Es war ein furchtbarer Knall, der Roswitha B. am 1. März vor einem Jahr aufschrecken ließ. Als sie wenig später Sirenen von Polizei und Rettungsdienst hörte, eilte sie ans Fenster, konnte aber nichts erkennen. Nur 100 Meter von ihrem Haus im Blautal entfernt, hatte sich auf der Bundesstraße 28 noch auf Ulmer Gemarkung ein schwerer Verkehrsunfall ereignet.

Keine Sekunde hatte sich die Frau in der Situation Sorgen gemacht und auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass es ihr Mann sein könnte, um dessen Leben der Notarzt quasi unter ihren Augen kämpfte. "Er war ja erst wenige Minuten aus dem Haus." Zwei Stunden später dann klingelte ein Notfallseelsorger und ein Polizist an ihrer Tür und überbrachten die schreckliche Nachricht. Noch in der Nacht ist der 78-jährige Mann im Krankenhaus gestorben.

Es war der 1. März 2014, ein Samstagabend kurz nach 18 Uhr. Der Rentner hatte sein Fahrrad genommen und wollte nach Ulm fahren, um im Baumarkt noch etwas zu besorgen. "Er war gesund und immer mit dem Fahrrad unterwegs", erzählt seine Witwe heute, die ihren verstorbenen Mann als einen "versierten Radfahrer" bezeichnet: "Ich habe mir nichts dabei gedacht, er ist die Strecke fast täglich mit dem Rad gefahren."

An diesem Abend aber geschah das Unvorstellbare. Kaum 100 Meter vom Wohnhaus entfernt überquerte der Radler auf freier Strecke die Bundesstraße - und wurde von einem stadtauswärts fahrenden Pkw erfasst. Am Steuer saß ein 20-jähriger Mann, der deutlich zu schnell unterwegs war. Ein Gutachter der Dekra gab die Geschwindigkeit auf der mit Tempo 70 begrenzten Strecke mit 97 Sachen an, kam in seinem Gutachter aber auch zu dem Schluss, dass der junge Fahrer den Unfall auch bei Tempo 70 nicht hätte verhindern können.

Die 72-Jährige empfand das als zweiten Schicksalsschlag innerhalb weniger Wochen, zumal auch die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den 20-Jährigen eingestellt wurden. Und als wäre das nicht genug, flatterte ihr daraufhin eine Klage ins Haus, wonach sie für die Reparaturkosten am Unfallauto aufkommen sollte. 6200 Euro forderte der Vater des Unfallfahrers als Fahrzeughalter, der sich einen Anwalt genommen und die Witwe auf Zahlung des Schadenersatzes verklagt hatte. Für die 72-Jährige der dritte Schicksalsschlag innerhalb kurzer Zeit.

Gestern war die Verhandlung dazu vor dem Landgericht Ulm, der sich die Frau stellte. Nur blieb sie alleine mit zwei Anwälten und der Richterin. Der Kläger hatte es vorgezogen, persönlich nicht zu erscheinen. "Das empfinde ich unangemessen, passt aber ins Bild", sagte ihr Anwalt Thorsten Storp. Schlussendlich einigten sie sich auf einen Vergleich, wonach die Witwe 3500 Euro zu bezahlen hat. "Das muss nahezu unerträglich für sie sein", zeigte Richterin Julia Böllert Verständnis. Die juristische Bewertung ergebe aber, dass das "etwas überwiegende Verschulden" beim Radfahrer lag.