Bühlerzell Zeugnis deutscher Geschichte: Kinderfriedhof im Wald

Im Gedenkstein des Kinderfriedhofs Gantenwald erinnert eine Plastik des Bildhauers Hermann Koziol an das Schicksal der Nazi-Opfer. Foto: Hans Georg Frank
Im Gedenkstein des Kinderfriedhofs Gantenwald erinnert eine Plastik des Bildhauers Hermann Koziol an das Schicksal der Nazi-Opfer. Foto: Hans Georg Frank
Bühlerzell / HANS GEORG FRANK 11.09.2013
Auf einer Zweitagestour besuchte Regierungspräsident Johannes Schmalz acht von mehr als 70 NS-Gedenkstätten. Er würdigte damit die "Kultur des Erinnerns". Eine Station war ein Kinderfriedhof.

"Dies ist eine der bittersten Stationen", sagte der Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl (FDP) gestern auf einer acht Meter breiten und 17 Meter langen Parzelle am Waldrand bei Bühlerzell (Kreis Schwäbisch Hall). Auf einer zweitägigen Reise besuchte er acht von mehr als 70 NS-Gedenkstätten, um deren Bedeutung für die "Kultur des Erinnerns" und die Arbeit vor allem ehrenamtlicher Betreuer zu würdigen.

Ein abgelegenes Gehöft namens Gantenwald war von den Nazis 1944 zur "Ausländerkinder-Pflegestätte" bestimmt worden. Unter schlimmsten Bedingungen mussten dort schwangere Zwangsarbeiterinnen hauptsächlich aus Polen, Russland und der Ukraine ihre "fremdvölkischen Kinder" gebären - oft nach Vergewaltigungen. Kurz nach der Entbindung mussten sie zurück an die Arbeit, ohne ihre Kinder. SS-Führer Heinrich Himmler duldete die Frauen nicht in Krankenhäusern, damit ihr Schicksal ebenso wenig bekannt wurde wie die Vaterschaft. Historiker gehen davon aus, dass im Gantenwald 79 Kinder geboren wurden, mindestens 24 starben, weil medizinische Versorgung, Hygiene, Ernährung und Bekleidung völlig unzureichend waren. Die ersten fünf Leichen sind noch auf dem Friedhof in Bühlerzell bestattet worden. 19 später gestorbene Säuglinge des laut NS-Rassenlehre "schlechtrassigen Nachwuchses" und die russische Mutter Eugenia Rossamacha, nur 19 Jahre alt, wurden im Wald beerdigt.

Mit diesem Zeugnis der Menschenverachtung kam die Gemeinde lange Zeit nicht zurecht. Ein Vizebürgermeister hatte Bühlerzell in den 1980er Jahren international in Verruf gebracht, als er die Kinder vom Gantenwald als "Zufallsprodukte sexueller Freuden" bezeichnete und in ihrem Tod "kein Nazi-Verbrechen" erkennen konnte. Wer so dachte, wollte den "polnischen Friedhof" am liebsten verschwinden lassen. Doch das Landratsamt bestand auf den Erhalt als "Ruhestätte der Opfer von Kriegs- und Gewaltherrschaft". Dennoch verschwand ein Gedenkstein, den die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes aufgestellt hatte, schon nach einer Woche - er wurde im Feuerwehrmagazin versteckt. Selbst der Petitionsausschuss des Landtags musste sich mit den Vorfällen in Bühlerzell befassen.

"Heute ist das kein Thema mehr", sagte Bürgermeister Franz Rechtenbacher (CDU) der SÜDWEST PRESSE. "Damals" habe es sich um "eine Sondersituation" gehandelt, "weil es noch keinen Bürgermeister gab". Sein Vorgänger sei im Juli 1982 verstorben, er habe nach der Wahl im Oktober im November das Amt angetreten. Zwei Fraktionen hätten sich im Gemeinderat gestritten: "Die eine wollte den Friedhof verwahrlosen lassen, die andere wollte eine würdige Kriegsgräberstätte."

1984 wurde der Friedhof neu gestaltet, zunächst nur mit einem Kreuz ("Ruhet in Frieden"), 1986 wurde ein Gedenkstein des Bildhauers Hermann Koziol errichtet mit einem Spruch von Luise Rinser: "Hier liegt seit 1945 eine russische Mutter neben kleinen Kinder, von Zwangsarbeiterinnen geboren und elend umgekommen. Wir gedenken in Scham und Trauer ihrer und aller Frauen und Kinder, geopfert im NS-Staat in einem sinnlosen Krieg."

Heute, lobte Schmalzl, sei die Gedenkstätte bei der Gemeinde "in guten Händen". Mit Blick auf frühere Auseinandersetzungen sagte er, "die Zeit heilt viele Wunden". Dieser "Lernort" sollte viel stärker im Unterricht berücksichtigt werden: "Ich bin nicht zufrieden, dass so wenige Schüler herkommen."

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