Laichingen 150 Jahre "Pichler - feine Tischwäsche"

Laichingen / ISABELLA HAFNER 16.01.2016
Florierende Textilfirma, auf der Alb produzierend, dann: Globalisierungsdruck, Produktion im Ausland, Billigkonkurrenz, Insolvenz, Kampf, Ende der Weberei - neue Perspektiven. Das sind 150 Jahre Tischwäsche Pichler.

Es war einmal vor langer Zeit, da war Laichinger Tisch- und Bettwäsche für junge Bräute die "Basis" zum Familiegründen. Sie war in Hochzeitstruhen bis Stuttgart zu finden. Pichler - mehr brauchte man nicht sagen. Vor 150 Jahren wurde das Handelshaus Hermann Pichler am Uracher Marktplatz eröffnet, 1882 der Firmensitz nach Stuttgart verlegt, während Pichler zwischenzeitlich, 1876, Räume im Laichinger Völltorviertel angemietet hatte. Dort startete man mit der eigenen Weberei.

Damals hatte Pichler noch viel unmittelbare Konkurrenz, es hatte ihn ja in die Leinenweberstadt gezogen. Die Firma gedieh prächtig, zwischen 180 und 200 Mitarbeiter wurden zu Hoch-Zeiten an den bis zu 88 Webstühlen und in der Konfektion beschäftigt. In den 80ern wurde auf 24 Webstühle reduziert, in den 90ern auf 12. Die elektrischen Jacquard-Maschinen schafften nun mit Luftdruck 600 Schuss pro Minute. Im vergangenen August wurden die letzten Webstühle nach Kasachstan abtransportiert. In Laichingen wird nun nur noch designt, repariert, verwaltet und Expressaufträge werden bearbeitet. Am Donnerstag lud Pichler auf der Frankfurter Heimtextil-Messe zur Party, um mit rund 250 Gästen seine 150-jährige Geschichte zu feiern.

Dr. Thomas Wagner ist der Ur-Ur-Enkel des Firmengründers. Er führt seit 1985 die Firma in der - mittlerweile - Pichlerstraße. An diesem Tag, Ende des Jahres, sucht Wagner im Besprechunsgzimmer nach dem Herbstwald. "Da ist er", ruft er aus, hat ihn zwischen den an einer Stange hängenden Stoffproben gefunden, seine Hand gleitet über den Wald, der in Rot-Orange-Gelb vom Stoff leuchtet. "Seit ein paar Jahren sind Digitaldrucke en vogue. Damit kann man viel kleinere Zeichnungen herausholen."

Zeitsprung: Zwischen 1895 und 1925 wurden die Entwürfe bekannter Jugendstilkünstler bei Pichler realisiert. Über 140 Künstlerdecken sind durch die Musterbücher erhalten geblieben. Bis zu 30 Mitarbeiter arbeiteten als technische Zeichner und Patroneure, Musterzeichner, an der Umsetzung der aufwendigen Jacquardentwürfe. Im Vergleich zum Digitalprint, war die Jacquard-Weberei sehr aufwendig.

Der Herbstwald nun also, er könnte zum Kissen werden, dann wäre er noch attraktiver. Im Segmet Sofa-Kissenhüllen konnte Wagner die Umsätze 2015 zweistellig steigern. Gleichzeitig konnten die Kissen das Umsatzminus nicht verhindern. Ein Grund: Die Tischlein deutscher Haushalte werden immer seltener mit einer Tischdecke gedeckt. "Vielen reichen Tischsets oder -läufer." Lediglich mit bügelfreier Tischwäsche habe man den Trend etwas aufhalten können. Und glücklichweise steht die gehobene Gastronomie und Hotellerie in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch auf Tischdecken.

Zweiter Grund: Die günstige Wäsche aus China, Indien, Portugal und der Türkei überschwemmt den Markt. Dann sagt Wagner, dass er selbst Stoffe, unter anderem aus diesen Ländern bezieht. Oder sie gleich dort nähen lässt. Er arbeitet mit einem tschechischen und portugiesischen Konfektionsbetrieb zusammen. Und hat einen eigenen in der türkischen Textilmetropole Adana - etwa 120 Kilometer von der syrischen Grenze - mit türkischem Teilhaber und 35 Beschäftigten. Er rechnet vor: "Eine Konfektionsmitarbeiterin kostet uns in Deutschland 32 000 Euro. Wir zahlen Tariflohn: 20 Euro brutto pro Stunde." In der Türkei koste eine Mitarbeiterin 4,50 Euro brutto. In Tschechien und Portugal nur "geringfügig mehr". In den vergangenen 20 Jahren strich Wagner in Laichingen 50 Stellen.

Warum letzten Endes die Weberei dran glauben musste: Die EEG-Umlage brach der Firma das Genick. Die Pressluft-Webstühle waren Energiefresser. "2002 zahlten wir 3 bis 4 Cent pro Kilowattstunde, 2014 waren es 19 Cent." Wagner ist ein ausgeglichener Mann, nun wird er deutlich. Wie unfair, große Firmen von der Umlage zu befreien! "Da denke ich mir: Dann braucht ihr halt keine Kleinbetriebe mehr."

Während in den 80ern der Umsatz unter Wagners Führung richtig anzog, stagnierte er Anfang diesen Jahrtausends. 2002, Insolvenz, 2006, Standortsicherungsvereinbarung bis 2016. Die Mitarbeiter verzichteten auf Jahressonderzahlungen und Urlaubsgeld. "Bis 2011 haben wir investiert, 2012 gemerkt: Wir schaffen die nötigen zwei Millionen nicht." So wurde also die Webanlage verkauft, die sechs Mitarbeiter konnten eine neue Stelle finden, die Laichinger Wäschekrone zog mit Stickmaschinen ein. Zum Jahresende beschäftigte Pichler auf Vollzeit umgerechnet 47 Mitarbeiter, davon 5 Azubis. Zudem Heimarbeiter. Der Gesamtumsatz betrug 6,5 Millionen Euro.

Die Textilindustrie ist in Deutschland fast verschwunden. Trigema in Burladingen aber ist bekannt für strikt deutsche Produktion, Sina Trinkwalder aus Augsburg wirbt neuerdings mit ihrer Firma Manomana "Vom Garn bis zur Naht in Deutschland hergestellt" und Dietenheim soll zum Reallabor der Hochschule Reutlingen und Uni Ulm werden, das nachhaltige, deutsche Textilindustrie wiederbelebt. Auch der Pichlerchef macht sich Gedanken darüber, wie sich seine Firma entwickeln soll. Die Leinenweberstadt Laichingen verdankt ihren Namen den Feldern mit Flachs, auch Leinen genannt, die den Ort einst umgaben. Zurück zu regionalen Fasern wie Flachs oder Merinowolle von Albschafen will er aber nicht. Zu teuer. Er träumt von anderen Materialien. Auch als Alternative zur von ihm kritisierten, wasserintensiven Baumwolle: Latex mit Cellulose. Ebenfalls aus der Natur.

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