Infrastruktur Abschied vom eigenen Wasser

Ein letzter Blick in den Wasserbehälter (von links): Brigitte Wolf, Ellen Wahl, Christine Wahl, „Wasser-Vorstand“ Franz Wahl.
Ein letzter Blick in den Wasserbehälter (von links): Brigitte Wolf, Ellen Wahl, Christine Wahl, „Wasser-Vorstand“ Franz Wahl. © Foto: Franz Glogger
1949 / Von Franz Glogger 12.07.2018

1949. Der Wünschelrutengänger geht über die „Mühläcker“ bei Essendorf. Plötzlich ein eindeutiger Ausschlag. „Hier müsste es passen. Da ist eine Wasserader“, ruft er zu einigen etwas abseits stehenden Männern. Die Stelle wird mit einem Pflock markiert. Noch zweimal wird der Wünschelrutengänger fündig. Die Männer graben sich an allen drei Punkten in die Tiefe. An der ergiebigsten Stelle wird ein Brunnen als Quellfassung gebaut und ein Rohr Richtung Westen verlegt. Etwas abseits der Straße zum Weiler Buch wird in den nächsten Wochen ein 20 Kubikmeter fassender Sammelbehälter entstehen. Er wird den bisherigen ein Kubikmeter großen Behälter ersetzten und das Dorf versorgen. Alle Arbeiten werden in Eigenregie durchgeführt, das Material selbst bezahlt. 12 000 Mark kostet die Maßnahme. Die Gemeinde Steinberg, zu der Essendorf damals gehört, übernimmt 20 Prozent.

Anlass der Aktion war das Versiegen einer 1895 gefassten „Schichtquelle“. Sieben „Ortsbürger“ hatten sich damals zur „Wassergemeinschaft Essendorf“ zusammengetan, um „aus einer der Gemeinde angehörigen Quelle Wasser zu entnehmen.“ So heißt es in der Genehmigung des Oberamts Laupheim. Holzrohre habe man damals verbaut, weiß Brigitte Wolf aus Erzählungen ihres Vaters. Solche, mittig in Längsrichtung durchbohrte Eichenstämme, wurden beim Neubau der Ortsdurchfahrt in den 70er Jahren ausgegraben, erinnert sich Franz Wahl. Der Landwirt ist heute Vorstand der Wassergemeinschaft. 830 Mark kosteten Material und Planung 1895 gekostet. Alles andere war Handarbeit. Die Holzrohre hielten übrigens bis zur Sanierung 1949. Dann wurden sie durch ein ein Zoll dickes Stahlrohr ersetzt. Das reichte aus, obwohl der Weiler fast doppelt so viele Einwohner und deutlich mehr Vieh hatte wie heute, sagt Wahl. „Um die hundert“ Menschen waren in dem Dorf zu Hause. Folge des früher üblichen Kinderreichtums sowie der Beschäftigung von Knechten und Mägden in der Landwirtwirtschaft. Beim Neubau der Straße 1976 kam eine zeitgemäße zehn Zentimeter starke Gussleitung in den Boden – von den Eigentümern selbst verlegt.

Mit der Wasserqualität hatte Essendorf über viele Jahre kein Problem. Aber die in den 90er Jahren erstmals sporadisch auftretenden Überschreitungen von Grenzwerten haben sich in jüngerer Zeit dauerhaft eingestellt – trotz freiwilligen Verzichts der Landwirte im Einzugsbereich der Quelle mögliche Verursacher auszubringen.

Die Gemeinschaft hat sich für einen Anschluss an den Wasserzweckverband „Steinberggruppe“ entschlossen. Das Verfahren dafür läuft, der Anschluss ist 2019 geplant.

Ein Ort mit 60 Einwohnern pflegt die Gemeinschaft

Dorfleben Die eigene Wasserversorgung ist nicht der einzige Stolz der Essendorfer. Früher trugen die gemeinschaftliche „G’friere“, Braunviehzuchtverein einschließlich Farren, Milchfahrzeug und die Wirtschaft „Zum Weihungstal“ zu einem autarken und intakten Dorfleben bei.

Feiern Es gibt derzeit knapp 60 Essendorfer, und die hocken gern beieinander: Die jährliche Wasserabrechnung wird traditionell mit einem „Wasserfest“ gefeiert, zuletzt am Wochenende. Es gab schon ein wildes „Cityfest“, und einmal im Monat öffnet die eigentlich längst geschlossene Wirtschaft für einen „Hoigarta“ – rein für die Dorfgemeinschaft.

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