Tübingen Wo 1869 die DNA entdeckt wurde

MADELEINE WEGNER 06.11.2015
Hier entdeckte Friedrich Miescher die Nukleinsäuren DNA und RNA: Das Labor auf dem Tübinger Schloss war weltweit eine der ersten Forschungsstätten der Biochemie. Seit Freitag ist es ein modernes Museum.

Jahrzehntelang lag das einstige Labor auf Schloss Hohentübingen im Dornröschenschlaf. Der Ort, den man gut und gerne als "Wiege der Biochemie" bezeichnen kann, wurde als Technik- und Lagerraum genutzt. Lediglich drei Tafeln neben dem Eingang wiesen auf seine historische Bedeutung hin. Dennoch reisten in den vergangenen Jahren immer wieder Wissenschaftler aus der ganzen Welt an, um zumindest etwas von der Aura des Raumes zu spüren: Hier untersuchte Felix Hoppe-Seyle den roten Blutfarbstoff und nannte ihn "Hämoglobin". Vor allem aber entdeckte hier Hoppe-Seylers Assistent und Schüler Friedrich Miescher 1869 im Alter von 24 Jahren Zellteile, die er "Nuklein" nannte. Eine bahnbrechende Entdeckung - es waren die Nukleinsäuren DNA und RNA, Träger der Erbinformation.

Vor einem Jahr sagte das Tübinger Biopharma-Unternehmen Curevac dem Museum der Universität Tübingen 100 000 Euro zu, um das frühere Schlosslabor in eine moderne Dauerausstellung zu wandeln. Um Krebsmedikamente und Impfstoffe zu entwickeln, arbeitet Curevac mit jenem Molekül, das Miescher vor knapp 150 Jahren entdeckte. Die Spende stammt aus einem mit zwei Millionen Euro dotierten internationalen Preis, den das Unternehmen 2014 für seine spezielle Technologie erhielt. Vorstandsvorsitzender Ingmar Hoerr spricht begeistert von den "Heiligen Hallen".

Wo zuvor Schloss- und Waschküche waren, richtete die Universität 1818 ein chemisches Labor ein, das bald zu einer der weltweit ersten Forschungsstätten der Biochemie werden sollte. Seit heute ist der Raum für Besucher geöffnet. Es ist "das einzige Museum deutschlandweit, das sich mit Biochemie beschäftigt", sagt Thomas Beck, Kurator der Dauerausstellung.

Die Aura des früheren Labors sollte erhalten und der Raum möglichst unverändert bleiben. Deshalb gibt es keine Texttafeln an den Wänden. In die Labortische eingelassene Bildschirme jedoch bieten per Touchscreen umfangreiche Informationen etwa zur Geschichte der Biochemie, zur historischen Laborpraxis, zu Mieschers Leben und zu Meilensteinen auch der aktuellen Forschung.

So können sich die Besucher je nach eigenem Interesse durchklicken. Die Inhalte sind nicht nur untereinander verlinkt, sondern auch an Ausstellungsstücke gekoppelt: Zum jeweiligen Text werden die passenden Exponate in den Vitrinen beleuchtet. Auf einem der drei Labortische ruht ein Original-Präparat, das Miescher selbst beschriftet hat. Es stammt aus dem Jahr 1871 und ist die älteste isolierte DNA, die Miescher aus dem Sperma von Lachs gewonnen hat. Daneben ein weiteres Präparat, eine fast kopfgroße, helle Masse, die in Flüssigkeit schwimmt.

Aus Schweinemägen wie diesem hatte Miescher das Verdauungsenzym Pepsin gewonnen, mit dessen Hilfe er reines Nuklein gewinnen konnte. "Das war kein Zufallsfund, wie das manchmal behauptet wird", sagt Beck. Miescher habe recht genau gewusst, was er tut und wonach er sucht. Dass auf der DNA die Erbinformationen gespeichert sind, konnte er damals freilich noch nicht wissen.

Wie der junge Wissenschaftler mit Hilfe seines Mentors zu der Entdeckung kam, zeigt ein Schattentheater-Trickfilm. Wundverbände besorgte Miescher in der chirurgischen Klinik, um aus dem Eiter weiße Blutzellen auszuwaschen, bis er schließlich auf die unbekannte Substanz stieß. Heute umkreist im Labor eine Doppelhelix leuchtend den Erlenmeyerkolben: Modernste 3D-Projektion veranschaulicht, wie Genexpression funktioniert - ein Vorgang, aus dem fast alle Eigenschaften von Zellen resultieren. Ein Clou des Museums: Selbst wenn der Ausstellungsraum bereits geschlossen ist, können die Besucher durch den gläsernen Windfang und einen Blick in die "Wiege der Biochemie" werfen.

Wissenschaftsgeschichte mit Smartphone und 3D entdecken

Interaktiv Eingestaubt war das einstige Schlosslabor als Lagerraum. Vom nun eröffneten Museum hingegen lässt sich das nicht behaupten: Es ist mit modernster Technologie ausgestattet und soll auch junge Besucher begeistern. Neben einer 3D-Animation zum Beispiel auch die vier unter einer Tischplatte verborgenen Mikroskope: Von den darunter liegenen Präparaten kann man mit dem Smartphone Aufnahmen machen. Motto: Twittern und teilen erwünscht.