Auszeichnung Als erstes müssen sich die Eltern ändern

Ministerpräsident Wilfried Kretschmann hat am Samstag Anna Martini (links von ihm) und 19 weitere Bürger für ihren außerordentlichen ehrenamtlichen Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Ministerpräsident Wilfried Kretschmann hat am Samstag Anna Martini (links von ihm) und 19 weitere Bürger für ihren außerordentlichen ehrenamtlichen Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. © Foto: Staatsministerium
Petra Laible 04.12.2018

Wenn das Kind fällt, hebt man es auf. Wenn etwas schief geht, helfen Eltern aus der Patsche.  Wer ein suchtkrankes Kind hat, sollte lernen, sich das zu verkneifen. Diese schmerzliche Erfahrung mussten auch Anna und Hans-Georg Martini aus Erbach- Dellmensingen machen.

Die beiden kennen sich mit der Thematik aus – notgedrungen. Ihr Sohn war ein Kiffer, die Familie drohte daran zu zerbrechen. „Ich bin aus eigener Betroffenheit 2001 in die Rolle der stellvertretenden Leiterin des Elternkreises Ulm geschlüpft“, erzählt Anna Martini – einer Selbsthilfegruppe für Eltern suchtgefährdeter und suchtkranker Kinder, die in der Region einmalig ist – vom Allgäu, von Oberschwaben bis auf die Ostalb in den Stuttgarter Raum.

Zehn Jahre lang, von 2007 bis 2017, leitete die Dellmensingerin den Elternkreis, erstellte Flyer, eine Homepage, vernetzte diesen bundesweit, organisierte Fachvorträge, gestaltete das Suchthilfekonzept mit, war Kassenprüferin im Selbsthilfebüro KORN. Dafür hat ihr Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Stuttgart das Bundesverdienstkreuz verliehen (siehe Infokasten).

„Es geht mir nicht darum, dass ich in die Zeitung komme“, sagt sie gleich zu Anfang des Gesprächs. Wichtiger sei, dass der Elternkreis Ulm in die Öffentlichkeit rücke. Denn ganz wenige Eltern suchten überhaupt Hilfe. „Das ist nach wie vor ein mit Scham besetztes Thema“, sagt sie. Zumal immer noch die Meinung herrsche, dass hinter der Sucht des Kindes ein Versagen des Elternhauses stecke – auch wenn das wissenschaftlich widerlegt worden sei. Anna Martini bekam den Satz erst vor ein paar Tagen zu hören – am Tag der Auszeichnung in Stuttgart von einem anderen Gast.

„Die meisten Eltern haben ein suchtverlängerndes Verhalten“, sagt Anna Martini klipp und klar. Sie helfen dem kranken Kind, zahlen die Miete, die Stromrechnung, die Schulden ... dann gehe das Gleiche wieder von vorne los.   Im Elternkreis werden sie von ebenso betroffenen Eltern darin bestärkt, ihr Verhalten zu ändern.

Nicht herzlos

„Es geht nicht darum, dass man herzlos ist und das Kind weniger liebt“, sagt die Fachfrau. Sondern darum, sich von der Sucht des Kindes zu distanzieren, diese nicht weiter zu vertuschen. Es helfe dem Süchtigen – egal ob Drogen, Alkohol, Legal Highs, Glücksspiel, Computerspiele, Internet –, wenn man sich zurücknimmt, nicht aber zurückzieht.  Nur dann bekomme dieser den Impuls, etwas zu ändern. „Das ist als Eltern wahnsinnig schwer auszuhalten.“ Zumal man auch von außen Schuldzuweisungen ertragen müsse, auch mal als „Rabeneltern“ bezeichnet werde, ergänzt ihr Mann, der sich jahrelang um die Finanzen des Elternkreises kümmerte. Es „ist eine „Achterbahnfahrt“ für die Eltern, sagt der 70-Jährige. Deshalb seien die Treffen so wichtig. „Damit die alten Hasen den anderen Eltern sagen können, das mit eurer Schuld könnt ihr euch aus dem Kopf schlagen.“

Von weit her fahren die Eltern  zu den 14-tägigen Treffen, „Ihr Druck ist so groß, dass sie abends weite Strecken auf sich nehmen“, erklärt Anna Martini. Sie weiß, wovon sie spricht. Von der riesengroßen Angst um das Kind, dessen Zukunft, um die Familie. Es gehöre zu dem typischen Muster, dass der Kranke die Familienmitglieder auseinander dividiere, um Luft für seine Abhängigkeit zu schaffen. „In jeder Sucht hängen alle Familienmitglieder drin, die Eltern, Geschwister, Großeltern“, sagt sie. Damit sich etwas ändere, müssten alle an einem Strang ziehen.

Bei Anna und Hans-Georg Martini ging es gut aus. Ihr Sohn führt ein geregeltes Leben und hat sie im Nachhinein darin bestätigt. Er habe gesagt, dass sie ihn nicht mehr in seiner Antriebslosigkeit unterstützten, „war das Beste, was ihr tun konntet“.

Offen für alle Süchte, die das Kind betreffen

Verdienstorden „Die Ehrenamtlichen machen das Schicksal der Anderen zu ihrer eigenen Sache. Sie nehmen Anteil und übernehmen Mitverantwortung“, hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Samstag betont, als er 20 Bürgern das Verdienstkreuz des Bundes am Bande überreichte. Dies halte eine Gesellschaft zusammen.„Mit dem Mitgefühl, der Kraft und den Gedanken, die Sie einbringen, schaffen Sie Verlässlichkeit für uns alle und bereichern unsere Gemeinschaft. Ich danke Ihnen für das, was Sie unserem Land und seinen Menschen Gutes getan haben“.

Elternkreis Die Selbsthilfegruppe für Eltern suchtgefährdeter und suchtkranker Kinder in Ulm wird von einem achtköpfigen ehrenamtlichen Team aus Eltern geleitet. Die Treffen im Bürgerhaus Mitte, Schaffnerstraße 17, finden 14-tägig statt, es gibt zwei Gruppen. Wer Hilfe sucht, egal ob aus Baden-Württemberg oder Bayern: Ein Erstkontakt ist möglich per Telefon unter (0151) 75 04 92 90 oder per E-Mail unter selbsthilfe@elternkreis-ulm.de. Mehr Informationen: www.elternkreis-ulm.de

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