Stuttgart / ANDREAS BÖHME  Uhr
Südbadische Gemeinden klagen über den "Windatlas" des Landes. Messungen ergaben, dass oft viel weniger Wind weht als gedacht. Eine Ursache: Für präzisere Daten gibt es schlicht zu wenige Windräder.

Vor drei Jahren, im Dezember 2010, präsentierte der damalige Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) den ersten baden-württembergischen Windatlas. Er sollte eine wichtige Planungs- und Entscheidungsgrundlage für Betreiber bieten, an welchen Stellen sich Windräder besonders gut rechnen.

Für manche allerdings bietet er eine Enttäuschung. In Südbaden rund um Belchen und Blauen wollten Gemeinden angeblich lukrative Flächen an Betreiber verpachten. Monatelang maßen sie nach - und stellten enttäuscht fest, dass der Wind weit weniger stark bläst als im Atlas verzeichnet. Manchem Standort droht nun das Aus wegen Unwirtschaftlichkeit. Der Freiburger Energieunternehmer Josef Pesch urteilte daraufhin in der "Badischen Zeitung": "Die Messergebnisse deuten darauf hin, dass die im Windatlas für Südbaden angegebenen Werte schlicht falsch sind."

Das Umweltministerium, das den Atlas heute verantwortet, kontert. Der Atlas war Ergebnis monatelanger Rechenarbeit an Höchstleistungscomputern. Physiker, Meteorologen, Ingenieure und Geografen werteten 400 Millionen Messpunkte aus, um eine bis dato bundesweit einmalige, höchst detailscharfe Datensammlung zu produzieren. Gleichwohl warnten die Autoren bereits in der ausführlichen Darstellung ihrer Methoden, dass der Atlas lediglich eine Erstinformation biete. Frank Lorho vom Umweltministerium: "Es muss immer gemessen werden". Der Atlas biete zwar eine Groborientierung, basiere aber eben auf Rechenmodellen.

Kritiker verweisen auf Rheinland-Pfalz, dort seien die Standortdaten genauer. Das ist nachvollziehbar: Im Nachbarland stehen bereits 1200 Windkraftanlagen, etwa dreimal mehr als im Südwesten. Diese Masten liefern exakte Daten, die in die Kartierung einfließen und die errechneten Werte somit schärfen.

Der Tüv, der die Studie erstellte, hielt damals eine Windgeschwindigkeit von mindestens 5,3 Metern pro Sekunde für notwendig, um eine Anlage wirtschaftlich betreiben zu können - dieser Referenzwert beschreibt ohnehin nur 60 Prozent jener Kraft, mit der der Wind in Norddeutschland weht. Je höher die Windräder, umso leichter wird diese Mindestgeschwindigkeit erreicht. Im Odenwald und im Hohenlohe sieht die Studie besonders hohes Potential für neue Anlagen, im Schwarzwald ist die Standortwahl schon schwieriger: Da reichen 100 Meter Höhendifferenz, um aus einem noch wirtschaftlichen Standort in einen windschwachen zu geraten. Auf der schwäbischen Alb wiederum galt der Norden als geeigneter als die eher windstille Region um Ulm, auch die Rheinebene wurde als eher ungeeignet genannt.

Die Ausweisung neuer Standorte scheitert bisweilen auch an der existierenden Rechtsprechung: Naturschützer und Ornithologen müssen detailliert und über wenigstens ein Jahr die Gefährdung einzelner Tierarten dokumentieren und ausschließen. Wer sich darüber hinwegsetzt, riskiert eine rechtliche Achillesferse bei seinem Millionenprojekt, die im Falle von Klagen teure Konsequenzen haben kann.