Es geht um sechs Milliarden Liter Grundwasser. Es geht aber auch um bloße achtzehn Zentimeter: Um so viel erhöht sitzt die Verhandlungsleitung. "Die 18 Zentimeter haben wir uns gegönnt", sagen Michael Trippen und Gertrud Bühler, "aber nicht der Bahn". Es soll nicht wieder heißen, der Staat schwebe über dem Volk. Das Volk ist dennoch verärgert, nun kann es aus hinten im Kongresszentrum am Flughafen schlecht erkennen, wer gerade spricht.

Das Volk sind gut 200 Zuhörer, nahezu alle Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21. Weil die Bahn auf der Baustelle des Tunnelbahnhofs mehr Grundwasser abpumpen will als ursprünglich vorgesehen, muss die Genehmigung geändert werden. Dazu veranstaltet das Regierungspräsidium eine mündliche Erörterung. Vier, fünf Tage sollen Experten mit dem Volk über Geologie und Geotechnik, über Wasserwirtschaft, Eigentums- und Haftungsfragen, über Natur, Landschaft, Lärm und Erschütterungen debattieren. Wenn das Volk will.

"Der Erörterungstermin vor zwei Monaten krankte daran, nicht zur Sachdiskussion zu kommen", mahnt Trippen seine Zuhörer, doch endlich fachlich zu debattieren. Doch nach zwei Stunden ist man immer noch bei Formalien. Einer vermisst die Öffentlichkeit, weil anders als bei der Schlichtung keine Bilder live übertragen werden und auch das Fernsehen nicht filmen darf. Ein Zweiter sieht deswegen das Grundgesetz gebrochen, eine Dritte bemängelt, dass die Erörterung nur außerhalb der Stadtgrenzen Platz findet. Das mindeste seien Freikarten der Bahn. Teurer als das S-Bahn-Ticket zum Kongresszentrum am Flughafen in Echterdingen ist mit 3,30 Euro allerdings der Kaffee am Verpflegungsstand.

Eine Frechheit seis, mit der Erörterung am ersten Schultag zu beginnen, heißt es dann, man müsse wenigstens so früh aufhören, dass es die Zuschauer noch zur Montagsdemonstration vor dem Bahnhof schaffen. "Baustopp" brüllt dann jemand im Saal, unter Buh-Rufen gehen die durchgestrichenen S-21-Plakate in die Luft, und jemand ruft auch wieder "Lügenpack". Das trifft den Anwalt der Bahn, verständlicherweise vergeblich bittet er um den Namen des Rufers, "damit ich ihn strafrechtlich verfolgen kann."

Dennoch: "Es herrscht eine ganz andere Atmosphäre dieses Mal", sagt eine Zuhörerin, anders als vor zwei Monaten. Damals wurde die Erörterung abgebrochen, weil Versammlungsleiter Joachim Henrichsmeyer nicht nur als bekennender Befürworter von Stuttgart 21 gilt, sondern auch ein bisschen zu selbstherrlich über dem Volk schwebte.

Natürlich geht es auch diesmal wieder ums Verhindern. Breiten Beifall heimst ein Mann aus Köln ein: "Ich habe da was gesammelt, meine Idee ist, über die Erdbebensicherheit S 21 zu kippen", sagt er. Auch angesichts solcher Experten bleibt Trippen durchsetzt von wohlwollender Gleichmut, und nur bei einem Befangenheitsantrag kontert er schärfer: Nein, man werde das Projekt eben nicht einfach durchwinken wie unterstellt. Er habe schließlich per Amtseid geschworen, objektiv, neutral und fair zu sein. "Es ist nicht so, dass wir politisch pigmentierte Vorgaben exekutieren".

10 000 Einwendungen will man bis kommenden Freitag ausräumen, und selbst einem Hausbesitzer, dessen Gelände in 30 Metern Tiefe untergraben wird und der schon deshalb gegen das Bahnhofsbauprojekt ist, wird es schließlich zu bunt: "Wir sollten endlich zur Sache kommen."

Das tut die Bahn schon lange: Sie baut und pumpt Grundwasser ab, auf der Basis eines lange gültigen Planfeststellungsbeschlusses. Verhindern lässt sich S 21 nicht mehr, aber nicht alle wolle es glauben wie dieser Zuhörer: "Wir sitzen hier, aber es wird ja doch gebuddelt."

Bundesamt entscheidet