Energie Wartung von Windkraftanlagen - 140 Meter überm Beton

Bermaringen / THOMAS STEIBADLER 29.11.2016

Höhenangst ist an diesem Morgen kein Thema. Der Blick aus 140 Metern Höhe verschwindet nach zehn Metern in einer dicken Nebelsuppe. Höhenangst ist auch generell für Daniel Butz kein Thema, sonst hätte er sich nicht diesen Beruf ausgesucht. Der Mann aus dem Hunsrück ist seit sieben Jahren Service-Techniker für Windkraftanlagen. Für seinen Arbeitgeber, die Deutsche Windtechnik X-Service, kümmert er sich zum Beispiel um die drei 200-Meter-Anlagen des Windparks Tomerdingen.

Die Windräder vom Typ Nordex N 117 sind vor etwa drei Jahren in Betrieb gegangen. Das Greenpeace-Unternehmen Planet Energy hat nach eigenen Angaben knapp 14,2 Millionen Euro investiert. Bei einer Leistung von jeweils 2400 Kilowatt sollten die Anlagen zusammen pro Jahr 16 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren (siehe Infokasten).

An diesem nebligen Morgen weht nur eine schwache Brise über die Alb. Fünfeinhalb Meter pro Sekunde zeigt die digitale Anzeige, das Windmessgerät selbst ist auf dem Dach des Maschinenhauses in über 140 Metern Höhe montiert. Fünfeinhalb Meter pro Sekunde reichen den drei jeweils 58 Meter langen Rotorblättern, um den Generator zu 600 Kilowatt Leistung anzuspornen.

„Die stoppen wir jetzt“, sagt Daniel Butz und öffnet im Turm der Anlage einen Schaltschrank. Drei-, viermal Tippen auf der Touchscreen, und das Bremsprogramm ist aktiviert. Wenig später steht der Rotor in Y-Stellung, ein Blatt zeigt nach unten, die beiden anderen schräg nach oben. Gleichzeitig sind die Rotorblätter aus dem Wind gedreht worden und bieten dank des Anstellwinkels von 90 Grad kaum mehr Widerstand. „Das ist der Pitch“, erläutert der Techniker.

Langsam nach oben

Im Zweier-Team benötigen Daniel Butz und sein Cousin Patrick drei Arbeitstage für den Halbjahres-Service einer Nordex-Anlage. Das liegt unter anderem daran, dass sie bis zum eigentlichen Arbeitsplatz und zurück immer eine ganze Weile unterwegs sind. Im Turm des Windrades geht es in einem kleinen Aufzug etwa 135 Meter nach oben. Die restlichen fünf Meter zum Maschinenhaus müssen über eine Leiter und Tritte zurückgelegt werden. Aus Sicherheitsgründen fahren die beiden Service-Techniker einzeln hoch. Der Aufzug ist zwar furchtbar langsam, aber immer noch besser als gar keiner. „Befahranlagen“, sagt Daniel Butz, seien erst ab einer Nabenhöhe von 100 Metern vorgeschrieben. So kommt es immer wieder vor, dass die Techniker minutenlange Kletterpartien absolvieren müssen – samt der schweren Sicherheitsausrüstung und dem Werkzeugkoffer. Körperliche Fitness ist also unabdingbar, ebenso die regelmäßige arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung „G 41 Arbeiten unter Absturzgefahr“.

Eine mit dieser Gefahr verbundene Notsituation haben Daniel und Patrick Butz „glücklicherweise noch nicht erlebt“. Selbstständiges Arbeiten bei gleichzeitiger Teamfähigkeit seien notwendige Voraussetzungen für den potenziell gefährlichen Job in der Höhe. Daniel Butz: „Man achtet aufeinander.“

Auch wenn das Außenthermometer nur wenige Grad über null zeigt, ist es im Maschinenhaus angenehm warm. Dafür sorgen die Rotorwelle, das Getriebe und der Generator. Letzteren schützt eine Wasserkühlung vor Überhitzung, im Getriebe fungiert Öl als Kühlmittel. Die mechanischen Teile werden bei der Wartung ebenso überprüft wie die Elektronik. Zu diesem Zweck haben die Techniker einen Laptop mitgebracht, der diverse Kontrollprogramme abspult. Das muss trotz Fernüberwachung sein. Weil die Daten viel, aber nicht alles verraten, nehmen die Techniker auch Öl- und Fettproben, die später im Labor Aufschluss über den Zustand der jeweiligen Lager geben. Die Kontrolle der Wind- und der Eissensoren und der Blinklichter gehört zum Service-Programm sowie die Kontrolle der Bremse: Die Anlage verfügt tatsächlich über eine große Scheibenbremse, die bei einem Not-Stopp zupackt.

Um an die Nabe zu gelangen, auf der die Rotorblätter montiert sind, muss einer der beiden Techniker klettern: raus aus dem Maschinenhaus, aufs Dach der Anlage. Knapp zwei Meter dürften es bis zur Wartungsluke der Nabe sein – 140 Meter über dem Betonfundament des Windrads. „Die Höhe spielt keine Rolle“, sagt Daniel Butz, „das macht irgendwann keinen Unterschied mehr“.

Potenzial in Süddeutschland

Unternehmen Die Deutsche Windtechnik mit Sitz in Bremen hat nach eigenen Angaben mehr als 2800 Windenergieanlagen unter Wartungsvertrag. Das Unternehmen, eine Aktiengesellschaft mit insgesamt 850 Beschäftigten, hat im vergangenen Jahr 95 Millionen Euro umgesetzt. Die Tochterfirma Deutsche Windtechnik X-Service (Osnabrück) ist auf Anlagen der Hersteller Nordex, Senvion und Fuhrländer spezialisiert. Nach den Worten von Geschäftsführer Holger Hämel bestehen für X-Service als unabhängigen Service-Anbieter in Baden-Württemberg und Bayern „sehr gute Chancen“ weiter Fuß zu fassen. Speziell die Region um Ulm sei „ganz interessant“. Eine Schwierigkeit bestehe jedoch darin, genügend Fachkräfte zu bekommen. Hämel verschweigt nicht, dass die Windrad-Wartung „ein Knochenjob“ sei und auch etwas Abenteuerlust voraussetzte.

Windpark Vor drei Jahren hat Planet-Energy die drei Nordex-Anlagen des Windparks Tomerdingen in Betrieb genommen. „Die Erträge lagen etwas unter den Prognosen“, sagt Projektmanager Thomas Möhring. Große technische Probleme seien nicht aufgetreten, auch seien die Anlagen kaum wegen Netzüberlastung abgeschaltet worden. Das bedeutet: Am Standort zwischen Tomerdingen und Bermaringen weht der Wind nicht so kräftig wie erwartet.