70. Geburtstag Winfried Kretschmann: Die Rolle seines Lebens

Stuttgart / Roland Muschel 12.05.2018
Winfried Kretschmann ist der beliebteste Ministerpräsident. Am 17. Mai wird er 70 Jahre alt. Es wird einen Empfang geben – und viele Erklärungsversuche für seinen Erfolg.

Die Landesflagge ist gehisst, die Kapelle des Landratsamts Schwarzwald-Baar-Kreis steht bereit. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (69) sitzt noch im Dienstwagen. Der Grünen-Politiker muss telefonieren, in Stuttgart gibt es Probleme. Dann steigt er aus, grauer Anzug, grüne Krawatte, Gesundheitstreter, und schüttelt den wartenden Kommunalpolitikern die Hände. Die Musiker spielen einen Marsch, der die Schönheit der Gegend preist: „Wälder und Wiesen, so grün/ Felder und Blumen, die blühn“. Kretschmann summt mit.

Alle paar Wochen steht eine „Kreisbereisung“ auf der Agenda, ein Besuch von einem der 44 Stadt- und Landkreise mit Gesprächen, Besichtigungen, Bürgerempfang. Das Format ist Frühwarnsystem und Mittel zur Selbstdarstellung zugleich. In kleiner Runde beklagen Bürgermeister Probleme beim Breitbandausbau. „Das nehme ich mit. Das ist nicht nur eine Floskel – Sie kriegen eine Antwort“, sagt Kretschmann zu. Den Bürgerempfang läutet er launig ein: Villingen-Schwenningen sei das „höchstgelegene Oberzentrum. Man kann also auf andere Oberzentren herunterschauen: zum Beispiel auf Stuttgart.“

Seit sieben Jahren regiert Kretschmann Baden-Württemberg. Er ist der beliebteste Ministerpräsident der Republik. Am 17. Mai wird er 70, in Stuttgart wird es aus diesem Anlass einen Empfang geben – und Erklärungsversuche für seinen Erfolg. Was also macht ihn aus? Und: Was hat die Macht mit ihm gemacht? Die Antworten fallen unterschiedlich aus, je nachdem, wen man fragt.

Gisela Erler (72) kennt Kretschmann seit Jahrzehnten. Irgendwann in den 80er Jahren ist sie mit ihm zu einem Treffen der Ökolibertären in die Rhön gefahren, in seinem alten Mercedes, einem Diesel. „Er ist nie schneller als 100 Stundenkilometer gefahren, über Hunderte von Kilometern. Winfried war schon damals sehr konsequent ökologisch – auch in seinem persönlichen Verhalten.“ Die Ökolibertären konstituierten sich 1983, sie bildeten den rechten Rand einer linken grünen Partei. In dieser Zeit habe sich Kretschmann sein politisches Rüstzeug erarbeitet, sagt Erler. „Dazu gehört der Respekt vor der provinzorientierten Vielfalt, gekoppelt mit einer dezentralen, selbstregulierenden Marktwirtschaft und der Bewahrung der Schöpfung.“ Schon damals sei er offensiv für Traditionen und Dialekte eingetreten. „Er hat eine Politikerbiografie, aber eine mit einer starken Verwurzelung im normalen Leben. Wir haben immer gestaunt: über seine Kirchgänge, seine Mitgliedschaft im Schützenverein, sein Froschkuttel­essen an Fasnacht.“

Erler, Tochter des SPD-Politikers Fritz Erler, machte Karriere als Unternehmerin. Als Kretschmann 2011 Regierungschef wurde, berief er sie zur Staatsrätin für Bürgerbeteiligung. Sie kann den randständigen Grünen von damals und den mehrheitsfähigen Staatsmann von heute gut vergleichen. „Er bemüht sich redlich, einen Kompass zu halten. Das sieht nach außen oft angepasster aus als er ist.“ Für ihn sei zentral, dass man die Industrie nicht zu einer ökologischen Grundüberzeugung zwingen könne, dass sie den Weg selber finden muss, um innovativ zu bleiben. „Die Frage, wie viel Selbstreflexion können wir bei der Industrie bewirken und wie viel Rahmen müssen wir als Politik vorgeben, treibt ihn um. Deshalb hat er den Automobildialog ins Leben gerufen. Das wird nur leider von vielen missverstanden als Kniefall vor der Industrie.“  Kretschmann stoße bei vielen im ländlichen Raum und in seiner Altersgeneration auf „Gleichklang“, hole sie ab in „ihrem Veränderungspotenzial“. Die Kehrseite: „Für die urbanen Linken und auch für junge Grüne ist er dagegen eine Herausforderung, mit seiner Bedächtigkeit, mit seiner Ablehnung von modischem Firlefanz.“ Seine Popularität habe viele Gründe, nicht zuletzt seine „knorrige Unbeirrbarkeit“.

Nils Schmid (44) hat dagegen eine systemische Erklärung für den Erfolg des Grünen, dessen Vize er in der grün-roten Regierung von 2011 bis 2016 war.  „Er hat mit dem Staatsministerium eine Struktur vorgefunden, die jeder Ministerpräsident ausspielen kann. Als Regierungschef gibt es vorgefertigte Rollenmodelle. Er hat sich für das Modell Erwin Teufel entschieden, für die Rolle des abwägenden Landesvaters. Daraus speist sich seine Popularität.“ Die Mechanik der Macht begünstigt demnach den Regierungschef, der sie zu nutzen weiß. Schmid sagt das ohne Groll, die Landespolitik liegt hinter ihm.

Als einfache Abgeordnete hatten sie lange den gleichen Wahlkreis. „Er war nie der leutselige Typ, der auf jedes Heckenberlesfescht gegangen ist und mit den Leuten geschwätzt hat.“ Manchmal kamen sie sich politisch in die Quere. So hat Kretschmann die Wirtschaft, für die Schmid als Minister zuständig war, zur Chefsache erklärt. „Jeder baden-württembergische Ministerpräsident ist gut beraten, sich um den heimischen Mittelstand zu kümmern. Diese Chance zur Profilierung hat auch Winfried Kretschmann erkannt.“ Begeisterung für die industrielle Entwicklung oder gar für das, was die Beschäftigten umtreibt, hat er beim Grünen aber nicht ausgemacht. „Er hat ein paar Grundüberzeugungen, dazu zählen die Bewahrung der Natur und die Schulen in freier Trägerschaft als Ansporn für das staatliche Modell. Daneben gibt es große weiße Flecken. Er hat keinen Zugang zur Arbeitswelt und eigentlich auch nicht zur Industrie.“

Viele Bosse zweifelten, ob das gutgehen würde mit einem Regierungschef, der davon sprach, dass weniger Autos besser wären als mehr. Der Chef des Burladinger Textilherstellers Trigema, Wolfgang Grupp (76), lehnte den Wechsel offen ab. „Nach der Landtagswahl 2011 habe ich gesagt: Es ist eine Schande für uns Unternehmer in Baden-Württemberg, dass wir als das bekannte Unternehmerland die erste grün-rote Landesregierung haben. Burladingen hat damals mehrheitlich für die CDU gestimmt. Wir haben auch in der Firma diskutiert und dann habe ich mich damals für die CDU ausgesprochen“, blickt Grupp zurück. Fünf Jahre später hatte sich die Skepsis der Wirtschaft gelegt. Grupp ging sogar in die Offensive. Vor der Wahl 2016 sagte er öffentlich, dass Kretschmann gezeigt habe, „dass er das Land gut regieren kann. Also wähle ich ihn. Ich kann ihm ja nicht die Hand schütteln, ihn für seine Arbeit loben und ihn dann nicht wählen!“ Kretschmann, begründet er den Sinneswandel, sei für ihn „der typische Landesvater. Als er anfing, las ich, dass er gegen Autos sei. Kaum war er im Amt, hat er dies korrigiert. Das fand ich gut.“ Ein guter Politiker sei für ihn „einer, der für alle da ist und nur nicht für seine Parteimitglieder. So sehe ich Herrn Kretschmann.“ Wenn er 2021 wieder antreten sollte, wähle er ihn aus heutiger Sicht wieder. „Ich hätte ein Problem damit, mir einen adäquaten Nachfolger vorzustellen; momentan sehe ich keinen.“

Ein Ex-Kommunist, der sich zum Liebling der Wirtschaft entwickelt hat; ein Grüner, der das liebliche Neckartal in ein digitales „Cyber Valley“ verwandeln will: Es sind Widersprüche wie diese, die im linken Lager Kritik an Kretschmanns Kurs auslösen. Den Sänger der Punkband „Die Goldenen Zitronen“ und Theaterregisseur Schorsch Kamerun (55) haben sie veranlasst, am Stuttgarter Kammertheater seine Shakespeare-Adaption „Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley“ aufzuführen. Er persifliert darin Kretschmanns Werbeformel fürs grüne Musterland: „Heimat.Hightech.Highspeed“. Das sei ein Programm, „was mich schon schwer irritiert in seiner ehrgeizigen Melange“, sagt Kamerun. „Ich verstehe nicht, warum eine grüne Regierung glaubt, dass das zusammengeht. Auf der einen Seite den eigenen Rück­zugsort bewahren und gleichzeitig umgebungsfressende Technikgläubigkeit, ein starrer Phantomschmerz, der erzählt, dass alles immer noch höher gedreht werden kann.“

Für das „SZ Magazin“ hat Kamerun 2016 ein Streitgespräch mit Kretschmann geführt, er hat ihn dabei als „authentischen, aber auch als Ex-Alternativen“ wahrgenommen. „Er sagt: Wir machen die besseren Autos. Ich meine: Wir sollten dafür sorgen, dass es weniger Autos gibt. Das ist der Unterschied. Und dann sind die als Partner auserkorenen Motorenentwickler auch Kriegsmaschinenbauer. Mich macht das zornig.“ Mit seinen Idealen könnte er nicht Ministerpräsident werden, sagt Kamerun. „Da bin ich mir zu treu geblieben seit meinen Jugendtagen. Bei Grünen wie Winfried Kretschmann sehe ich dagegen eine deutliche Anpassung. Aber er will auch ein größeres Spektrum bedienen.“ Dessen Popularität erklärt er so: „Er strahlt Landesväterliches aus, etwas Wohliges. Und er vermittelt den Leuten: Ihr kriegt mit mir das insgesamt Verträglichste, was möglich ist, ohne dass ihr euren Fuß vom Gaspedal nehmen müsst.“

Ein Leben für die Politik

Er ist Gründungsmitglied der Grünen und gehörte 1980 zu ihren ersten Abgeordneten im Landtag: Winfried Kretschmann (69) kam in Spaichingen zur Welt, als Kind von Vertriebenen aus Ostpreußen. Er studierte Biologie, Chemie und Ethik für das Lehramt am Gymnasium und unterrichtete die Fächer lange. Während des Studiums engagierte er sich in der Hochschulgruppe des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW), was er heute als „fundamentalen politischen Irrtum“ bezeichnet. Ab 2002 führte er die grüne Landtagsfraktion, seit 2011 ist er Ministerpräsident und gilt als ausgeprägter Realpolitiker. Zunächst regierte er fünf Jahre mit der SPD, seit 2016 mit der CDU. Ob er 2021 für eine dritte Amtszeit kandidiert, ist offen. Kretschmann hat mit seiner Frau Gerlinde drei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. Am Donnerstag wird er 70.

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