Kein Geld, schlechter Ruf: Obdachlose haben angesichts von Wohnungsnot und steigenden Mieten kaum noch Chancen, ein Zuhause zu finden - darauf weisen Initiativen der Wohnungslosenhilfe hin. „In großen Städten gibt es neue Formen der Verelendung“, berichtete Jörg Mauter vom Verein Sozpädal am Freitag anlässlich der Fachtagung „Soziale Wohnraumhilfen“ in Karlsruhe. Ob in Zelten, unter Planen oder Brücken: „Die Obdachlosen werden wieder sichtbar.“

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) fordert Politik und Wohnungswirtschaft auf, mehr bezahlbare und auch kleine Wohnungen zu schaffen sowie soziale Wohnraumagenturen besser zu unterstützen. „Wir brauchen eine gezielte Akquise für diejenigen, die sonst keine Chance haben“, sagte BAG-Geschäftsführerin Werena Rosenke. Kommunale Wohnunternehmen müssten - je nach Situation vor Ort - über eine „Quotierung“ nachdenken.

Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft haben bundesweit rund 860 000 Menschen keine richtige Wohnung: Sie sind in Notunterkünften, Obdachlosenheimen, in prekären ungesicherten Mietverhältnissen oder - 52 000 von ihnen - leben auf der Straße. Tendenz steigend. „Die Wohnungslosigkeit hat stark zugenommen“, sagte Mauter. Besserung sei nicht in Sicht. „Das ist ein Drama.“

Soziale Wohnraumagenturen vermitteln Obdachlosen ein neues Zuhause, indem sie für sie Wohnungen anmieten oder bauen lassen. Nach Angaben des Sozialwissenschaftlers Volker Busch-Geertsema gibt es in Deutschland sieben größere Agenturen: in Karlsruhe, Stuttgart, Darmstadt, Kassel, Bremen, Hannover und Lüneburg. Aus seiner Sicht sind das viel zu wenig Angebote.

Denn Obdachlose hätten nicht nur das Problem, dass es zu wenig günstige und kleine Wohnungen gibt. „Sie haben auch ein Zugangsproblem.“ Eine negative Schufa-Auskunft und ihre bisherige Wohnbiografie seien unüberwindbare Barrieren. Die Agenturen vermitteln nicht nur ein Dach über dem Kopf. Sie kümmern sich auch um die Verwaltung, helfen bei persönlichen Problemen oder bei Ärger mit dem Vermieter oder den Nachbarn.

„Eigentlich müsste es in jeder größeren Kommune eine Wohnraumagentur geben“, so der Bremer Professor Busch-Geertsema von der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung. Dass dies machbar sei, zeige das Beispiel im belgischen Flandern, wo es solche Agenturen in jeder mittleren Stadt gebe. Die Agenturen mit mehr als 8000 sozialen Wohneinheiten würden von der Regionalregierung gefördert.

Die Vertreter der in Karlsruhe versammelten Initiativen betonten das Recht der Obdachlosen auf ein Zuhause. Es herrsche ein falsches Bild von Wohnungslosen, so Mauter. In den von Sozpädal verwalteten Wohnungen gebe es zwar hin und wieder Störungen. „Die Mehrzahl der Mieter stört aber niemand.“

Auch andere Vorbehalte räumte BAG-Geschäftsführerin Rosenke aus: „Wir garantieren den Vermietern, dass sie die Miete bekommen und dass wir uns um das Mietverhältnis kümmern.“ Obdachlos muss auch nicht gleich arbeitslos sein, betonte sie: Es gebe vermehrt Menschen mit Job, aber ohne Wohnung.

Die Karlsruher Tagung wurde anlässlich des 40-jährigen Bestehens von Sozpädal in Kooperation mit der Bundesarbeitsgemeinschaft ausgerichtet. 150 Fachleute aus Deutschland erörterten Wege, um mehr Wohnungen an Obdachlose zu vermitteln.

Sozpädal

Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe