"An einem einzigen Tag habe ich zwanzig Steinscheiben und zehn Beile freigelegt", erinnert sich Hermann Huber. Er und drei weitere Männer, alle zwischen 74 und 77 Jahre alt, berichteten am Donnerstag im Blausteiner Rathaus von der Ausgrabung des Steinzeitdorfs Ehrenstein 1952 und 1960. Sie waren als Schüler oder Studenten dabei. "Wir wurden fürs Vergnügen noch bezahlt", sagte Hermann Huber. In "wahnsinnig fundreichen Schichten" stießen sie auf Scherben, bearbeitete Steine, Geweihstücke und vieles mehr. Sie freuten sich über die Erfolge. Grabungsleiter Hartwig Zürn hatte aber ein Problem: Alle Gegenstände mussten vor ihrer Bergung genau eingemessen werden. "Er wurde ärgerlich, wenns zuviel wurde", berichtete Ulrich Linse.

Durch Zufall waren Bauarbeiter im Februar 1952 in der Talaue der Blau südöstlich von Ehrenstein auf die Reste der Feuchtbodensiedlung aus dem vierten Jahrtausend vor Christus gestoßen. Als ein Schlammabsatzbecken für das Kalkwerk Hilsenbeck gebaut werden sollte, fanden sich in der Baggerschaufel plötzlich ein Tongefäß und mehrere Hirschgeweihstücke. Das Kalkwerk, das Denkmalamt und das Ulmer Museum brachten im selben Jahr eine Grabung auf den Weg. Eine weitere Grabung erfolgte 1960. Heute gehört das Steinzeitdorf Ehrenstein zusammen mit 14 Fundstellen in Baden-Württemberg und 96 weiteren in den Alpenländern zum Unesco-Weltkulturerbe. Ehrenstein ist die nördlichste Feuchtbodensiedlung, gehört zu den am besten erhaltenen und hat mit den nur dort gefertigten Steinscheiben, den Ehrensteiner Scheiben, eine Besonderheit aufzuweisen. Während einer Ausstellung im Frühjahr im Blausteiner Rathaus entstand die Idee zum Treffen der "Ehemaligen".

Hermann Huber, Dr. Ulrich Linse, Peter Blankenstein und Walter Schautz schauten sich am Donnerstag an der damaligen Grabungsstelle um, von der aber nichts mehr zu sehen ist, weil sie zu ihrem eigenen Schutz von Erde überdeckt ist. Danach erzählten sie bei einer öffentlichen Veranstaltung von ihrer Tätigkeit als Grabungshelfer. Es sei im Akkord gegraben worden. Die Erde wurde im oberen Bereich nur grob "abgespatet", berichtete Huber. "Wir hatten damals schon Skrupel." Erst in tieferen Schichten, in etwa zwei Metern Tiefe, sei man behutsamer vorgegangen, feine Geflechte aus Zweigen wurden mit dem Pinsel gesäubert.

Walter Schautz durchsuchte nach der ersten Grabungsphase auf eigene Faust den Abraum, fuhr dazu vom Wohnort Söflingen mit dem Rad nach Blaustein. "Mich hat niemand daran gehindert, die Häufen zu durchwühlen." Er fand unter anderen einen durchbohrten Hirschzahn, eine so genannte Grandel. Für ihn die Erkenntnis, dass schon vor 6000 Jahren Schmuck hergestellt wurde. Schautz, der später Kunst studierte, sammelte die Artefakte in Papierschächtelchen. Am Donnerstag zeigte er Fotos davon der Archäologin Sabine Hagmann, Leiterin der Arbeitsstelle für Feuchtboden- und Unterwasserarchäologie des Denkmalamts in Hemmenhofen. Funde, die für die Wissenschaft interessant sind, wolle er ihr gern übergeben, sagte Schautz. "Ich habs mitgenommen, aber es ist erhalten und wissenschaftlich bearbeitbar." Als "Steinkäs-Banditen", oder milder als "Steinkäs-Klauber" seien sie damals bezeichnet worden, erzählten die vier Männer.

"Für mich war diese Ausgrabungsstelle auch ein sozialer Lernort", sagte Ulrich Linse. Zum ersten Mal in seinem Leben sei er Strafgefangenen begegnet, die ebenfalls halfen. Es sei beeindruckt gewesen von deren Biografien. Das andere Erlebnis war, als Bub einer Arbeiterfamilie Kontakte mit Akademikern zu knüpfen. "Man hat uns respektiert, das hat uns aufgebaut", sagte auch Peter Blankenstein.

Eine besondere Beziehung entwickelte sich zum Landeskonservator Hartwig Zürn, der sich Zeit nahm für die Burschen und ihnen, die im Gegensatz zu den Gefangenen auch am Wochenende arbeiteten, eine Torte beim örtlichen Bäcker bestellte. "Die verbuchen wir als neuen Grabungseimer", habe Zürn seinen Trick bei der Abrechnung verraten, berichtete Ulrich Linse.

Linse studierte Zeitgeschichte, wurde Professor in München. Im Ruhestand widmet er sich wieder der Archäologie, befasst sich mit fossilen Weichtieren, so genannten Mollusken, auf der Insel Rhodos. Hermann Huber, der wie Peter Blankenstein Lehrer wurde, befasst sich ehrenamtlich mit der Archäologie, wurde 1983 mit dem Landes-Archäologiepreis ausgezeichnet. Bei Schwäbisch Hall entdeckte er eine Steinzeitsiedlung. An Grabungshelfern fehlte es ihm nicht: seine Schüler griffen tatkräftig zum Spaten.

Jungsteinzeitliche Keramikschale fürs Rathaus