NSU Zehn Jahre danach: Offene Fragen zum Heilbronner Polizistenmord

Trauerzug für die Kollegin: Der Mord an Michèle Kiesewetter beschäftigt viele bis heute.
Trauerzug für die Kollegin: Der Mord an Michèle Kiesewetter beschäftigt viele bis heute. © Foto: dpa
Heilbronn / Thumilan Selvakumaran 21.04.2017
Hatte der NSU Helfer in Heilbronn? Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter jährt sich zum zehnten Mal. Zehn Fragen, die bis heute ungeklärt sind.

Zwei Schüsse aus unmittelbarer Nähe. Das eine Projektil durchschlägt den Kopf von Michèle Kiesewetter. Die 22-Jährige ist sofort tot.  Kollege Martin A. auf dem Beifahrersitz überlebt mit schwersten Kopfverletzungen. Der Angriff auf die Polizisten am 25. April 2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn jährt sich am Dienstag zum zehnten Mal.

Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) die Täter waren. Die Anklage stützt sich auf die 2011 im ausgebrannten NSU-Wohnwagen gefundenen Dienstpistolen. In der ausgebrannten NSU-Wohnung in Zwickau tauchten Tatwaffen sowie eine Jogginghose mit Blut von Kiesewetter auf. Beate Zschäpe hat nach jahrelangem Schweigen 2016 vor Gericht erklären lassen, dass es den beiden Uwes beim Mord nur um die Waffen gegangen sei – genau so, wie es die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklage formuliert hat. Der Fall ist aber nicht so eindeutig, wie Ermittlungsakten darlegen. Ein Wirrwarr aus Pannen, Zufällen und Ungereimtheiten spannt sich um den Komplex. Bis heute sind die folgenden zehn Fragen ungeklärt.

1. Wurden Kiesewetter und A. zufällig Opfer?
Zwei Täter aus Thüringen fuhren hunderte Kilometer nach Heilbronn, um eine Polizistin zu töten, die zufällig aus Thüringen stammt. Laut Bundesanwaltschaft haben sich Täter und Opfer nicht gekannt. Es gibt in Kiesewetters Heimat Oberweißbach aber mehrere Verbindungen zum NSU. Der einstige Wirt einer Gaststätte war in den 90ern mit Beate Zschäpe liiert und ist Schwager des im NSU-Prozess mitangeklagten Ralf Wohlleben. Zudem gibt es über Angehörige Kiesewetters Verbindungen zur Jenaer Neonazi-Szene.

2. Wieso passt die Tat nicht zum NSU-Schema?
Die Rechtsterroristen werden für zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raub­überfälle verantwortlich gemacht. Neunmal töteten sie ausländische Mitbürger, nutzten dafür eine Ceska. Jedes mal waren die Taten geplant. In Heilbonn sollen sie andere Waffen genutzt haben und plötzlich ganz spontan gemordet haben.

3. Wer war am Tatort?
Laut Anklage hatten Mundlos und Böhnhardt keine Helfer. Es gibt aber Zeugen, die mehrere flüchtende, teils blutverschmierte Personen gesehen haben wollen. Für die Soko „Parkplatz“ und den Bundestagsuntersuchungsausschuss ist klar, dass vier bis sechs Täter auf der Theresienwiese waren. Keines der Phantombilder gleicht Mundlos oder Böhnhardt.

4. Welche Erinnerungen hat Martin A.?
Der Kollege von Kiesewetter konnte sich bei Vernehmungen teilweise an die Täter erinnern. Er beschreibt zwei ältere Männer, die mit Mundlos und Böhnhardt keine Ähnlichkeiten haben. Seine Aussage wird allerdings nicht genutzt – weil er laut Akten Angst vor Racheakten hat.

5. Wieso spielte Rechtsextremismus nicht früher eine Rolle?
Erst als 2011 der NSU auffliegt, rückte der Rechtsterrorismus in den Fokus. Zuvor jagten die Ermittler zwei Jahre lang aufgrund von DNA-Spuren eine unbekannte weibliche Person – die sich 2009 als Verpackerin der Wattestäbchen entpuppte. Andere Spuren in die rechte Szene blieben unberücksichtigt.

6. Hat der NSU ein Helfer-Netzwerk?
Die Ausschussmitglieder in Stuttgart und Berlin gehen davon aus, dass es in Heilbronn Helfer gab. Der NSU hatte Kontakte in Baden-Württemberg, die das Trio über Jahre besuchte. Außerdem sind militante Neonazis mit Bezügen zum Thüringer Heimatschutz in den Raum Heilbronn/Ludwigsburg gezogen.

7. Welche Rolle spielten rechte Polizisten?
Bei der Böblinger Polizei fielen Beamte auf, weil sie sich kollektiv Glatzen schnitten und sich mit Ausländern prügelten. Zwei waren Mitglied im Ku-Klux-Klan in Schwäbisch Hall, einer davon war der Vorgesetzte Kiesewetters am Mordtag. KKK-Mitglied war auch V-Mann Thomas Richter alias „Corelli“, der auf der Adressliste des NSU stand.

8. Wer saß im Wohnmobil?
Die Täter sollen laut Anklage ein Wohnmobil genutzt haben, das bei der Ringalarmfahndung in Oberstenfeld registriert wurde. Der NSU habe es unter dem Namen Holger G. zuvor in Chemnitz angemietet. Der Mietvertrag endete aber am 19. April – sechs Tage vor dem Mord. Die Anklage vermutet, dass der NSU die Miete verlängert hat, obwohl nie Belege gefunden wurden. Unklar ist, wer im Wagen saß. Er wurde nicht angehalten.

9. Was wussten die Geheimdienste?
Ein Beamter des Verfassungsschutzes war am Mordtag in Richtung Heilbronn unterwegs, um sich nach eigenen Angaben mit einem Informanten zu treffen. Auf der A 6 wurde ein Master Sergeant des US-Militärs geblitzt. Bis 2071 als geheim eingestufte Dokumente des BND legen nahe, dass US-Behörden Informationen zum Fall haben.

10. Gibt es Verbindungen zur organisierten Kriminalität?
Die Soko „Parkplatz“ hat die Daten von Mobiltelefonen, die zur Tatzeit im Bereich Theresienwiese eingeloggt waren, an Europol weitergeleitet. Darunter sind 16 deutsche Rufnummern, die mit der organisierten Kriminalität in Osteuropa in Verbindung gebracht werden. Der Hintergrund ist bis heute unbekannt.

Mehr zum Thema
In unserem Dossier zum Fall Kiesewetter finden Sie weitere Artikel zum Mord an der Polizistin.

In unserem Dossier über den NSU finden Sie weitere Artikel zum Mord an Michèle Kiesewetter, Berichte rund um den NSU und den Prozess gegen Beate Zschäpe.
Lesen Sie auch: Trauer um Opfer des NSU: Stilles Gedenken am Tatort

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel