Es weht ein eisiger Wind an diesem Morgen. Um 8.45 Uhr wirkt Buckenweiler menschenleer, doch der Eindruck täuscht. Der kleine Ort mit seinen neuerdings 123 Einwohnern hat es weit über die Gemeinde Fichtenau hinaus in die Schlagzeilen geschafft und das liegt an seinen Flüchtlingen. 57 sind seit Oktober in einem ehemaligen Gasthaus untergekommen. Dort hat der Kreis Schwäbisch Hall sieben Wohnungen angemietet. Das Haus liegt am Ortsrand, obwohl das Wort gar nicht so richtig passt. Wer einmal durch Buckenweiler gefahren ist, merkt schnell: Irgendwie liegt alles am Ortsrand.

Der Einzige, der sich bei diesem Wetter auf die Straße traut, ist Heinz Haßel. Er hat seine Enkelin auf dem Arm und findet, dass die Flüchtlinge für den Ort eine Belebung sind. "Man trifft sich immer mal wieder", sagt er. Nur die Unterhaltung sei eben ein bisschen schwierig, "aber ein Hallo ist immer drin." Er könne "nichts Negatives" sagen, sagt Haßel noch. Bei Bürgermeister Martin Piott klingt das so: "Es gibt weit mehr Leute, die helfen wollen, als welche, die . . . " Den Satz lässt er unvollendet, denn Piott ist nicht entgangen, dass es in seiner Gemeinde Menschen gibt, die dem Ganzen nicht nur positiv gegenüberstehen. Es kursiert sogar das Gerücht, dass sich der Vermieter der Flüchtlingsunterkunft Anfeindungen ausgesetzt sieht. Genauer gesagt sind es zwei Vermieter, allerdings möchten die ihren Namen nicht so gerne in der Zeitung lesen. Beide wohnen außerhalb von Fichtenau, aber einer ist dort aufgewachsen. Von Anfeindungen keine Spur. "Es wird einfach viel zu viel geredet", sagt der eine, und dann: "Dabei sollten die Flüchtlinge so schnell wie möglich integriert werden."

57 Flüchtlinge sind es insgesamt, 25 davon Kinder und Jugendliche. Die meisten kommen aus Syrien, die anderen aus Mazedonien, Serbien, Bosnien, Nigeria und Togo. Die Flüchtlinge bilden 14 "Bedarfsgemeinschaften", der Begriff erinnert an Hartz IV.

Eine Familie aus Syrien öffnet gerne die Tür ihrer Wohnung. Bürgermeister Martin Piott ("Welcome to Fichtenau") und Corinna Zahlmann vom Amt für Migration des Landkreises sind auch gekommen. Von außen macht das Flüchtlingshaus nicht so viel her, es fehlen Putz, Farbe und Rollläden, dafür ist innen alles in einem einwandfreien Zustand. Viereinhalb Quadratmeter stehen jedem Flüchtling laut Gesetz zum Wohnen und Schlafen zur Verfügung. Daran, dass die Einrichtung überwiegend aus Metall statt aus Holz ist, muss man sich erst noch gewöhnen. Aber das muss so sein, wegen des Brandschutzes.

"Ich fühle mich hier sicher", sagt Nourkhan Arslan. Sie ist mit ihrer Tochter Mai Abaza und ihrem Sohn Elbrouz Abaza in Buckenweiler gelandet. "Die Leute sind sehr freundlich und behandeln mich sehr gut. Dafür bin ich dankbar." Jemand hat Gummibärchen vorbeigebracht, sie liegen auf dem Tisch. Blumen gibt es auch, sie stehen in einem Joghurtbecher. Auf der Fensterbank liegt eine Rolle Klopapier.

Arslan ist 64 Jahre alt und kommt aus einem Vorort von Damaskus. Früher war sie Modedesignerin, aber das war einmal. Die Gegenwart bereitet ihr Sorgen. "Wir haben Angst vor dem, was mit unserem Heimatland passiert", sagt sie. Der Alltag in Syrien sehe so aus: "Jemand verlässt sein Haus und kommt nie wieder." Was mit ihrem Haus ist, weiß sie nicht. Sie hatte ja keine Zeit zurückzukehren, um noch Sachen zu holen. Die Nachbarhäuser seien alle zerbombt.

Solche Bilder hat auch Mai Abaza im Kopf und die von einem Fahrzeug, das bombardiert wurde, obwohl Rotes Kreuz draufstand. Als ihre Welt noch in Ordnung war, arbeitete die 41-Jährige als Englischlehrerin. In der Unterkunft macht sie sich als Dolmetscherin vom Arabischen ins Englische unentbehrlich. Ihr Bruder Elbrouz, 46, machte früher mal was mit Computern. Er redet nicht viel. "Er hat viele schlimme Sachen gesehen", sagt seine Schwester.

Nächste Tür, ähnliche Schicksale. Noch eine Familie aus Damaskus. Die Straßenschuhe bleiben an der Tür, zur Begrüßung gibt es schwarzen Tee. "Danke an alle, die uns helfen", sagt Imad Alhoane und lacht. Er ist einfach nur glücklich, es mit seiner Frau Mona und den vier Kindern nach Deutschland geschafft zu haben. Wenn sich das Glück bei ihm mit Lachen Ausdruck verleiht, dann kann man es förmlich sehen. Die Kälte hier sei ihm lieber als die Bomben, sagt der 47-Jährige.

Welche Tortur die Familie hinter sich hat, wird erst später klar. Sie kam übers Wasser, so war jedenfalls der Plan. Aber das Boot, das sie von Ägypten übers Mittelmeer nach Europa bringen sollte, sank vor Malta. Der Küstenwache haben sie es zu verdanken, dass sie noch leben. 2000 US-Dollar verlangten die Schleuser eigentlich pro Person, für die Familie gab es einen Sonderpreis: 6000 US-Dollar. Viel Geld, verbunden mit noch mehr Ungewissheit. 17 Tage hätten sie auf dem Meer verbracht, sagt Imad Alhoane, es gab nur Wasser und Datteln.

Auch Hala Hasan wacht nachts immer wieder auf und denkt an ihren Mann. Die 51-Jährige aus der Nähe von Homs ist auf einen Tee vorbeigekommen. Sie ist allein in Deutschland, ihr Mann sitzt in Syrien im Gefängnis. Eines Tages sei die Armee gekommenund habe ihn einfach abgeholt. "Wir haben keinen Kontakt", sagt sie. "Das ist mein Leben. Ich weiß nicht, ob er lebt."

Wer durch die Gemeinde fährt, merkt schnell, dass es überall Menschen gibt, die den Flüchtlingen helfen wollen. Marga Schachner wohnt gleich nebenan, und was besonders die Kinder anzieht: Sie hat eine alte Rutsche und eine Schaukel im Garten. "Marga ist wie eine Schwester für mich", sagt Nourkhan Arslan und hält dabei ihre Hände aufs Herz. "Herzlich", "freudvoll", "dankbar" - so klingt das, wenn Marga Schachner über die Flüchtlinge redet. Wenn es ihre Zeit zulässt, bringt sie einigen ein bisschen Deutsch bei. Den kleinen Zeed, 5, hat die Nachbarin in ihr Herz geschlossen. Die Familie sei hart bestraft worden, sagt Schachner noch. Ein Kind sei behindert und der Ehemann erschossen worden. "Papa, peng, peng", hat man ihr gesagt.

Es sind Sätze wie diese, die einem vor Augen führen, dass die Welt in Syrien eine andere ist. Nun kehrt zumindest etwas Normalität in das Leben der Flüchtlinge zurück. "Buckenweiler ist ein schöner Ort", sagen eigentlich alle. Nur das mit dem Warten, das sei so eine Sache. Auf Bildung für die Kinder, auf Deutschkurse - und auf den Bus, denn der würde nur selten fahren und sei sehr teuer

Kurioses Grenz-Problem

Residenzpflicht In Fichtenau-Buckenweiler gibt es rund um die Flüchtlingsunterkunft auch ein kurioses Problem. Flüchtlinge dürfen nicht ohne vorherige Genehmigung das Bundesland verlassen - aber das ist in Buckenweiler schnell der Fall, da reicht schon ein kleiner Spaziergang. 360 Meter sind es von der Haustür der Flüchtlingsunterkunft bis zur Landesgrenze nach Bayern. "Grundsätzlich dürfen die Flüchtlinge nicht nach Bayern", sagt Martina Steinecke vom Amt für Migration des Landkreises. "Wenn jemand die Grenze überschreitet, begeht er einen Verstoß", betont Günter Loos vom Innenministerium, das für Residenzpflicht zuständig ist. Und das werde auch so bleiben. So kurios es ist. js

SWP