Langenau Am Anfang Pfadfinder ausgerüstet

Auf zwei Etagen verkauft der Süd-West-Versand in Langenau Ware direkt aus dem Lager. Das Hauptgeschäft läuft aber per Post. Foto: Lars Schwerdtfeger
Auf zwei Etagen verkauft der Süd-West-Versand in Langenau Ware direkt aus dem Lager. Das Hauptgeschäft läuft aber per Post. Foto: Lars Schwerdtfeger
Langenau / AXEL HABERMEHL 06.07.2012
Als der Süd-West-Versand 1948 gegründet wurde, war vom Outdoor-Boom noch keine Rede. Heute setzt die Branche Milliarden um. Auch das Versandhaus ist gewachsen - trotz einiger Hindernisse.

Es ist seit Jahren das gleiche Bild: Wer durch deutsche Städte spaziert, kommt sich bisweilen vor wie im Wanderurlaub. Die Zeiten, in denen höchstens Pfadfinder und Bergsteiger mit Cargohose, Fleecejacke und Rucksack das Haus verließen, sind vorbei. Immer mehr Leute suchen im Urlaub das Abenteuer, gleichzeitig hat Outdoor-Bekleidung die Büros erobert. Die Übergänge zwischen Sport und Mode, zwischen Funktion und Lifestyle sind längst aufgelöst. "Früher war Outdoor eine Nische. Heute trägt es jeder", sagt Serdar Cibir, Sprecher des Süd-West-Versands in Langenau.

Das Versandhaus ist eines der ältesten für Outdoorbedarf in Deutschland. Sein Gründer Helmut Hauser eröffnete den Betrieb schon 1948 als Versand für Pfadfinderzubehör. Den ersten Katalog erstellte er in einem Zimmer einer Ulmer Wohnung. Mit einer Schreibmaschine und drei Angestellten. "Das war eher ein Bedarfsblatt für Jugendgruppen", sagt Cibir. Sechs Seiten in Schwarz-Weiß, auf denen vor allem Zelte und Zubehör beworben wurden. "Damals war das noch ein bisschen exotisch."

Mit den Jahren wuchs der Katalog und damit die Firma. Nach und nach kamen Rucksäcke, Schlafsäcke und Kleidung ins Sortiment, später auch Schuhe und Mittelalter-Nostalgika. In den 70er Jahren machte die Firma gute Geschäfte mit ausgemusterten Bundeswehrbeständen. Heute ist der Katalog aufwendig gestaltet, über 400 Seiten stark und erscheint in einer Auflage von 260 000 Stück. Wer will, findet darin Ausrüstung für fast jede Gelegenheit - ob Zeltlager, Berg- oder Kanutour.

"Mit der heutigen Größenordnung war das nicht vergleichbar, als ich angefangen habe", sagt Konrad Jung, der seit 1971 im Betrieb ist. Heute ist er Prokurist und kümmert sich um den Einkauf der Ware. Nach einigen Umzügen innerhalb Ulms schlug der Versand 1994 sein Lager am heutigen Ort auf, in der alten Tuchmacherei in Langenau. In diesen Jahren explodierte die Outdoor-Branche. Immer mehr Menschen suchten in der Natur nach Abenteuern abseits des Alltags. Es entstanden neue Trend-und Extrem-Sportarten und ein massenhaftes Bedürfnis nach individueller Freizeitgestaltung. Die Nische wurde zum Massenmarkt. Heute ist der Outdoor-Bereich ein Milliardengeschäft und macht rund 20 Prozent des deutschen Sportfachhandels aus, sagt Peter Thürl vom Verband des deutschen Sportfachhandels.

Der Süd-West-Versand jedoch geriet in den 90er Jahren in Schwierigkeiten. Die Gesellschafter wechselten, branchenfremde Investoren stiegen ein. Es gab Konflikte zwischen den Eignern und der Sohn des Gründers griff in die Firmenkasse. Am Ende standen Gerichtsverfahren und die Insolvenz 1997. Danach übernahm der heutige Geschäftsführer Tino Maul den Versand. Maul, damals erst 27 Jahre alt, kannte die Branche. Sein Vater hatte in München die Maul Sport Company aufgebaut, die mit Freizeitjacken groß geworden war und sich Mitte der 90er Jahre auf Outoor-Bekleidung spezialisiert hat.

Nun wuchs der Langenauer Versand wieder - und zwar kräftig. Arbeiteten 1997 noch 45 Mitarbeiter in der alten Tuchmacherei, sind es jetzt 95. Damals setzte der Betrieb 13 Millionen Mark um. Heute will man sich zu Geschäftszahlen nicht mehr äußern. "Wir wachsen und beliefern ganz Europa. Neulich hatte ich sogar eine Anfrage aus Australien", sagt Prokurist Konrad Jung. Der Versand beschäftigt ständig mehrere Auszubildende und Studenten der Dualen Hochschule Heidenheim.

Neben den Kunden, die der Katalog erreicht, der zweimal im Jahr mit der Post verschickt wird, läuft der Verkauf auch auf zwei Etagen im Langenauer Firmensitz. Besonders Restposten und reduzierte Ware wird hier verkauft. Vor allem zur Urlaubszeit kämen Kunden von weit her. Und natürlich wird der Internet-Handel seit Jahren immer wichtiger. Rund 30 Prozent mache er inzwischen aus. Die Internetseite verzeichne 170 000 Besucher im Monat.

Ungefähr 700 Pakete verlassen im Schnitt pro Tag das Lager, wo rund ein Drittel der Angestellten arbeitet. Vor Weihnachten könnten es auch mal 1000 Pakete werden, sagt Lager-Chef Arkadiusz Sikorski. Jeden Morgen bringt die Post eine leere Containerbrücke auf das Firmengelände, abends wird sie abgeholt. Voll mit Ware für den nächsten Abenteuerurlaub - oder eben für den Tag im Büro.

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