Landwirtschaft Aus Respekt vor der Schöpfung

Von Kurt Högerle 10.08.2018

Es gibt viele Gründe, warum aus alteingesessen Landwirtschaftsbetrieben Biohöfe werden – oder auch nicht. Die Familie Kobler kennt sie alle. Der „Koblerhof“ im Wainer Ortsteil Auttagershofen hat sein Bioland-Siegel erst seit 2016. Der Wechsel hatte wenig mit Ideologie zu tun, aber dafür viel mit Bewusstsein, Respekt vor Schöpfer und Geschöpfen, Achtung der Mitmenschen und von gesunder Arbeit.

„Wir als Produzenten sind die ersten, die mit den Giften in Berührung kommen“, sagt Marc Kobler, der mit seiner Frau Susanne seit dem Schlaganfall des Vaters den Betrieb führt. Für eine auf Höchstleistungen getrimmte Landwirtschaft sei der Einsatz von Pestiziden unverzichtbar. „Doch damit wollten wir Schluss machen!“ Kobler reagierte selbst körperlich, wenn er die Gifte ausbrachte. „Er plagte sich mit starker Migräne“, erzählt Susanne Kobler. „Da war es dann konsequent zu sagen: Wir packen‘s an!“ Koblers respektieren aber auch Kollegen, die sich anders entscheiden: „Viele Bauern kümmern sich sehr gut um ihre Tiere, ohne deswegen gleich auf Öko zu machen“, sagt die fünffache Mutter und verweist mit einer Handbewegung auf einen der benachbarten Höfe.

Bis 1938 war der heutige Bauernstelle als „Röster-Hof“ bekannt, mit allem, was dazugehört: Ackerbau, Kühe, Schweine und Hühner. Als der Hof nach dem Tod der damaligen Eigentümer ohne Nachfolger dastand, gelang es einem Knecht, die Erben auszuzahlen und den Hof zu übernehmen. Dieser Knecht war der Großvater von Marc Kobler. Nach dem Krieg war der Koblerhof ein typischer Vollerwerbsbetrieb, wie es in der Region damals viele gab. Doch schon damals galt: Wer überleben wollte, musste expandieren und intensivieren. 1957 entstand in Auttagershofen ein Stall, um die Hühner intensiver zu halten zu können. Zehn Jahre später folgte die nächste Verdichtung zur Käfighaltung. 1975 legte ein Brand den neuen Kuhstall in Schutt und Asche, 15 Jahre später ereilte den Schweinestall das gleiche Schicksal.

Als das junge Paar den Hof 2000 übernahm, ging es den Weg zurück: 2002 liefen die ersten Hühner wieder draußen, 2010 wurde der letzte Käfig abgebaut. 2015 entschied man sich für Bioland als Zertifizierungspartner. „Wir denken, wir haben für uns die richtige Wahl getroffen.“ Denn obwohl Bioland seine Vorschriften sehr streng auslege und die Umstellung wegen der alten Gebäude sehr viel mehr Aufwand als ohnehin bedeutet hätten, schätzen die beiden das Gesamtkonzept des Zertifizierers. „Er fördert regionale Unabhängigkeit, neue Perspektiven in der artgerechten Geflügelhaltung und nachhaltigen Ackerbau.“

Futter von eigenen Äckern

Das Futter stellen die Koblers selber her: Zu einer Mischung aus Mais und Getreide geben  sie selbst angebaute Sojapflanzen als Eiweißquelle, denn die Tiere benötigen sehr viele Proteine. Dazu kommen noch verschiedene Ölsaaten und Zusätze wie Kalk, die frisch und nach Bedarf zusammengemischt werden. Dieses Futter haben die Hühner in ihren Stallungen, neben frischem Gras.Draußen auf den Wiesen finden sie Würmer und jede Menge Abwechslung. Trotz der extensiven Haltung legen Koblers Hennen an die 8000 Eier täglich, die sie zu einem kleinen Teil selber vermarkten. Der Großteil findet aber seinen Weg in die Supermärkte der Region.

60 Hektar Grund

Nicht alle sind einverstanden mit dieser Wirtschaftsweise. Mancher konventionell arbeitende Bauer sieht es nicht gern, wenn auf seinen verpachteten Äckern ohne Pestizide und Glyphosat gearbeitet wird. Von den 60 Hektar Grund, auf denen der Wainer Familienbetrieb wirtschaftet, ist das Meiste dazu gepachtet.

Auf der anderen Seite machen den Koblers manchmal Leute das Leben schwer, denen ihre Wirtschaftsweise nicht „Bio“ genug ist. Susanne Kobler berichtete von aufgebrachten Kunden, die ihr „Verrat“ vorgeworfen hätten, weil sie mit Handelsketten zusammenarbeite. „Und nicht wenigen fehlt das Verständnis dafür, dass auch auf Bio-Höfen Hühner nach einiger Zeit geschlachtet werden“.

Auch wenn die Koblers sich nicht sicher sind, ob sie den Kräfte zehrenden Umstellungsprozess heute noch einmal bewältigen würden: Ihre Hühner nach Bioland-Kriterien zu halten, ist für die beiden alternativlos. „Es geht um Fairness gegenüber dem Huhn und dem Menschen, aber auch um Respekt vor dem Schöpfer.“

Demeter, Bioland und Naturland  

Die Verbände Bio-Bauern sind meist bei Demeter, Bioland oder Naturland organisiert. Diese Anbauverbände verleihen ihr Siegel an Betriebe, die sich verpflichten, nach deren Vorgaben zu wirtschaften. Allen drei ist gemein, dass die Kontrollen engmaschiger und strenger sind als die Vorgaben der Europäischen Union, die das EU-Bio-Siegel verleiht. Diese Serie stellt in loser Folge Höfe und Menschen vor: von der Brennerei bis zum Hühnerhof, vom Milchviehbetrieb bis zum Getreidebauern. Landwirte erzählen, wieso sie sich entschlossen haben, neue Wege zu gehen und geben Auskunft über teils langwierige Prozesse bis zum Ziel.

Demeter Von den wichtigsten Anbauverbänden ist der Demeter-Verband der älteste: Schon 1930 ließen Landwirte, die nach anthroposophischen Ideen arbeiteten, die Verwertungsgesellschaft „Demeter“ als Marke eintragen. Als Begründer der Bewegung gilt der Anthroposoph Rudolf Steiner. Mondphasen und Homöopathie spielen eine gewichtige Rolle in der täglichen Arbeit. Demeter-Richtlinien gelten als die strengsten.

Bioland Erheblich jünger ist der mit 7000 Mitgliedsbetrieben stärkste Anbauverband „Bioland e.V.“ Die Philosophie der Bioland-Landwirte ist geprägt von der Ablehnung synthetischer Pestizide und Mineraldünger.Bioland-Bauern legen besondere Aufmerksamkeit auf Kreislaufwirtschaft, fairen Handel und faire Bezahlung. Tiere werden artgerecht gehalten.

Naturland ist der jüngste Verband. Gründung war 1982. Naturland ist international ausgerichtet. Von den 54 000 Mitgliedern in 52 Ländern wirtschaften 3500 in Deutschland. Die Naturland-Kriterien ähneln Bioland, sind aber nicht ganz so detailliert.

EU-Biosiegel EU-Bio dominiert die Regale in den Discountern. Die Bauern müssen zu mindestens 95 Prozent folgenden Kriterien einhalten: Verzicht auf chemische Pflanzenschutz- und Düngemittel, höchstzulässige Anzahl von Tieren pro Hektar, artgerechte Haltung, biologische Futtermittel sowie Verbot von Antibiotika zu anderen als medizinischen Zwecken,Verbot von Gentechnik. In Lebensmitteln sind nur 49 Zusatzstoffe erlaubt, statt der 316 in konventionellen Produkten. Die Nutzer werden mindestens einmal jährlich kontrolliert, ungefähr jeder fünfte Besuch erfolgt unangemeldet.

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