Lokalgeschichte Hungerjahre: Als Sägespäne mit ins Brot kamen

Merklingen / Thomas Spanhel 08.02.2018
Der Merklinger Schäfer Michael Eitle hat Notizen über die Hungerjahre 1816 und 1817 gemacht. Jetzt sind sie publiziert.

In den Hungerjahren 1816 und 1817 mussten Merklinger zu ungewöhnlichen Nahrungsmitteln greifen. Es gehöre zur mündlichen Familienüberlieferung, dass „die Kinder während der Hungerjahre mit den Männern zum Holzmachen in den Wald gingen, um auf Tüchern die Sägespäne aufzufangen“, erzählte Hermann Eitle am Mittwoch in Merklingen während einer Veranstaltung der Interessengemeinschaft für Geschichte und Brauchtum Merklingen (IGM). Die Sägespäne wurden damals beim Brotbacken verwendet.

Das Jahr 1816 stellte den negativen Höhepunkt der sogenannten „Kleinen Eiszeit“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts dar und ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Jakob Salzmann von der IGM hatte den früheren Münsinger Archivar Günter Randecker bewogen, die sogenannte „Merklinger Hungerchronik“ von Michael Eitle, die genau diese Zeit abdeckt, eingehender zu untersuchen. Rund 50 Geschichtsinteressierte kamen in den Versammlungsraum des Merklinger Albvereins, um die Hungerchronik bei einer Vorstellung durch die Herausgeber sowie Peter Bachteler kennenzulernen.

Vulkanausbruch als Grund

„Die Notzeit ging auch an Merklingen nicht spurlos vorüber“, sagte Randecker. Die Armen suchten nicht nur in Sägespäne Zuflucht, sondern auch in gekochtem Gras, Klee, Wurzeln und Heu. Die Kirchengemeinde, der Magistrat, das Oberamt Blaubeuren, der Wohltätigkeitsverein, begüterte Bauern und Schäfer sowie die württembergische Regierung und Königsfamilie sprangen ein und halfen – von 18 Bedürftigen ist in Merklingen die Rede. Grund für die schwierigen Verhältnisse war der Vulkan Tambora im heutigen Indonesien, der am 5. April 1815 ausgebrochen war. Die Energie, die der Berg damals freisetzte, entsprach wohl 170­.000 Hiroshima-Bomben. Es war der größte Vulkanausbruch der letzten Jahrtausende, es wurden bis zu 150 Kubikkilometer Asche und Gestein in die Stratosphäre geschleudert. Michael Eitle schreibt in seinen handschriftlichen Notizen über den Frühling des Jahres 1816 in Merklingen, was so „ganz besonders“ war: „Man hat nicht gemeint, dass ein Laub herauskommt. Man hat schier nicht aussäen können vor Nässe.“ Futter wurde durch die Regenfluten weggeschwemmt, die Hoffnung auf eine gute Ernte „verwandelte sich in Traurigkeit“: „Vom Hafer hat man kaum den vierten Teil bekommen.“ Wegen des „fürchterlich nassen Sommers“ habe es „Schäfersleut gegeben, die nichts mehr gehabt haben als ihren Stecken“. Eitle selbst hat die Hälfte seiner Lämmer eingebüßt, berichtete Randecker.

Eitle schrieb auf, dass den Leute das Geld ausging und das Weberhandwerk zum Erliegen kam, weil die Getreidepreise in die Höhe schossen und es keinen Flachs gab. Dass allerdings – wie aus anderen Orten berichtet wurde – alte Pferde geschlachtet oder verendetes Tier gegessen wurde, davon notierte Eitle nichts.

Kirchenkonvent sorgt vor

Durch Beschlüsse des Kirchenkonvents und eigene Vorräte konnten die Folgen des Hungerjahres einigermaßen erträglich gehalten werden, kommentierte Salzmann und äußerte seinen Respekt vor den Beschlüssen der damaligen Gremien.

Randecker resümierte, dass Eitles Merklinger Hungerchronik verlässliche Daten über die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts liefere. Anders als etwa die Hungerchronik des Laichinger Rektors Christian August Schnerring. Dieser hatte die sogenannte Laichinger Hungerchronik zwischen 1913 und 1916 geschrieben – unter anderem auch als eine antisemitische Schrift, wie Randecker herausfand (wir berichteten).

Merklinger Hungerchronik neu veröffentlicht

Buchvorstellung Der bis 1826 in Merklingen lebende Schäfer Michael Eitle und seine Nachkommen haben wichtige Ereignisse von 1804 bis 1895 in einem Schäferbuch festgehalten. Der frühere Münsinger Archivar Günter Randecker hat, unterstützt von Jakob Salzmann und der Interessengemeinschaft für Geschichte und Brauchtum, die Notizen Eitles zwischen 1816 und 1818 neu herausgegeben. Ergänzt werden sie durch weitere Aufzeichnungen Eitles und andere Materialien. Das Buch gibt es für 15 Euro: Jakob Salzmann, Tel. (07337) 61 02.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel