Region / Von Pia Reiser

Das Fliegen hat Albert Schneider schon immer fasziniert. Als kleiner Bub sollte er die Kühe hüten, schaute aber viel lieber den Bussarden zu. Beobachtete, wie sie sich mit Hilfe der Thermik in die Höhe schraubten – und verlor dabei die Kühe aus den Augen. Mit acht Jahren sprang er mit einem Regenschirm vom Dach und brach sich zweimal den Arm. Trotzdem, Schneider blieb beim Fliegen: er baute und steuerte jahrelang Modellflugzeuge. Bis er einmal beim Wandern auf der Schwäbischen Alb die charakteristischen bunten Halbrunde am Himmel sah: Gleitschirmflieger. Er kam ins Gespräch mit den Piloten, die Faszination hatte den heute 70-Jährigen aus Ober­dischingen schnell gepackt.

Inzwischen fliegt Albert Schneider seit über 30 Jahren Gleitschirm, ist in mehreren Vereinen aktiv und Gründungsmitglied der Flugfreunde Ulm/Donautal. Dessen Mitglieder kommen bis aus Illertissen, Elchingen, Ehingen und von der Schwäbischen Alb. Die Piloten fahren gemeinsam nach Griechenland, Spanien und Italien oder verabreden sich kurzfristig zum Trip in die Berge – wenn das Wetter passt. Nun, da der Schnee in den Tälern schmilzt und die Thermik Fahrt aufnimmt, stehen die Gleitschirmflieger schon in den Startlöchern, erzählt Klaus Römer, Vorstand der Flugfreunde.

Besonders das Streckenfliegen ist im Verein beliebt, die deutschen Meister Hans Walcher und Monika Mack kommen aus ihren Reihen. Weite Strecken zurückzulegen, ist auch die Leidenschaft von Albert Schneider. Auch wenn er schon 70 ist, fliegt er gerne 50 bis 60 Kilometer weit. „Das ist ein Abenteuer nicht nur in der Luft, sondern auch am Boden.“ Denn irgendwie muss es ja wieder zurück zum Auto gehen. Schneider trampt meistens, nutzt Bus oder Zug – abends heimgekommen ist er aber noch immer.

Voll im Trend

Gleitschirmfliegen wird immer beliebter: Der Deutsche Hängegleiterverband (DHV) verzeichnete 2017 einen Höchststand an Mitgliedern: 39 000. Doch davon ist nur rund die Hälfte in Vereinen organisiert. Dabei hat ein Verein viele Vorteile, sagt Klaus Römer. Einsteiger können etwa von der Erfahrung profitieren: „Wo kann man fliegen, wo nicht, und sie lernen neue Berge kennen.“ Die Geselligkeit zählt natürlich auch. Ebenfalls wichtig: Das Groundhandling üben – also den Umgang mit dem Gleitschirm am Boden, das Aufziehen trainieren. Die Flugfreunde haben zwar kein eigenes Fluggelände, die Mitglieder können aber einige Wiesen zwischen Illertissen und Blaubeuren-Asch, wo der Verein seinen Sitz hat, dafür nutzen.

Dabei können Spaziergänger die Gleitschirmflieger übrigens gern ansprechen, sagt Römer – und vielleicht eine neue Leidenschaft entdecken. So hat es auch Albert Schneider gemacht, und anschließend bei der Flugschule Ulm seinen Luftfahrerschein gemacht. Die Schüler üben auch auf dem alten Skihang in Schelklingen-Hütten. Dort richten die Gleitschirmflieger Urenschwang jährlich das bekannte Hüttener Pokalfliegen aus. Dass sich auf der Alb gut Gleitschirmfliegen lässt, erzählt Vorstand Ralf Straub: Dank guter Thermik konnten Piloten schon auf bis zu 2000 Höhenmeter über Hütten aufsteigen – und damit 1300 Meter über die Alb. „Das ist ein tolles Panorama!“, sagt Straub.

Mit Hubschrauber gerettet

Bei all der Freude, die Albert Schneider an seinem Hobby hat, ihm ist bewusst: „Gleitschirmfliegen ist ein Risikosport.“ Zum Glück gebe es nur wenige schwere Unfälle – 2017 waren es laut DHV sechs tödliche von deutschen Piloten. Auch Schneider ist bereits abgestürzt: Einmal flog er in den Dolomiten zu nah am Hangwald, wollte den letzten Aufwind des Tages nutzen – und verschätzte sich. Die italienische Bergwacht holte ihn per Hubschrauber aus den Bäumen. Ein anderes Mal erwischten ihn Luftturbulenzen. Er stürzte ab, zog den Rettungsfallschirm – und landete glücklicherweise im Tiefschnee. Abschrecken lässt sich Schneider von solchen Erlebnissen nicht. „Dafür bin ich zu angefressen vom Fliegen.“ Aber wichtig sei es, daraus eine Lehre zu ziehen: „Dann fliegt man eben nicht mehr 50 Zentimeter nah am Hang entlang.“ Angst habe er aber nie entwickelt: „Wenn man Angst hat, sollte man nicht mehr fliegen, Angst blockiert.“

Schule und Vereine fürs Gleitschirmfliegen

Flugfreunde Ulm/Donautal Der Verein hat kein eigenes Fluggelände, sondern macht gemeinsame Touren. Stammtisch jeden dritten Freitag im Monat, Gaststätte Gut Holz, Neu-Ulm. www.ffud.de

Gleitschirmflieger Urenschwang Der Verein hat sein Fluggelände bei Schelklingen-Hütten. www.gleitschirmflieger-urenschwang.de

Flugschule Ulm Hier kann man das Gleitschirmfliegen kennenlernen, Grundkurse belegen sowie die nötigen Luftfahrerschein-­Prüfungen ablegen. Training in Hütten, auf dem Flugplatz Laichingen, in Kärnten und Südtirol. www.flugschule-ulm.de.