harald Kächler. Zahlreiche Interessierte fanden sich in der Alten Schule Oberbalzheim ein.

Der Seminarraum der Alten Schule in Oberbalzheim war bis zum letzten Stuhl voll besetzt mit Interessierten, als Harald Kächler mit Fahne und Schal in ein schwieriges Thema einstieg: Was haben die Befreiungskriege mit den Orten Balzheim, Wain oder Dietenheim zu tun? Denn dieser Tage jährte sich die so genannte Völkerschlacht bei Leipzig zum zweihundertsten Mal. Vom 16. bis 19. Oktober 1813 starben 110 000 Soldaten in dieser einen Schlacht. Die verbündeten Heere Russlands, Preußens, Österreichs und Schwedens errangen dabei den entscheidenden Sieg über Napoleon und dessen Alliierte auf deutschem Boden. Bis zu 600 000 Soldaten waren in die Kämpfe verwickelt, die die Entwicklung Europas für alle Zeit so nachhaltig beeinflusst haben.

Harald Kächler ging der Frage nach, wer denn die Völkerschlacht gewonnen habe. Die Deutschen? Darauf habe sich eine nationalistische Geschichtsschreibung schnell geeinigt - doch die vergaß auch schnell, dass deutsche Soldaten und Freiwillige auf beiden Seiten kämpften und starben. Gewonnen haben vielmehr die Fürsten und Könige, gestorben sind dafür Weber, Bauern und Tagelöhner, auch aus Balzheim, aus Wain und aus Dietenheim. Die Einheit der deutschen Nation, die zu erreichen sich zahlreiche Freiwillige gemeldet hatten, kam dagegen nicht zustande. Deutschland blieb in einige Dutzend verschiedene Herrschaften aufgespalten.

Schwarz-rot-gold, die Farben der Nationalflagge, tauchten damals zum ersten Mal auf. Laut Theodor Körner, einem der Freiwilligen und ein bekannter Dichter, stehen diese Farben für Pulver, Blut und Flammen; Harald Kächlers Ausführungen zufolge stehen diese Farben für den Bürger, der kein Untertan ist, für Freiheit und für Demokratie. So war die Farben des Kaisertums ab 1871 nicht Schwarz-rot-gold, sondern Schwarz-weneiß-rot, die der Weimarer Republik Schwarz-rot-gold, und - nicht verwunderlich - von 1933 bis 1945 wieder schwarz-weiß-rot. Das eine stehe für Demokratie und Rechtsstaat, das andere für Diktatur und Willkür.

Die Völkerschlacht, auch das arbeitete Harald Kächler heraus, wurde im 19. Jahrhundert und besonders nach dem Krieg 1870/71 zur Geburtsstunde der deutschen Nation verklärt. In der Tat war sie vor allem der propagandistische Startpunkt der so genannten Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland. "Warum Frankreich der Erbfeind Deutschlands ist", war eine Abiturfrage für Württembergische Pennäler aus dem Jahr 1913, um nur ein Beispiel zu nennen. 1913 ist auch das Jahr, in dem das größte und höchste Geschichtsdenkmal Europas eingeweiht wurde, das berühmte Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig. Insgesamt 91 Meter hoch, mit 126 Metern in der Breite, wurden 300 000 Tonnen Stein gewordenes Gedenken mit viel kaiserlichen Pomp und noch mehr nationalem Pathos von Wilhelm II. am Jahrestag offiziell eröffnet.

Historiker Harald Kächler zitierte zum Abschluss aus zeitgenössischen Quellen, wie diese nationale Jahrhundertfeier in den Gemeinden Balzheim, Wain und Dietenheim begangen wurde: Pathetisch, voller Nationalstolz, mit erstem Gesang, hell lodernden Feuern und markigen Reden. Und aus den gefallenen Webern, Tagelöhnern, Bauern und Wirten wurden in den Gedenkfeiern Helden, die sich laut Lobreden allein fürs Vaterland geopfert hätten.

Es war nicht nur informativer, sondern auch kurzweiliger Abend mit dem Historiker Harald Kächler, den der Balzheimer Volkshochschul-Leiter Robert Hartmann als vollen Erfolg verbuchen kann.