Als Ronja Schmitt bei der Hofbesichtigung eine Kuh streichelte und den intensiven Stallgeruch einatmete, dürfte sie geahnt haben, dass dies der angenehme Teil des Nachmittags war. Kurze Zeit später wurde deutlich, dass sie sich auf heiklem Terrain befand. Auf dem Hof der Milchbauern Sigrid und Gerhard Wolf stellte sie sich der Diskussion mit rund 40 Landwirten und Interessierten.

Die zeigten sich "bitter enttäuscht", wie Hans Foldenauer sagte, Sprecher des Verbands Deutscher Milchviehhalter (BDM). Enttäuscht von der Politik der Bundesregierung - und den Politiker im Allgemeinen. Man fühle sich als "Leibeigene", als "Aussätzige" oder gar "Huren der Politik". Anstoß für die derbe Wortwahl war der Unmut über den Milchpreisverfall. Seit dem Auslaufen der Quote im März 2015, aber auch schon in den Jahren zuvor, war der Milchpreis in den Keller gefallen. Rund 30 Cent erhalten Bauern in der Region zurzeit für das Kilo Milch. Um die Produktionskosten zu decken, seien mindestens 40 Cent nötig. Über die Gründe für und Maßnahmen gegen die Krise wird vielerorts debattiert - in Brüssel wie in Berlin, aber vor allem auch in ländlichen Gemeinden wie Börslingen.

75 Kühe hat Gastgeber Wolf in seinem Stall stehen. Im vergangenen Jahr habe das Vieh seinen Haltern im Durchschnitt 40.000 Euro weniger Gewinn beschert, klagt er. "Auf Dauer geht das nicht." Aus dem Privatvermögen müsse die Familie Geld zuschießen. Der Betrieb stehe mit dem Rücken zur Wand.

In einem Punkt sind sich alle einig: Es ist zu viel Milch auf dem Markt. Dabei würden vor allem junge Bauern weiterhin auf Vollgasproduktion getrimmt. Vor allem Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) habe die Bauern zur Mehrproduktion animiert. "Die Union verfolgt das Prinzip Wachsen oder Weichen", sagte einer der Landwirte. Liquiditätshilfe und Exportoffensive würden lediglich die Folgen, nicht aber die Ursachen der Krisen bekämpfen. Stattdessen fordert der Verband der Deutschen Milchviehhalter, in Krisenzeiten Milch aus dem Markt zu nehmen und die Produktion zu deckeln "Es funktioniert nicht ohne Steuerung", meinte Karl-Eugen Kühnle, BDM-Landesvorsitzender.

Ronja Schmitt entgegnete: "Die Quote alleine war auch kein Garant für stabile Erzeugerpreise." Eine Ursache für den Preisverfall sei das Russland-Embargo, das den Export gehemmt habe. Unerlässlich aber sei für sie ein Ende des "ruinösen Preiskampfs im Einzelhandel." Die Landwirte müssten mehr Erlöse aus der Wertschöpfungskette vom Produzenten bis zum Verbraucher erhalten. Auf dem Lebensmittelgipfel, der in Berlin stattfindet, werden diese Themen diskutiert. Außerdem müssten weiter europäische Lösungen gefunden werden. "Zurück zur Milchquote, das finde ich schwierig", betonte sie.

Beim BDM habe man nie von einer Rückkehr zur Quote geredet, vielmehr fordere man einen "gezielten Eingriff", betonte Verbandssprecher Foldenauer. "Alles, was irgendwie nach Regulierung klingt, wird als Tabu gesehen." Das habe nicht mehr viel mit Sozialer Marktwirtschaft zutun. Nur mit dem Prinzip Hoffnung alleine sei den Landwirten nicht geholfen.

Schmitt ließ sich schließlich doch noch zu einem Bekenntnis hinreißen - ganz im Sinne der Milchviehhalter: "Die bäuerlichen Betriebe sind das Rückgrat unserer ländlichen Wirtschaft", erklärte sie und fügte hinzu: "Diese Vielfalt auf dem Land muss erhalten bleiben."

Sie versprach, die Vorschläge in die Diskussion in Berlin miteinzubringen. Da zeigten sich die Milchviehhalter schon etwas versöhnlicher: "Sie sind gerne einmal in unseren Betrieb eingeladen", sagte einer. "Dann arbeiten Sie mit von morgens bis abends. Aber Gummistiefel mitbringen!"