Sprache „Gmächt“ reicht vom Nabel bis zum Knie

Wortherkunftsforscher Hermann Wax unterhielt in Suppingen mit seinem schwäbischen Vortrag.
Wortherkunftsforscher Hermann Wax unterhielt in Suppingen mit seinem schwäbischen Vortrag. © Foto: Margot Autenrieth-Kronenthaler
Suppingen / Margot Autenrieth-Kronenthaler 08.06.2018

Der schwäbische Dialekt befindet sich auf dem Rückzug. Einer der ihn noch bis in die feinsten Nuancen kennt ist Hermann Wax. Der ehemalige Gymnasiallehrer und Dialektforscher aus Ehingen war jetzt zu Gast bei den Landfrauen in Suppingen. Der Vortrag wurde im Rahmen der Themenreihe „Die dritte Lebensphase“ von dem Kreislandfrauenverband Blaubeuren veranstaltet. Hermann Wax ist ein profunder Kenner des schwäbischen Dialekts und kann sein enormes Wissen auf unterhaltsame Weise vortragen. Wax ist der Autor des äußerst umfangreichen Nachschlagewerks „Etymologie des Schwäbischen“, er ist ein wandelndes Lexikon in Sachen Schwäbisch und ein großer Geschichtenerzähler.

Und Geschichten müssen erzählt werden, wenn man sich auf die Suche nach den Wurzeln eines schwäbischen Ausdrucks macht. Doch zuvor stellte Hermann Wax klar: „Es gibt kein Hochdeutsch, sondern nur Dialekte.“ Aufgrund der geografischen Lage sei Schwäbisch das größte Sprachgemisch Europas. Entstanden sei es von 1050 bis 1350 aus dem Mittelhochdeutschen und beinhalte Wörter, die einen griechischen, lateinischen, englischen, französischen oder italienischen Ursprung haben. Um 1400 sei die schwäbische Lautentwicklung abgeschlossen gewesen, derweil das, was heute hochdeutsch genannt werde, erst um 1545 durch Luthers Bibelübersetzung entstand. „Der Dialekt aus Hannover hat dann halt das Rennen gemacht“, meinte Wax.

Feine Differenzierung

„Vom Grend bis zu de Zaia“ (Vom Kopf bis zu den Zehen) lautete das Thema. Das sehr alte Wort Grend habe bis ins 16. Jahrhundert für alles gestanden, was oben war. Grindelwald bedeute etwa einen oben gelegenen Wald. Wo das Hochdeutsche nur Kopf und Haupt kenne, könne der Schwabe ganz fein differenzieren und kenne rund acht Wörter für den Kopf, etwa Meggl, Melle, Molle, Riebl oder Däz. Und der 81-Jährige kann von allen erklären, woher die Ausdrücke kommen. Der Molle etwa kommt aus dem Lateinischen von mollis (weich). Der kastrierte Ochse hat einen fleischigen, weichen und wohlgenährten Kopf, also einen Mollenkopf. Am Ende hat der Schwabe, so er einen dicken Kopf hat, einen Molle oder Melle.

Auch für die Nase kennt der Schwabe viele Bezeichnungen: Riasl, Zenka, Hoba oder Blonza. Zum Kämmen der Haare benutzte der Schwabe einen Strähl. Strahl ist der Zacken. Und weil ein Kamm viele Zacken hatte, wird er zum Strähl. Unter Gmächt versteht der Schwabe die Körperregion vom Bauchnabel bis zu den Knien. „Als das Schwäbische entstanden ist, hatte man von dieser Region keine Ahnung“, erklärte der Dialektforscher schmunzelnd.

Viele Wörter brachten Söldnertruppen im 16. Jahrhundert aus Italien mit. Etwa das italienische Gorcia (Schlund) ist bei den Schwaben zur Gosch (Mund) geworden, die Pasta wurde zu den Spatzen oder Spätzle. Das Bembesle, ein liebevoller Ausdruck für ein kleines Kind, wurde ebenfalls aus Italien importiert und heißt dort Bambino. Die Brezel verdankt ihren Namen den verschränkten Armen der Italiener.

Wie kam Wax zu seiner Leidenschaft fürs Schwäbische? Er habe während seines Sprachgeschichts-Studiums jedes Wort nach seiner Herkunft ableiten müssen, erzählt der Forscher. Da sei ihm aufgefallen, dass es in französischen, italienischen und englischen Texten Wörter gab, die er aus dem Schwäbischen kannte. So sei er zum Wortsammler und Wortherkunftsforscher geworden.

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