Integration Ahmad, der Liebling im Kindergarten

Beate Reuter-Manz 25.08.2018

Heimat ist für mich, wo ich Liebe finde“, sagt Ahmad Ali Assaf. Keine Frage: Zurzeit muss diese Heimat in Regglisweiler liegen. Im Kinderhaus Sankt Maria steht der 30-Jährige auf der Beliebtheitsskala ganz weit oben: bei Erzieherinnen, bei Eltern und bei den Kindern sowieso. Der junge Mann aus Syrien kümmert sich als „Bufdi“ im Bundesfreiwilligendienst um die Hauswirtschaft. Ein Vollzeitjob in dieser großen Einrichtung mit ihren 96 Kindern.

Um 12 Uhr sind drei Tische an diesem Donnerstag schon ordentlich eingedeckt: Porzellan-Teller, Wasserglas, Serviette, Besteck. Bald werden 27 hungrige Mäuler das „Bistro“ stürmen. „Bei Tisch gibt es richtiges Geschirr, so wie in einer Gaststätte“, erzählt Ahmad in perfektem Deutsch. Vier Stunden zuvor hat er seinen Dienst angetreten und als Erstes den Getränkewagen für seine Schützlinge vorbereitet. „Bei dieser Hitze haben alle viel Durst. Es muss immer Nachschub da sein“, sagt er und stellt zwei neue Kannen Wasser und Saftschorle sowie einen Turm gelber und roter Becher ab. Die Kinder bedienen sich selbstständig. Ihre gebrauchten, „unkaputtbaren“ Plastikbecher wandern auf den Spülwagen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Ahmad im Sommer zwei Spülmaschinen bis zu zehn Mal pro Tag einräumt, laufen lässt und wieder ausräumt. Jetzt, kurz vor dem Mittagessen, haben die Buben und Mädchen das handgerecht portionierte Obst und Gemüse, das Ahmad jeden Morgen liebevoll schnippelt, längst gefuttert.

Die Flucht aus dem ausgebombten Aleppo, wo er geboren wurde und aufwuchs, führte den jungen Mann in die Türkei, wo er zwei Jahre in einem Lager leben und wo er die Mutter und sieben Geschwister zurücklassen musste. An Silvester 2015 kam er als Asylbewerber in der Landeserstaufnahmeeinrichtung, der Lea Ellwangen, an. Schlimmes hat er in dem , grausamen Krieg und auf der Flucht erleben und sehen müssen. Bis heute lassen ihn die Bilder nicht los: „Krieg lohnt sich nicht. Keiner kann gewinnen!“ Doch darüber spricht der zierliche Mann ungern. Nur so viel: „Hier hat man mir aus einer Depression geholfen. Es geht mir wieder gut.“ Gabi Häußler vom Flüchtlingskreis war es, die als Erste Ahmads „guten Draht“ zu Kindern erkannte. Im Übergangswohnheim im „Drei Mohren“ war der ehemalige Student der Wirtschaftswissenschaften gefragter Babysitter, wenn Mütter den Deutschkurs besuchten. Häußler vermittelte eine Praktikumsstelle im örtlichen Kindergarten und nutzte ihre vielseitigen Kontakte für eine anschließende Bufdi-Stelle. Für sie ist Ahmad heute „ein Beispiel für gelungene Integration“.

Der Kita-Helfer mit dem dunklen, gepflegten Haar hat sich eine lange Plastik-Schürze umgebunden, als er in der Küche Broccoli-Suppe in Porzellan-Schüsseln gießt. Er deutet auf einen Zettel. Dort führt er Buch über die Temperatur in den Warmhalteboxen, die ein Gastro-Betrieb zwei Stunden zuvor angeliefert hat. „Lebensmittelkontrolle: unerlässlich“, stellt er klar. Die panierten Putenschnitzel werden halbiert, der Kartoffelsalat schön angerichtet. Großes Hallo, als er die Schüsseln auf den Tischen verteilt.„Ahmad bringt uns immer das Essen“, berichtet die kleine Emilia. „Und schaut, dass wir genug bekommen“, fügt Lilli hinzu. „Er putzt, wenn was hinunterfällt“, weiß Lisa. Doch an diesem Tag geht es gesittet zu. „Bei Spaghetti ist es schlimmer“, lacht Ahmad.

Die Erzieherinnen haben den freundlichen jungen Mann längst ins Herz geschlossen. „Er ergänzt unser Team einfach wunderbar“, urteilt Regina Hermann. Leiterin Irene Simon-Heudorfer lobt seine freundliche, ruhige Art im Umgang mit Kindern, die „absolute Zuverlässigkeit“ und seine Zielstrebigkeit.

„Immer am Lernen, immer am Lesen und Wortschatz erweitern: ein sehr fleißiger, intelligenter Autodidakt“, berichtet auch Anita Dangel, nach seiner Ankunft Ahmads erste Deutschlehrerin und bis heute Ansprechpartnerin, wann immer es Probleme gibt. Liebevoll spricht sie von ihrem „kleinen Philosophen“. Ahmad interessiert sich in der Tat für vieles, liebt fremde Sprachen. Gerade hat er sich das Alte Testament zur Horizont-Erweiterung vorgenommen. „Ich respektiere alle Religionen, solange sie tolerant sind“, sagt der Mann, der seine muslimischen Wurzeln zwar nicht verleugnet, sich im Glauben aber auch keinen strengen Dogmen unterwirft. „Ich glaube an Gott.“

Das Mittagessen in Sankt Maria ist beendet, es geht ans Aufräumen. Anfangs fiel es dem Bufdi schwer, übrig gebliebenes Essen einfach wegzuwerfen. „In Aleppo haben wir tagelang von geschmorten Zwiebeln gelebt“, erzählt er. Mittlerweile geht das Entsorgen leichter. Auch deshalb, „weil ich vom Reste-Essen richtig zugenommen habe“, lacht er. Bei Leberkäs-Wecken oder Wienerle und Spätzle kann er aber bis heute nicht „Nein“ sagen: „Mein absolutes Lieblings-Essen hier in Deutschland.“

Aufnahme-Prüfung geschafft

Nur noch wenige Mal wird der anerkannte Asylbewerber im Kinderhaus Sankt Maria Getränke und Essen ausgeben. Im September folgt ein neuer Lebensabschnitt: Ahmad beginnt eine vierjährige Ausbildung zum Erzieher. Hunderte Anmeldungen hatte die Ulmer Fachschule für Sozialpädagogik. 70 Bewerber wurden nach strenger Aufnahme-Prüfung genommen. Ahmad gehörte dazu. „Das erste Buch für seine Ausbildung hat er sich schon gekauft“, erzählt Gabriele Häusler, die ihn bei allen Prüfungen und den mitunter schwierigen und langatmigen Behördengängen tatkräftig unterstützte. Er werde alles dafür tun, diese Ausbildung gut abzuschließen, kündigt Ahmad schon jetzt an. Um sich dann als examinierter Erzieher vielleicht endgültig niederzulassen an dem Ort, der ihm schon jetzt zur Heimat geworden ist.

51 Geflüchtete aktuell in Dietenheim

Migration Aktuell leben in Dietenheim und dem Ortsteil Regglisweiler 51 Geflüchtete. Bis auf drei Frauen besuchen die 33 Erwachsenen entweder die Schule, befinden sich in Ausbildung, haben einen Arbeitsplatz oder belegen einen Integrationskurs. Die Mehrzahl hat eine Beschäftigung am Ort gefunden. Kinder, die älter als drei Jahre sind, haben einen Platz im Kindergarten oder besuchen die Schule. Wie die Integrationsbeauftragte Dilara Bodammer auf Anfrage mitteilte, stecken noch vier Geflüchtete im Asylverfahren. Die anderen haben eine Anerkennung, genießen den subsidiären Schutz oder haben eine Duldung.

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