Freiburg Winzer setzen bei der Kirschessigfliege auf Insektizid - Experten raten ab

Freiburg / NADINE ZELLER 07.09.2015
Die Kirschessigfliege ist ein gefährlicher Schädling für Obst. Lang hatte das Insekt niemand auf dem Radar - bis sie sich über Trauben hermachte. Seither setzen Winzer auf Gift - eine zweifelhafte Methode.

Auch die Kirschessigfliege besitzt Muttergefühle - Biologe Michael Breuer ist hin und weg. Er sitzt in seinem Büro im Freiburger Weinbauinstitut und verfolgt auf dem Computerbildschirm die Eiablage eines Kirschessigfliegen-Weibchens. Er kommentiert das Geschehen wie ein Fußball-Spiel: "Sehen Sie, wie kompakt sie steht. Jetzt dringt sie über außen in die Traube ein und platziert das Ei in der Beere."

Das Ei muss in dem Fall nicht ins Eckige, sondern ins Runde. Denn die Kirschessigfliege steht auf Beeren. Genau das ist aber der Strafraum. Zumindest aus Sicht der Winzer. Leider scheint sich die Kirschessigfliege recht wenig für die Spielregeln zu interessieren. Die drei Millimeter große, aus Südostasien stammende Fruchtfliege legt ihre Eier vorzugsweise in Obst: Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren oder Weintrauben - Hauptsache, rot und weichschalig. Seit Monaten liegt deswegen ein Interessenkonflikt zwischen Fliegen und Landwirten vor.

2011 wiesen Forscher die Kirschessigfliege erstmals in Deutschland nach. Anders als die heimische Fruchtfliege, die Beeren auswählt, die Risse haben, platziert die Kirschessigfliege den Nachwuchs in gesunden Früchten. Mittlerweile dürfte die Fliege als Schädling Nummer 1 im Obstbau gelten.

Im Jahr 2014 herrschte deshalb Krieg - David gegen Goliath. Solange nur Obstbauern betroffen waren, wurde die Fliege kaum wahrgenommen. Doch da sie nun an die Weinreben ging, kippte die Stimmung. Kurz vor der Ernte begannen viele Winzer, Insektizide zu versprühen, vor allem das Mittel Spinosad - auch wenn das ebenso wenig nachhaltig ist wie alle anderen Abwehrmaßnahmen. Das Insektizid gilt als umweltverträglich - doch können Schmetterlinge und Bienen daran sterben. "Im vergangenen Jahr ist vor allem beim Spätburgunder zu viel gespritzt worden", sagt Forscherin Heidrun Vogt vom Julius-Kühn-Institut in Dossenheim (Rhein-Neckar-Kreis).

2014 war ein extremes Jahr: Nach einem milden Winter schossen die Populationszahlen der Fliege in die Höhe. Hohe Temperaturen und Regen während der Reifephase schädigten die Trauben und führten zu Mikrorissen - Eintrittspforten für Essigfäule-Bakterien, die wiederum die Kirschessigfliege anzogen. Und dieses Jahr? Bis jetzt haben die Freiburger Forscher keine Hinweise auf die Fliege gefunden.

Und doch ist Stimmung bei den Winzern gereizt, kommt man auf 2014 zu sprechen. Warum wurde so viel gespritzt? Winzer rufen nicht zurück, legen gleich wieder auf oder schimpfen über die mangelnde Kommunikation zwischen Weinbauinstitut und Winzern. Es fallen Sätze wie: "Das Tier hat uns im vergangenen Jahr überrollt."

Dabei war und ist im Weinbau die Lage bei Weitem nicht so angespannt wie im Obstbau. Die wichtigste deutsche Rotweinsorte, der Spätburgunder, ist kaum gefährdet. Dennoch scheint es für viele Winzer klar zu sein, dass bei der geringsten Spur der Eiablage das Insektizid vonnöten ist. Spinosad wird dabei mit dem Zusatz "Combi-protec" vermengt - ein Futterköder, der beiträgt, dass Insektizide besser aufgenommen werden können. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) lehnt diesen Mix ab: Die Folgen für Bienen seien unklar. Zudem sei man sich noch nicht sicher, ob Combi-protec dazu beitrage, dass die Kirschessigfliege schneller Resistenzen entwickle.

In Baden-Württemberg ist das Mittel aber zugelassen. "Landwirtschaftsminister Bonde hat das veranlasst. Er meinte, er nimmt es auf seine Kappe, wenn etwas schiefgeht. Diese Kiste ist mir aber zu heiß", sagt CDU-Bundestagsabgeordnete Kordula Kovac. Sie reiste im Frühjahr mit Forschern nach Japan, um sich dort ein Bild vom Umgang mit dem Schädling zu machen.

Weinbauberater Hansjörg Stücklin hingegen versteht die Aufregung um Combi-protec nicht. Der Köder sei viel schonender als die alleinige Anwendung von Spinosad, man brauche nur einen Bruchteil der Insektizide. Nicht einmal die Imker widersprechen. Im Weinberg überprüft Michael Breuer eine Kirschessigfliegen-Falle. Es sind kaum Tiere drin. Der Sommer ist zu heiß für das Insekt. Es bevorzugt ein schwüles Mikroklima. Deswegen werden die Winzer vom Weinbauinstitut angehalten, die Anlage oft zu entblättern. Auch faule Früchte sollen entfernt werden. Hygienische Maßnahmen - darauf setzen sie jetzt. Gespritzt worden sei dieses Jahr noch nicht, sagt Michael Breuer. Noch nicht. "Sobald wir in unseren Stichproben die ersten Eiablagen finden, fangen wir an zu spritzen", sagt Weinbauberater Stücklin. Natürlich wolle aber niemand spritzen.

Nun soll es die Schlupfwespe richten. Sie legen ihre Eier in Larven und Puppen der Kirschessigfliege, diese ernähren sich von dem Schädling und töten ihn. Schweizer Forscher suchen schon in Japan nach solchen tierischen Gegenspielern . In Deutschland versucht man es mit den heimischen Schlupfwespen. Annette Herz vom Julius-Kühn-Institut sagt: "Man kann mit der Schlupfwespe den Schaden durch die Kirschessigfliege nicht verhindern, aber die Population reduzieren."

Die Forscherin hat deutschlandweit Früchte mit befallenen Fliegenlarven gesammelt. Die daraus gezüchteten Wespen hat sie auf die Eier der Kirschessigfliege losgelassen. "Leider inaktiviert die Kirschessigfliegen-Larve die Schlupfwespen-Eier bislang", sagt die Forscherin. Man könne nur hoffen, dass sich die heimischen Schlupfwespen irgendwann anpassten.

Übrig bleibt Matsch

Gefräßige Maden Gefährlich macht die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii)vor allem ihre Reproduktionsrate. In Deutschland bringt es der Schädling auf bis zu acht Generationen pro Jahr, etwa 400 Eier legt ein Weibchen in ihrem Leben. Es sind unzählige Früchte, die so Schaden nehmen. Denn ihre Maden laben sich am Fruchtfleisch - nach ein paar Tagen ist die Frucht Matsch.

 

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