Das mit dem Bruchrechnen haut noch nicht so ganz hin bei Pascal und Niklas. Drei Fünftel mal fünf Siebtel, vier Drittel durch vier: Die Jungs kommen da jetzt nicht weiter. Während die anderen Kinder über Heften brüten, nimmt Lehrerin Martina Vogel die beiden an einem Tisch beiseite. „Wisst ihr noch, was man mit den Brüchen machen kann, damit es einfacher geht?“ Über Kreuz kürzen, den Kehrbruch bilden – als sie anfängt zu erklären, fällt es Pascal plötzlich wieder ein: „Ja, das hatten wir schon letztes Jahr!“, flüstert er aufgeregt – die anderen sollen nicht gestört werden. Die Kurz-Nachhilfe wirkt: Mit wachsender Zuversicht arbeiten sich Pascal und Niklas durch ihre Aufgaben.

Pascal ist eines von 18 Kindern in der Klasse 7a der Gemeinschaftsschule in Bergatreute (Kreis Ravensburg). Der Zwölfjährige gehört zu den schwächeren Schülern, er lernt „einspurig“, also auf Werkrealschulniveau. Man könnte auch sagen: Er ist Hauptschüler. In seiner Klasse sitzen auch Kinder, die auf Realschul- oder Gymnasialniveau lernen; manche sind je nach Fach unterschiedlich eingestuft. Doch sie alle sind Gemeinschaftsschüler.

Wer verstehen will, wie Unterricht in einer solchen Klasse funktioniert, der kann Lehrpläne und Konzepte studieren, sich in „Kompetenzraster“ und „Wochenplanarbeit“ einlesen. Oder er kann Schülern wie Julian über die Schulter schauen.

Julian lernt „dreispurig“, man könnte also sagen: Er ist Gymnasiast. Während Pascal Brüche kürzt und andere Kinder im Raum Englisch-Vokabeln büffeln, geht Julian konzentriert seine Aufgaben durch, berechnet Winkelsummen von Vielecken. „Ich hab schon alles fertig“, flüstert Julian, auf seinem Blatt mit „Lernjobs“ der letzten vier Wochen ist alles abgehakt. Normalerweise würde er nun zum nächsten Thema im Lehrplan weitereilen. Aber am Montag steht ein Test an. „Deswegen gehe ich alles nochmal durch und kontrolliere, ob ich es wirklich kapiert hab.“

Julian hat einen klaren Plan, was zu tun ist, seine Fortschritte werden regelmäßig von Martina Vogel kontrolliert. In sein „Lerntagebuch“ hat er geschrieben, was er sich generell für das Halbjahr vorgenommen hat: „Viel arbeiten“ steht da, und „so weiter machen wie letztes Halbjahr, nur konzentrierter arbeiten.“

Kein Zweifel: Julian weiß, dass er quasi ein Gymnasiast ist. Freunde von ihm gehen ans G8, er hat gehört, dass alles dort schneller durchgepeitscht wird. „Wir können nicht trödeln, müssen schauen, dass wir vorankommen“, erklärt er flüsternd. Für ihn ist Schule nichts, was man absitzt, sondern eine Sache, die er selbst vorantreibt – zusammen mit Jan, ebenfalls ein „Dreispuriger“ in der Klasse. „Jan kann Rechenaufgaben schneller lösen, ich kapier’ Geometrie besser“, analysiert Julian. „Wir kontrollieren uns gegenseitig.“

Länger gemeinsam lernen, mehr Bildungsgerechtigkeit, gelebte Inklusion – die Gemeinschaftsschule ist mit vielen hehren Zielen beladen. Doch sie alle sind nicht viel wert, wenn der Kern nicht funktioniert: der Unterricht in Klassen, in denen vom behinderten Kind bis zum Top-Gymnasiasten alles vertreten ist. Diese „Heterogenität“ hat das traditionelle Schulsystem durch Sortierung in Schularten aufzulösen versucht. „Da waren Freunde plötzlich keine Freunde mehr, nur weil sie auf eine andere Schule gehen“, sagt Martina Vogel. Die Gemeinschaftsschule versucht das Gegenteil: individualisiertes Lernen im Klassenverbund.

Für die Lehrer ist es eine große Umstellung. In Bergatreute arbeitet das Kollegium schon seit vielen Jahren mit dem Konzept. „Die Vorbereitung des Unterrichts ist viel aufwendiger“, sagt Vogel. Ihr Organisationstalent ist gefragt – und eine Prise „Chaos-Kompetenz“: Sie braucht alles in dreifacher Ausfertigung, jongliert mit Schulbüchern aller Schularten, muss viel korrigieren – und sich im Kollegen-Team abstimmen. Denn manchmal, wenn etwa neue Themen drankommen, werden Klassen nach Niveaus getrennt.

Vor allem aber muss sie bei jedem Schüler den Überblick behalten, wie weit er ist, darauf achten, dass keiner zu kurz kommt. „Manchmal kommt man da auch an Grenzen“, gesteht Martina Vogel. Dafür berichten viele Lehrer, dass der Unterricht selbst entspannter abläuft – schließlich ist man nicht mehr Alleinunterhalter; im Idealfall arbeiten die Kinder viel selbstständig.

Diese Selbstständigkeit ist Grundvoraussetzung, wenn das alles funktionieren soll – auch daran scheiden sich die Geister. So ist der Disput um die Gemeinschaftsschule auch eine Frage des Menschenbilds. Kritiker glauben, dass Schüler bei „selbstgesteuertem“ Lernen nur noch das machen, worauf sie Lust haben – oder faulenzen. „Die eigentliche Denkleistung entsteht beim Selbermachen“, sagt hingegen Roland Dorner, Schulleiter in Bergatreute. Seit Jahrzehnten kämpft er für seine Vision von Schule – und gegen das alte Konzept, dass Kinder bei „permanentem Druck“ nur Vorgekautes wiedergeben sollen.

Was Dorner den Kindern vermitteln will ist die Fähigkeit, „Widerstände zu überwinden“, Vertrauen in eigene Fähigkeiten zu entwickeln. Das könne einem keiner abnehmen. „Man muss es selber schaffen.“ Auf den Lerntagebüchern der 7a ist ein Cartoon abgebildet, der demonstriert, wie das gemeint ist: Das Lernen beginne dann, wenn der Lehrer aufhört zu reden. Die Rolle des Lehrers sei dennoch enorm wichtig. „Er muss zu den Kindern eine Beziehung aufbauen, die Motivation wecken – und Leistung einfordern“, sagt Dorner.

Was ist Leistung? Sind Selbstständigkeit und Motivation Werte für sich – oder zählt nur der bewältigte Stoff? Auch um solche Fragen geht es in der Debatte um die Gemeinschaftsschule. In der 7a ist die Doppelstunde vorbei, Julian packt zufrieden seine Sachen zusammen – der Test kann kommen. Auch Pascal und Niklas haben sich beraten, wie es bei ihnen weitergehen soll. „Dürfen wir in der Lernzeit heute Mittag zu Frau Faller gehen?“, fragt Pascal. Sie wollen die Zeit nutzen, um ihre fällige Präsentation zum Thema Wüste vorzubereiten. Ja, sie dürfen. Niklas ruft: „Yeah, cool.“

Die Reform und die Folgen

Zum Schuljahr 2012/13 hat die grün-rote Landesregierung die Gemeinschaftsschule eingeführt. Den Anfang machten 42 „Starterschulen“, im Herbst 2015 steigt die Zahl auf 271 Schulen an. Gemeinschaftsschulen sind inklusive Ganztagsschulen, in denen Schüler aller Niveaustufen gemeinsam unterrichtet werden. Erklärte Ziele sind mehr Chancengleichheit – also die stärkere Entkopplung des Schulerfolgs von der Herkunft – und ein Schwerpunkt auf individuelle Förderung. Zudem sollen durch die Schulart wohnortnahe Angebote im ländlichen Raum erhalten werden. Allerdings wird die Gemeinschaftsschule bisher von Kindern mit Realschul- und Gymnasialempfehlung nur zögerlich angenommen.

Das sagen die Gegner

Die Kritik an der Schulart ist vielfältig. So sei das Konzept „Gleichmacherei“ und eine Abkehr vom Leistungsprinzip. Wissenschaftler monieren, gerade schwächere Schüler kämen mit selbstständigem Lernen nicht so gut zurecht. Von der Opposition wird kritisiert, dass die Gemeinschaftsschule unfair bevorzugt werde und Realschule und Gymnasium „ausbluten“. Wie die CDU nach einem möglichen Wahlsieg mit den Gemeinschaftsschulen verfahren will, ist unklar.