Berlin / WOLFGANG BRENNER Ein Linse erobert Berlin. Um genauer zu sein: Die schwäbische Alblinse, angebaut und geerntet im Stadtteil Spandau, erobert Berlin. Um die Situation nicht wieder eskalieren zu lassen, hat Alblinsen-Züchter Benedikt Haerlin präventiv zum Kreuzberger Spätzlefrieden in die Prinzessinen-Gärten geladen.

Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ist dann doch nicht gekommen zum "Kreuzberger Spätzlesfrieden". So hatte Benedikt Haerlin, Mitbegründer des Weltacker-Projekts, das Event um die Berlin-Premiere der schwäbischen Alblinse tituliert. Auf seinem Feld in Berlin-Spandau hat Haerlin eine 80 Quadratmeter große "Schwabenecke" eingerichtet und darauf Alblinsen angebaut. Die gediehen gut, wurden geerntet, in Büscheln getrocknet und am Donnerstag zeremoniell ausgedroschen. Gut 40 interessierte Hauptstädter, die dafür in die Kreuzberger Prinzessinnengärten gekommen waren, durften sie dann zusammen mit frisch gekochten Spätzle verkosten.

"Linsen dreschen ist immer noch besser als Schwaben dreschen." Mit launigen Worten versuchte der Lauteracher Bio-Landwirt Woldemar Mammel dem aufgebauschten Berlin-Schwaben-Zwist die Luft rauszulassen und aufs eigentliche Thema zurückzukommen: seine "Alb-Leisa". Allein, man ließ ihn nicht so recht. Immer wieder musste der Pate der Alblinsen die Friedenspfeife rauchen.

Das Meiste, was so über den Zwist zwischen Schwaben und Berlinern geschrieben werde, halte er für "Blödsinn", sagte er. Und schlug lieber einen großen Bogen von seinem streng regional angebauten Produkt hin zu Putin, der Ukraine-Krise und der Hilfe, die er bei seiner Suche nach der Alblinse von der Samenbank in St. Petersburg erhalten hatte. In einem schweren Koffer hatte Mammel seine zum abendlichen Verzehr gedachten Alblinsen von zu Hause mitgebracht. "Keine Eulen nach Athen - aber Linsen nach Berlin." Die Kocherei der ersten Berliner Linsenernte hätte einfach zu lange gedauert. Eher fürs Verständnis war daher das kollektive Dreschen, bei dem den dürren Büscheln durchs Schlagen an die Innenwand einer Regentonne die Alblinse abgetrotzt wurde.

"Solangs kleppert, kommen noch welche", sagte Mammel zur mühseligen Arbeit und erläuterte als Mann mit Mission geduldig die weiteren Arbeitsschritte vom Ausblasen und "der letzten Ölung", der Tischauslese. Er selbst war 1962 zuletzt in Berlin, bei der Abi-Fahrt. Da habe es natürlich noch ganz anders ausgesehen. Und gerade in der Großstadt hätten die Leute ja meist keinen Bezug zur Nahrung. Und von der Linsenpflanze keine Ahnung. Nicht lange gezögert hatte er deshalb, als das Berliner Projekt sein Saatgut wollte.

Rein rechnerisch hätte Benedikt Haerlin von seinem Weltacker an die acht Kilo Linsen ernten können. Dass es nun bedeutend weniger werden, liegt aber nicht am Boden. Bei der Trocknung sei einiges schief gelaufen. "Der schwäbische Alb-Steinacker ist dem brandenburgischen Sandsteinacker verwandter als es manchen recht ist", ließ er am Ende verlauten. Das Schwaben-Berlin-Thema ist auch einfach zu verlockend.