Meßstetten Zeit zum Durchatmen in der Lea Meßstetten

Der große Andrang in der Landeserstaufnahmestelle Meßstetten ist (vorerst) vorbei - so kann in der Kantine in Ruhe aufgeräumt werden (großes Bild), hat Petra Schmidt in der Kleiderkammer Zeit, Klamotten zu sortieren und wegzuhängen (oben) und sind auf den Wegen in und um das Lea-Gelände herum nur wenige Flüchtlinge unterwegs (unten). Fotos: Madeleine Wegner
Der große Andrang in der Landeserstaufnahmestelle Meßstetten ist (vorerst) vorbei - so kann in der Kantine in Ruhe aufgeräumt werden (großes Bild), hat Petra Schmidt in der Kleiderkammer Zeit, Klamotten zu sortieren und wegzuhängen (oben) und sind auf den Wegen in und um das Lea-Gelände herum nur wenige Flüchtlinge unterwegs (unten). Fotos: Madeleine Wegner © Foto:  
MADELEINE WEGNER 26.03.2016
Monatelang war die Landeserstaufnahmestelle Meßstetten überbelegt. Nun hat sich die Lage deutlich entspannt, zurzeit leben 430 Flüchtlinge auf dem Gelände. Allerdings ist unsicher, wie es weitergehen soll.

Wie leer gefegt wirkt das Gelände der Landeserstaufnahmestelle Meßstetten (Lea). Auf dem zentralen Platz zwischen Wohnhäusern, Bürogebäude und Kindergarten bereitet ein Vater mit seinem Sohn die Feuerstelle zum Grillen vor. Hier oben auf der Südwest-Alb liegen Reste von Schnee. Nur vereinzelt sind Menschen unterwegs.

"Es ist so leer auf dem Gelände - das ist fast gespenstisch", sagt Petra Schmidt. Sie arbeitet seit einem dreiviertel Jahr in der Kleiderkammer der Lea, wo sich die Flüchtlinge eine Grundausstattung an Kleidung aussuchen können. Noch vor ein paar Monaten war der Andrang so groß, dass die Mitarbeiterinnen den Zugang auf jeweils 15 Menschen begrenzen mussten. Selbst das Wartezimmer nebenan war meist voll. Nun wartet hier niemand mehr.

"Es ist nur noch ganz wenig los", sagt Schmidt. Trotzdem ist die Kleiderkammer vormittags und nachmittags geöffnet. Die drei Mitarbeiterinnen haben Zeit, die Sachen nach Größen zu ordnen, aufzuräumen, auszusortieren - Aufgaben, für die in den vergangenen Monaten kaum Zeit blieb.

Bis zu 3500 Geflüchtete waren im vergangenen Herbst hier in der Nähe von Meßstetten untergebracht. Als die ehemalige Zollernalb-Kaserne im November 2014 als Lea öffnete, war sie für 1000 Menschen ausgelegt. "Wir sind mit großer Euphorie gestartet", sagt Lea-Leiter Frank Maier.

Im Sommer und Herbst kamen aber so viele Flüchtlinge wie noch nie an. "Wir haben überall, wo es ein Dach und Heizung gab, Feldbetten aufgestellt", sagt Maier. "Da staut sich natürlich Unmut und Aggression." Eingeschlagene Fensterscheiben, Großeinsatz der Polizei: Am 13. November kam es zu einer Massenschlägerei. Die Phase der Überbelegung sei für Mitarbeiter wie Bewohner belastend gewesen.

Seit gut einem Monat sind die Zahlen der Bewohner deutlich rückläufig. Zur Zeit leben rund 430 Menschen auf dem Gelände. "Das ist ein gewaltiger Unterschied", sagt Maier. Die ersten Häuser werden nun wieder geschlossen. Auch, damit die Streife des Sicherheitsdienstes nicht mehrere halb leere Häuser überprüfen muss. Für Frauen und Familien gibt es ein separates Gebäude, es ist kaum belegt. Der Zaun, der das Gelände begrenzt, wird wieder weiter nach innen gesetzt, um das Gelände zu verkleinern. Die zweite Kantine ist seit Anfang Februar wieder geschlossen. Von vier Mahlzeiten wurden Kaffee und Kuchen am Nachmittag gestrichen - ein Angebot, das vor allem für Familien gedacht war.

"Im Moment haben wir sehr viele Kapazitäten, das merkt man überall", sagt Patrizia Hirt, Pressesprecherin der Lea. Im Spielraum des Kindergartens toben drei Kinder auf einer Rutsche. Drei Betreuerinnen passen auf sie auf. Sonst waren bis zu 60 Kinder pro Woche in den beiden Räumen des Kindergartens. "Wir überlegen schon, ob wir putzen sollen oder andere Aufgaben erledigen", sagt eine der drei Frauen. Die meisten Arbeitsverträge laufen bis Ende des Jahres. Rund 300 Mitarbeiter hat die Lea, hinzu kommen etliche Ehrenamtliche. Laut Leiter Maier nutzen viele Mitarbeiter nun die ruhige Phase, um Überstunden abzubauen oder Urlaub zu nehmen. Einen Teil der Arbeit in der Lea übernehmen Flüchtlinge. Für die gemeinnützige Arbeit bekommen sie 1,05 Euro pro Stunde.

Die Menschen, die jetzt in der Lea sind, werden vermutlich länger hier bleiben als frühere Bewohner. Die Verteilung der Flüchtlinge auf die Landkreise stockt. "Für uns herrscht kein großer Druck, die Leute in die Landkreise zu schicken", sagt Maier. Zwei bis fünf kommen pro Tag neu, maximal 20 pro Woche. "Busse haben wir schon lange nicht mehr." Leere Flure, leere Wartezimmer, ruhige Häuser - "wir können Durchatmen".

Quirlig, laut und lebhaft geht es im ehemaligen Soldatenheim auf der anderen Straßenseite des Lea-Geländes zu. Kinder laufen herum, spielen, schreien. Im Café sitzen Erwachsene beim Schach oder beim Stricken: Ehrenamtliche und Vereine bieten das an. Das vom DRK eingerichtete Begegnungszentrum ist mit kleinen Sitzecken, einem Tischkicker, zwei Kegelbahnen, Räumen für den Deutsch-Unterricht und dem Café tatsächlich ein Ort der Begegnung und der Ablenkung vom Lea-Alltag.

"Jetzt im Moment ist es auch für uns ruhiger", sagt Axel Leukhardt. Seit fast einem Jahr ist er als Streetworker in der Lea und in Meßstetten unterwegs. "Die Belastung durch die hohe Belegung war im Alltag bei jedem Einzelnen spürbar", sagt er. Oft sei die Stimmung am Siedepunkt gewesen: "Ein Wunder eigentlich, dass es nicht mehr Ausschreitungen gab." Die einsetzende Entspannung will Leukhardt nutzen - für individuellere Betreuung und "mehr Verbindlichkeit".

Die Jugendlichen kamen oft zu kurz in der Lea. Seit Februar gibt es nun das "Youth Center". Hier gibt es spezielle Deutsch-Kurse für Jugendliche, einen Tischkicker, manchmal werden Filme gezeigt. Bis zu 50 unbegleitete Jugendliche lebten zeitweise in der Lea. "Jetzt, wo die Strukturen aufgebaut sind, sind sie wieder weg", sagt Leukhardt.

Die Strukturen sind da, aber auch die Unsicherheit: Das Land würde die Lea gern über 2016 hinaus nutzen. Das soll jedoch nicht über die Köpfe der Bürger hinweg passieren. Wie es weitergeht, sei schwer einzuschätzen. Maier hofft vor allem, "dass möglichst schnell eine Entscheidung fällt."

Zahl der Asylsuchenden sinkt

Entspannung Die Zahl der Asylsuchenden im Südwesten sinkt - und so auch der Druck wegen der Unterbringung in den Kommunen. "Wir drosseln die Verlegung von Flüchtlingen aus Erstaufnahmeeinrichtungen in Unterkünfte der Stadt- und Landkreise", sagte Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD). Damit könnten mehr Flüchtlinge schon vor der Verlegung in die Kreise den Antrag auf Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) stellen.

Aufwand Derzeit müssen viele Flüchtlinge aus den Kreisen in das Registrierungszentrum nach Heidelberg gebracht werden oder in eine Lea mit Bamf-Außenstelle, um den Asylantrag zu stellen und dazu angehört zu werden.