Weißenhorn "Für mich wird ein Traum wahr"

Weißenhorn / CARSTEN MUTH 14.12.2013
Der Betrieb auf der modernisierten Bahnstrecke Senden-Weißenhorn wird aufgenommen. Für Bahnlobbyist Bernhard Jüstel ein Grund zum Feiern. Ein Gespräch über Bahnfans, Bahnskeptiker und Lampenfieber.

Es ist soweit: Zwischen Senden und Weißenhorn fahren wieder regelmäßig Personenzüge. Sie müssen begeistert sein. 
JÜSTEL: Für mich wird ein Traum wahr. Ich habe sogar Lampenfieber.

Lampenfieber?
JÜSTEL (lacht): Ja. Man muss sich das mal klar machen: 1966 ist letztmals ein regulärer Personenzug von Weißenhorn nach Ulm gefahren. Da war ich zehn Jahre alt.

Welchen Anteil haben Sie daran, dass die Strecke gebaut wurde?
JÜSTEL: Das müssen andere beurteilen.

Warum so bescheiden?
JÜSTEL: Ich war ja nicht alleine. Reinhold Reibl (Saß für die Grünen im Weißenhorner Stadtrat, Anm. d. Red.) hat zum Beispiel in der Agenda-Gruppe viel geleistet. In der Gruppe haben wir versucht, das Thema bei unseren jährlichen Aktionstagen unter dem Motto "Ohne Auto - mobil" wachzuhalten. Das ist uns gelungen.

Vor einigen Jahren noch hat kaum jemand an eine Modernisierung der Bahnstrecke geglaubt. Sie schon.
JÜSTEL: Das stimmt.

Sie haben beharrlich dafür gekämpft.
JÜSTEL: Ja, weil ich von der Idee überzeugt war, den Öffentlichen Personennahverkehr in der Region auszubauen.

Nie daran gedacht, aufzugeben?
JÜSTEL: Es gab den Punkt, an dem es nicht voranging. 2003 war das.

Ihr Traum schien geplatzt.
JÜSTEL: Nein, das nicht. Wir haben in der Agenda-Gruppe über Möglichkeiten diskutiert, wie das Ziel erreicht werden kann. Und wir haben immer wieder den Kontakt mit Bahn, Stadt oder Freistaat gesucht.

Voran ging es dennoch nicht.
JÜSTEL: Ich habe aber immer die Chance gesehen, dass man das hinbekommt.

Es soll Leute gegeben haben, die sagten: Der Jüstel spinnt.
JÜSTEL (lacht): So schlimm war es nicht. Aber ich erinnere mich an eine Begebenheit vor einigen Jahren: Damals habe ich gesagt, dass auf der Strecke mal Zzüge mit 120 Stundenkilometer fahren werden. An meinem Stammtisch bin ich dafür ausgelacht worden.

Heute werden Sie gefeiert.
JÜSTEL: Werde ich das?

Oh ja. Minister, Landrat, Bürgermeister. Alle loben Bernhard Jüstel.
JÜSTEL: Das freut mich natürlich. Aber keine Angst: Ich werde nicht abheben.

Zumindest in Weißenhorn scheint es nur noch Bahn-Fans zu geben.
JÜSTEL: Die Skepsis ist verflogen.

Welche Rolle haben örtliche Unternehmen gespielt?
JÜSTEL: Entscheidend war, dass sich ab 2008 heimische Betriebe wie Oetinger oder Groer für den Erhalt der Trasse, die sie für ihren Güterverkehr brauchten, stark gemacht haben. Und dass die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm die Strecke gekauft und Millionen in den Ausbau investiert haben.

Es heißt: Von der Bahnreaktivierung profitiert vor allem Weißenhorn.
JÜSTEL. Auch Senden profitiert. Senden ist immerhin Drehscheibe in dem System. Dieses Projekt hat eine regionale Bedeutung.

Für Weißenhorn aber ist der Bahnausbau ein Quantensprung, sagt Bürgermeister Wolfgang Fendt.
JÜSTEL. Das unterschreibe ich. Keine Frage: Weißenhorn wird noch attraktiver. Jetzt rückt die Stadt näher heran ans Oberzentrum Ulm/Neu-Ulm. Die Busverbindungen ins Weißenhorner Umland werden enorm verbessert.

Bei aller Euphorie: Wird das Bahnprojekt ein Erfolg?
JÜSTEL: Davon bin ich überzeugt.

1800 Fahrgäste werden laut einer Studie täglich den Zug nutzen. Ist das realistisch?
JÜSTEL: Ich glaube schon. Vor allem unter der Woche, wenn die Pendler da sind.

Werden also auch in zehn Jahren noch Personenzüge nach Weißenhorn fahren?
JÜSTEL: Davon gehe ich aus. Dies hier ist ein Referenzprojekt. Es sollte allen Mut machen, die ähnliche Pläne verfolgen. Wir haben gezeigt, dass es wirklich funktioniert.

Zur Person:
Bernhard Jüstel, 55, ist gebürtiger Weißenhorner. Der Postbeamte hat sich jahrelang für die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs auf der Strecke Senden-Weißenhorn eingesetzt. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Kommunalen Agenda-Gruppe Verkehr organisierte Jüstel in den vergangenen zehn Jahren die Aktionstage "Ohne Auto - mobil" in der Fuggerstadt. An diesen Aktionstagen pendelte ein Nahverkehrszug mehrmals zwischen Ulm und Weißenhorn. Tausende Besucher nutzten jeweils das Angebot. Die Agenda-Gruppen-Mitglieder wiederum nutzen den Aktionstag, um für die Wiederbelebung der Bahntrasse nach Senden zu werben, "das Projekt im Bewusstsein der Menschen in der Region zu halten", wie Jüstel sagt.

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