Prozess Winnenden: Vater wirft Ärzten seines Sohnes Kunstfehler vor

Winnenden-Prozess vor dem Landgericht Heilbronn: Der Vater des Amokschützen hat Ärzte und Therapeuten seines Sohnes verklagt. Die Rechtsanwälte Erik Silcher (rechts) und Hans Steffan (Mitte) vertreten den Kläger.
Winnenden-Prozess vor dem Landgericht Heilbronn: Der Vater des Amokschützen hat Ärzte und Therapeuten seines Sohnes verklagt. Die Rechtsanwälte Erik Silcher (rechts) und Hans Steffan (Mitte) vertreten den Kläger. © Foto: Uwe Anspach/dpa
Heilbronn / HANS GEORG FRANK 23.03.2016
War der Amokläufer von Winnenden eine "tickende Zeitbombe"? Ein Zivilprozess in Heilbronn soll klären, ob Ärzte versagten, weil sie die Gefährlichkeit des jugendlichen Täters nicht erkannt hätten.

Die juristische Aufarbeitung des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen am 11. März 2009 geht in die Endrunde. Vor einer Zivilkammer des Landgerichts Heilbronn hat am Dienstag ein Schadenersatzprozess des Vaters von Tim K. begonnen, er möchte eine Psychoklinik mit in die Haftung nehmen, weil sie angeblich die Gefährlichkeit seines Sohnes nicht erkannt hat. Der damals 17-Jährige hatte in der Winnender Albertville-Realschule neun Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Bei seiner Flucht tötete er einen Arbeiter im angrenzenden Schlosspark sowie zwei Männer in einem Autohaus in Wendlingen (Kreis Esslingen).

Tim hatte bei sich selber eine „manisch-depressive Störung“ vermutet. Er litt nach eigener Einschätzung unter starken, stündlich wechselnden Stimmungsschwankungen. Auf Anraten des Hausarztes hatte er die Klinik am Weissenhof in Weinsberg bei Heilbronn zu fünf ambulanten Terminen aufgesucht. Beim ersten Gespräch am 23. April 2008 soll er erwähnt haben, dass er häufig daran denke, andere Menschen umzubringen. Er habe einen „Hass auf die Menschheit“. Auch soll er gesagt haben, dass er daran denke, Menschen umzubringen, ohne einen wirklichen Plan zu haben. Im Protokoll der Klinik steht „alle erschießen“ in Klammern. Die Fantasien erschreckten ihn selber, dann lenke er sich mit Computerspielen ab, erfuhren die Therapeuten.

Der Jugendliche war zuletzt am 25. September 2008 in Weinsberg. Bei dieser Vorstellung, notierten die Ärzte, seien die aggressiven Gedanken nicht mehr konkret vorhanden gewesen. Ihre Erkenntnisse fassten die Experten in einer Epikrise zusammen – dieser Bericht ist bei den Eltern erst neun Tage nach dem Amoklauf eingetroffen. Darin stand, dass es keine Hinweise auf eine Eigen- oder Fremdgefährdung gebe, „weder akut noch latent“.

Medikamente waren Tim nicht verschrieben worden. Ein Weissenhof-Psychiater ging davon aus, seine Probleme würden sich „mit der Zeit auswachsen“. Zwar wurde eine nicht konkretisierte Therapie vorgeschlagen, aber daran hatte der Schüler kein Interesse. Beim Prozess gegen den Vater vor dem Landgericht Stuttgart erklärte ein psychiatrischer Gutachter, auch eine Weiterbehandlung hätte den Amoklauf nicht verhindern können. Selbst Stunden zuvor könnten Therapeuten nicht erkennen, dass der tödliche Entschluss gefasst worden sei.

Der Rechtsanwalt Erik Silcher ist anderer Ansicht. Er wirft der Klinik einen Kunstfehler vor, weil übersehen worden sei, dass Tim „eine tickende Zeitbombe“ gewesen sei: „Die Tötungstendenzen hätten erkannt werden können.“ Aber Tim sei „nicht ausreichend exploriert“ worden. Silcher vertritt den Vater, der zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt worden war. Der heute 57-Jährige hatte die Tatwaffe in seinem unverschlossenen Kleiderschrank aufbewahrt, die Munition lag im Nachttisch.

Ausgerechnet das Thema Waffen spielte bei der ambulanten Behandlung im Weissenhof eine untergeordnete Rolle. Allerdings haben beide Seiten diesen Aspekt offenbar vernachlässigt. Die Therapeuten erkundigen sich nicht nach einem Zugang zu Waffen, obwohl sie gewusst haben sollen, dass der Vater seinen Sohn bisweilen mit in den Schützenverein nimmt. Die Eltern sollen zwar über Freizeitaktivitäten wie Tischtennis, Armdrücken, Computerspiele und Fernsehen gesprochen haben, verschwiegen jedoch offenbar, dass ihr Sohn elf Softair-Waffen in seinem Zimmer hortete. Unklar ist, ob Tim suizidgefährdet war. Eine Bemerkung im Protokoll der Klinik ist durchgestrichen.

Beim Prozessauftakt wurde die Wahrheitsfindung doppelt erschwert. Der Kläger ließ ein Arbeitsunfähigkeitsattest vorlegen und blieb fern, die Klinik-Mitarbeiter beriefen sich wie in den Strafprozessen auf ihre Schweigepflicht.

Der psychiatrische Sachverständige Helmut Remschmidt aus Marburg listete in seinem Gutachten „verschiedene kleinere Unregelmäßigkeiten“ auf, weil bei Tim eine „soziale Phobie“ diagnostiziert worden war. Aber „grobe Behandlungsfehler“ konnte er nicht erkennen. Der Amoklauf habe nicht vorausgesehen werden können. Das Verbrechen hätte nur verhindert werden können, „wenn er nicht an die Waffe gekommen wäre“.

Bei dem Prozess geht es nach Angaben des Landgerichts um rund vier Millionen Euro, die der Vater von der Klinik zur Freistellung von Regressansprüchen haben möchte. Eine Entscheidung wird Ende April erwartet.

Vom König gegründet

Landesbetrieb Das Klinikum am Weissenhof in Weinsberg ist hervorgegangen aus einer 1903 gegründeten „Königlichen Heilanstalt für Geisteskranke“. Seit 1996 handelt es sich um eine Anstalt des öffentlichen Rechts, die dem Sozialministerium unterstellt ist. Die Klinik beschreibt sich auf der Homepage als „fortschrittliche, offen kommunizierende Facheinrichtung“. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie für Patienten werden Prävention und Nachsorge als „wichtige Anliegen“ bezeichnet. hgf

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