Medizin Ärzte diskutieren über Fernbehandlung

Per Handy zum Arzt: Tausende Patienten aus der Region sind angeblich schon bei DrEd von deutschen Medizinern in England beraten worden. Manche private Krankenkasse bezahle dies auch.
Per Handy zum Arzt: Tausende Patienten aus der Region sind angeblich schon bei DrEd von deutschen Medizinern in England beraten worden. Manche private Krankenkasse bezahle dies auch. © Foto: DrEd
Region / Karin Mitschang 30.06.2018
Ärzte im Alb-Donau-Kreis zeigen sich eher skeptisch gegenüber der Sprechstunde per Smartphone.

Die „Teleärzte sitzen im ganzen Land“, sagt Swantje Middeldorf von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Auch wenn die ersten Pilotprojekte zur Fernbehandlung per Smartphone nur für Patienten in Stuttgart und im Landkreis Tuttlingen zugänglich waren, konnten sich Ärzte aus dem ganzen Land bewerben, um sich schulen zu lassen. Per Videotelefonie erfolgt die Beratung, die Ausstellung von Rezepten „funktioniert leider noch gar nicht, das soll dann im nächsten Schritt kommen“, sagt Middeldorf.

Mit einer Aufhebung des Fernbehandlungsverbots (siehe Infokasten) können sich die meisten Ärzte in der Region nicht recht anfreunden. „Ich weiß nicht, ob das so gut ist, ich kann mir das eigentlich nicht vorstellen“, sagt etwa Dr. Rainer Rebstock aus Laichingen. „Zum Abpuffern des Ärztemangels auf dem Land in bestimmten Fällen“ kann sich der Mediziner ein solches Angebot als Zusatz dann doch ausmalen. „Aber ich untersuche die Leute lieber selber.“

„Ich glaube nicht, dass wir drum herum kommen, und dass wir diese Schiene irgendwann mit bedienen müssen“, kommentiert Martina Both. Die Blaubeurer Fachärztin für Allgemeinmedizin meint: „Ich muss meinen Patienten eigentlich sehen und mir persönlich einen klinischen Eindruck verschaffen.“

Patienten informieren sich ohnehin im Internet

Dr. Hans-Michael Walter, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Alb-Donau, sagt, mit Ferndiagnostik könne „man durchaus was erreichen. Wir haben ja viele, die bei Doktor Google nachfragen“, deutet der Frauenarzt an, dass Patienten sich heute ohnehin im Internet kundig machen. „Deswegen wäre es nicht verkehrt, wenn sie stattdessen direkt beim Arzt anrufen.“ Doch sei der oft schwer zu erreichen. Bürokratisch sei die Fernbehandlung ein Riesenaufwand, „auch finanziell. Ich halte das nicht gerade für verlockend für die Mediziner“. Auch könnten Patienten bereits bei der Leitstelle des DRK anrufen und mit medizinisch gebildetem Personal sprechen, das dann Notfallambulanz oder Hausbesuch empfehle.

Für Bagatellerkrankungen sowie bei jungen Eltern, die um ihr Kind besorgt sind, könnte der Telearzt durchaus nützlich sein, findet Walter, der aber wenig Nachfrage für das Angebot erwartet. Einen Vorteil sieht der Vorsitzende im wegfallenden Anfahrtsweg, Probleme bei der richtigen Diagnose: „Mancher schildert die Symptome falsch, oder es wird nicht alles richtig erfasst, oder ich kann das Problem über Video nicht erkennen.“

Wie der größte Online-Anbieter von Telemedizin in Europa, DrEd, auf Anfrage mitteilt, haben seit 2011 bereits tausende Menschen im Alb-Donau-Kreis und im Kreis Neu-Ulm die Dienste deutscher Ärzte in England in Anspruch genommen. Deutsche können im EU-Ausland den Arzt frei wählen, so auch einen Tele-Arzt. Dieser stellt auch Rezepte aus, wie eine Pressesprecherin von DrEd berichtet. „Wir stellen das Rezept direkt an eine Versand-Apotheke aus“, sagt sie. „Patienten aus dem Alb-Donau-Kreis und dem Kreis Neu-Ulm nutzen die Leistungen von DrEd etwa für die Verschreibung von Folgerezepten für die Antibabypille, oder zur Beratung und Behandlung von Asthma oder erektiler Dysfunktion.“ Als Kosten pro Behandlung gibt DrEd 9 bis 29 Euro als Standard an. Manche private Kasse übernehme auch die Kosten.

Dass sich mancher Patient denkt, sein Arzt kenne die ganze Familie, und sich daher etwa bei einer Geschlechtskrankheit lieber an einen Mediziner im Netz wendet, kann sich Hildegard Haehner-Heckmann vorstellen. „Ich kann da nur an die ärztliche Schweigepflicht erinnern“, plädiert sie jedoch für die bisherige Behandlung. „Ich muss die Leute abhorchen, und, wenn einer krank ist, selbst untersuchen.“

Mit allen Sinnen beurteilen

Von ihren Patienten in Dornstadt wolle „bestimmt niemand“ auf Skype umsteigen, das sei wohl „eher was für die Jüngeren“, sagt die erfahrene Ärztin. Nur „in Notzeiten, wenn keiner mehr da ist“, könne sie sich die Telemedizin als hilfreich vorstellen.

Auch Sven Gresser aus Dornstadt sieht die Sache kritisch. „Über einen Bildschirm sieht manches anders aus, ich muss einen Patienten mit allen Sinnen beurteilen“, sagt der Allgemeinmediziner. Mit der Telemedizin werde die medizinische Versorgung „nicht besser, sondern eher schlechter“ machen, ist er überzeugt.

Dr. Kornelia Burkarth (Blaubeuren) bezeichnet sich hierzu als konservativ. „Wenn man die Patienten nicht persönlich sieht, entsteht eine Unschärfe.“ Allein über den Bewegungsablauf in der Praxis und das soziale Verhalten erhalte sie zusätzliche Infos. Was die Leute verbergen, könne der „Teledoc“ nicht sehen. „Damit kann man sicher Geld machen, aber es ist nicht zum Nutzen des Patienten.“

DocDirekt und die rechtliche Lage

Ablauf Patienten können im Pilotprojekt, sofern sie ihren Arzt nicht erreichen, werktags zwischen 9 und 19 Uhr bei „DocDirekt“ anrufen. Fachangestellte erfassen Personalien und Symptome und klären die Dringlichkeit: Im Notfall leiten sie weiter, ansonsten an einen Tele-Arzt. Der ruft den Patienten an, erhebt die Anamnese und klärt das Beschwerdebild. Im Idealfall kann er helfen. Falls nötig, stellt er einen Berechtigungscode aus, leitet an eine PEP-Praxis („patientennah erreichbare Portalpraxis“) weiter. Die Laufzeit der ersten Pilotprojekte beträgt mindestens zwei Jahre, danach soll „DocDirekt“ zur Regelversorgung gehören.

Rechtliches Wie berichtet, hat die Bundesärztekammer das Fernbehandlungsverbot gelockert. Nun heißt es in der Berufsordnung: „Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist.“

Notzentren Als weitere Notmaßnahme aufgrund des Medizinermangels plant die KVBW derzeit auch, vorübergehend eigene Praxen zu betreiben. 20 bis 30 solcher Groß-Praxen im Südwesten sind angedacht.

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