Frauen Landfrauen: Weiblich, ländlich, modern

640 Gläser Marmelade der Kreislandfrauen Ulm sind gestern am Stand der Aktion 100 000 auf dem Ulmer Weihnachtsmarkt angekommen (von li.): Renate Wolf, Johanna Klein, Gisela Stöger vom Aktions-Stand, Irene Bucher, Barbara Eberle (Aktion 100 000).
640 Gläser Marmelade der Kreislandfrauen Ulm sind gestern am Stand der Aktion 100 000 auf dem Ulmer Weihnachtsmarkt angekommen (von li.): Renate Wolf, Johanna Klein, Gisela Stöger vom Aktions-Stand, Irene Bucher, Barbara Eberle (Aktion 100 000). © Foto: Matthias Kessler
Alb-Donau-Kreis / PETRA LAIBLE 19.11.2016

Zum „After Work mit Cocktails“ hat kürzlich der Ortsverband Holzkirch-Breitingen der Landfrauen eingeladen. Motto: „Wir sind anders als Sie denken“. Nämlich keine Vorgestrigen, die vor allem für ihre Rezepte bekannt sind. Sondern selbstbewusste, politisch interessierte, tatkräftige Frauen.

„Bei uns hat sich ganz viel gewandelt“, sagt Renate Wolf, Vorsitzende des 2100 Mitglieder starken Landfrauenverbands Ulm. Nur noch ein kleiner Teil der Frauen arbeite überhaupt als Bäuerin. Der Ulmer Verband sei zudem finanziell unabhängig vom Bauernverband. „Mit den Jahren habe ich kapiert, dass wir einen starken Frauenverband brauchen“, erklärt die Langenauerin. Seit eh und je begleite sie zum Beispiel die ungleiche Behandlung von Frauen im Berufsleben, nicht nur in der Landwirtschaft. Dagegen gehe der Verband an. Außerdem setze sie sich als Bäuerin für „regional & fair“ gehandelte Produkte ein – „das ist ein ganz schwerer Standpunkt“.  Über den Landes- und Bundesverband könnten die Mitglieder politisch Einfluss nehmen, sich für Frauenthemen sowie agrar- und sozialpolitische Themen stark machen. Wolf ist auch Vorsitzende des agrarsozialen Arbeitskreises im Landesverband, der sich mit der weltweiten Verantwortung in Bezug auf Ernährungssicherung und dem Erhalt von Ressourcen befasst.

In ihren Gemeinden und auch darüber hinaus setzen sich die Landfrauen sozial ein – für Flüchtlinge vor Ort ebenso wie für die Aktion 100 000 und Ulmer helft der SÜDWEST PRESSE. Beachtliche 640 Gläser Marmelade mit Beeren und Obst aus ihren Gärten haben sie dafür eingekocht, die am Aktions-Stand auf dem Ulmer Weihnachtsmarkt verkauft werden. Gestern morgen brachten sie die Kartons mit den  Gläschen vorbei. Was die Sorten angeht: „Jede hat das genommen, was sie im eigenen Garten hat“, erzählt Wolf.  „Zugekauft hat ganz gewiss keine.“  Die Vorgabe habe  gelautet: normaler Gelierzucker. „Wir haben Beeren und  Obst so verarbeitet wie früher.“ Ein „normales Gsälz mit möglichst wenig anderem drin“, als „Grundnahrungsmittel“. Nun kann am Stand gewählt werden zwischen Erdbeer-, Brombeer-, Johannisbeer-, Kirschen- und Zwetschgenmarmelade, Quitten- und Johannisbeergelee, ein Glas kostet drei Euro. 

Kochen und Backen machen wie gesagt nur einen kleinen Teil der Aktivitäten aus. Fortbildung ist wichtig bei den Landfrauen – kein Stillstand.  Es gibt Vorträge zu Gesundheitsthemen ebenso wie Social-Media-Schulungen zu Facebook, Whatsapp und Twitter. „Wir müssen dabei sein, voll Power“, meint Wolf. Den Anschluss behalten. Denn es sei wichtig, zu zeigen, wie sich die Frauen selbständig machen und ihre regionalen Produkte über das Internet vermarkten, wie sie dafür eine Plattform erstellen können. Auf diese Weise könne es gelingen, den Verbraucher regional zu binden.

Wolf nennt ein anderes Stichwort: Das 2015 beschlossene „Bildungszeitgesetz“. Danach haben Beschäftigte Anspruch darauf, sich zur Weiterbildung von ihrem Arbeitgeber an bis zu fünf Tagen pro Jahr für politische und berufliche Bildung sowie Qualifizierung für ehrenamtliches Engagement freistellen zu lassen. Dafür habe sich auch der Landfrauenverband stark eingesetzt – eine gewichtige Stimme: „Solche Mitgliederzahlen gibt’s sonst nicht.“ Bereiche, in denen man sich fortbilden kann, gibt es viele: Beispielsweise sei das Thema Pflege – von Enkeln und betagten Eltern – für viele Frauen in den Gemeinden aktuell.

Ein Problem gibt es: Den Landfrauen mangelt es an Nachwuchs. „Leider wollen sich viele der jüngeren Frauen nicht mehr an einen der Ortsvereine  binden“, bedauert Renate Wolf. Dabei stärkten die Landfrauen als verbindende Glieder die Gemeinden – wie man sich denken kann.

Gewichtige Stimme

Mitglieder Der Kreislandfrauenverband Ulm hat 2100 Mitglieder und besteht aus 27 Ortsvereinen: Ulm, Albeck-Göttingen, Altheim/Alb, Asselfingen, Ballendorf, Beimerstetten, Bernstadt, Bräunisheim, Börslingen, Dellmensingen, Dietenheim, Ettlenschieß, Halzhausen-Lonsee-Sinabronn, Holzkirch-Breitingen, Hörvelsingen, Jungingen, Langenau-Nerenstetten-Wettingen, Lehr, Neenstetten, Öllingen, Radelstetten, Rammingen, Setzingen, Urspring- Reutti, Weidenstetten, Weihungstal-Hüttisheim und Westerstetten. Dazu gibt es die Landfrauenverbände Blaubeuren und Ehingen.

Politik Der Landfrauenverband Baden-Württemberg mit rund 55 000 Mitgliedern hat das Motto: „Sichtbar. Hörbar. Außergewöhnlich.“ Der Verband nimmt politischen Einfluss bei Frauenthemen wie  „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, setzt sich ein für  Bildungsangebote für Frauen im ländlichen Raum, für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, für Gesundheitsangebote, fördert Projekte für Frauen im ländlichen Raum in Afrika und Indien.

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