Leipheim/Gundremmingen Atomexperte Dieter Majer erklärt die Risiken im Atomkraftwerk Gundremmingen

Ex-Aufseher Dieter Majer hält die Kernenergie für zu gefährlich.
Ex-Aufseher Dieter Majer hält die Kernenergie für zu gefährlich.
Leipheim/Gundremmingen / STEFAN CZERNIN 23.04.2012
Dieter Majer war für die Sicherheit der Kernkraftwerke zuständig. Jetzt erklärte er vor Atomkraftgegnern in Leipheim, warum er Kernkraftwerke wie das in Gundremmingen für zu gefährlich hält.

Wenn eine Anti-Atomkraft-Initiative einen Referenten einlädt, ist klar: Ein Loblied auf die Kernkraftnutzung ist dann sicher nicht zu erwarten. Der Verein "Forum" hatte Dieter Majer nach Leipheim eingeladen zum Thema "Die Risiken im AKW Gundremmingen", etwa 80 Zuhörer waren zum Vortrag des ehemaligen Leiters der Abteilung "Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen" im Bundesumweltministerium gekommen. Sie erlebten den Ingenieur als kritischen Kopf, der die Risiken der letzten beiden in Deutschland noch am Netz befindlichen Siedewasserreaktoren anhand technischer Kriterien aufzeigte, klar formulierte, aber nicht dramatisierte.

Majer hat eine ansehnliche Beamtenkarriere hingelegt, von 1982 bis zu seiner Pensionierung 2011 war er im Bereich Kerntechnik-Aufsicht tätig. Er arbeitete unter Joschka Fischer (Grüne) im hessischen Umweltministerium und wechselte dann nach Berlin ins Bundesumweltministerium.

Dort wurde er Chef der 50 Mann starken Abteilung für die "Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen", seine Dienstherren waren Jürgen Trittin (Grüne) und Sigmar Gabriel (SPD). Seinen Ruf nach Berlin hatte er auch seinem kritischen Ruf in Sachen Kernkraft zu verdanken, sagt Majer in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Er habe "sehr hohe Qualitätsansprüche" an die Kernkraftwerke gehabt - und bei Defiziten rigoros dafür plädiert, diese vom Netz zu nehmen, bis der Schaden behoben ist. Teils sei er wegen seiner konsequenten Haltung "politisch instrumentalisiert" worden, so Majer. "Das gebe ich zu." An jedem Tag, an dem ein Kernkraftwerk stillsteht, entstehe dem Betreiber ein Schaden von etwa einer Million Euro. "Eine Riesenbetrag." Geht ein Kernkraftwerk bei einem Schaden sofort vom Netz oder wird die Reparatur stattdessen bis zur kommenden Revision verschoben? Über diese Frage entscheide nicht zuletzt, ob der zuständige Umweltminister ein grünes oder ein schwarzes Parteibuch habe. In Bayern etwa sei die Atomaufsicht eher lax, findet Majer.

Das benachbarte Atomkraftwerk Gundremmingen, für dessen sofortige Abschaltung die Bürgerinitiative "Forum" kämpft, interessierte die Zuhörer besonders. Bei einem Siedewasserreaktor sei es konstruktionsbedingt bei einem Störfall schwieriger zu verhindern, dass Radioaktivität nach außen dringe, so Majer. Zu den Gefahren, die zu einem ernsthaften Störfall führen können, zählte der 65-Jährige unter anderem auf: Stromausfall mit Versagen der Kühlung, Brand, Fluzeugabsturz, Materialfehler und -alterung, menschliches Versagen.

Bei einem Siedewasserreaktor komme erschwerend hinzu, dass die sogenannte Schnellabschaltung für Notfälle ein durchaus anspruchsvoller Vorgang sei. "Das ist keine einfache Technik, die sicher funktioniert." In Gundremmingen etwa müssten 193 Steuerstäbe in den Reaktor geschossen werden, um eine Abschaltung sicherzustellen. "Das ist wie eine Vollbremsung mit dem Auto aus 200 Stundenkilometern." Bislang, fügte Majer hinzu, habe die Schnellabschaltung in Deutschland jedoch immer funktioniert.

Auch die Bürokratie zählt der Insider Majer zu den Risikofaktoren. Werde ein Defizit in einem Kraftwerk bekannt, setze oft eine Kettenreaktion aus Anträgen und Stellungnahmen zwischen Landesaufsicht, Tüv, Bundesaufsicht, Reaktorsicherheitskommission und der Gesellschaft für Reaktorsicherheit ein. "Jeder beruft sich auf den anderen, keiner übernimmt Verantwortung."

"Die Atomenergie ist eine gefährliche Sache" resümierte Majer. Weil ihr Schadenspotential so gewaltig sei. Und weil Fehler manchmal an Stellen auftreten, wo niemand damit gerechnet hat. Im Kernkraftwerk Biblis etwa sei irgendwann aufgefallen, dass 4000 Dübel falsch montiert waren. Das Kraftwerk stand für die Reparatur eineinhalb Jahre still.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel