Es ist der 22. August 2015, ein Samstag, als das Unglück über die Kochendörfers hereinbricht. Seit sieben Generationen ist die Mühle in Lobenhausen an der Jagst im Familienbesitz. Gemahlen wird dort schon lange nicht mehr, aber dafür gibt es jetzt einen Landhandel. Gegen 21.30 Uhr geht ein Notruf bei der Feuerwehr ein:   Die Mühle brennt.   Unter Lebensgefahr gelingt es den Feuerwehren schließlich, das alte Gebäude zu retten. 155 Einsatzkräfte mit 35 Fahrzeugen sind vor Ort, inklusive DRK und Polizei. Für viele ist es ein noch nie dagewesener Einsatz, heißt es später. Verletzt wurde glücklicherweise niemand. Die Kosten des Einsatzes und die Schäden gehen in die Millionen.

Wie man heute weiß, ermittelt die Staatsanwaltschaft Ellwangen gegen einen 21-Jährigen wegen des Verdachts der fahrlässigen Brandstiftung. Er soll in der Nähe Abfall verbrannt haben. Und durch Funkenflug soll die Mühle dann Feuer gefangen haben. Die Ermittlungen dauern noch an, so die Staatsanwaltschaft. Von wegen Komplexität. Ein Abschlussbericht zu den ökologischen Auswirkungen des Großbrandes soll Ende des Jahres vorliegen.

Denn: In der Brandnacht gelangt mit Kunstdünger kontaminiertes Löschwasser in die Jagst. Infolge dessen sterben mehr als 20 Tonnen Fische, darunter viele seltene Arten. Die Befürchtung, dass die Giftfahne jedoch den Neckar erreicht, wie einige Medien berichten, bestätigt sich zum Glück nicht.

Wer ein Jahr nach dem Mühlenbrand nach Lobenhausen kommt, merkt schnell, dass die Normalität wieder eingekehrt ist. All denjenigen, die schon Schlimmeres befürchteten, sei gesagt: Den Landhandel der Kochendörfers gibt es noch. Und es scheint ihn auch in Zukunft zu geben, danach sieht es jedenfalls aus. Wären sonst die verbrannten Silos durch neue aus Metall ersetzt worden? Dass eine Lagerhalle auf dem Gelände fehlt, merken nur die, die wissen, dass dort mal eine stand.

Und das ist vielleicht auch das Trügerische: Dass man nichts merkt, wenn man nichts weiß, weil die Giftfahne sich längst verflüchtigt hat. Fakt ist: In bestimmten Bereichen des Flusses gibt es nur wenige bis keine Fische. Und das wird wohl noch eine ganze Weile so bleiben. Da helfen auch die aufwendigen Fisch-Umsetzaktionen, der befristete Abschuss des Kormorans, die Sichtung des Eisvogels, die gründliche Überprüfung von Düngemittellagern, der gut gemeinte runde Tisch des Landratsamtes Schwäbisch Hall und das vom Regierungspräsidium Stuttgart erarbeitete „Aktionsprogramm Jagst“ nur bedingt.

Ein weiteres Zeichen, dass das Leben an der Jagst wieder in gewohnten Bahnen verläuft: Der Bezirk Marbach des evangelischen Jugendwerks hat seine Zelte in Lobenhausen auf dem Gelände der Kochendörfers aufgeschlagen. 53 Jungen im Alter zwischen neun  und 13 Jahren sind diesmal dabei, viele nicht zum ersten Mal, hinzu kommen 22 Betreuer. Das Jagst-Unglück wird nicht groß thematisiert, das Bewusstsein sei nicht so da. Sagt ein Betreuer, der schon 1998 als Teilnehmer dabei war, am Mittwoch zwischen Bibelstunde und Stationenlauf.

Im vergangenen Jahr reisten die Betreuer an dem Tag ab, an dem abends die Mühle brannte. Übers Radio hätten sie dann zuerst von dem Unglück erfahren, erzählt der Betreuer. Die anschließende Recherche im Internet brachte dann schließlich die Gewissheit. „So viele Mühlen bei Kirchberg gibt es ja nicht“, sagt er. Dann war natürlich gleich die Frage, ob das Zeltlager in diesem Jahr überhaupt stattfinden könne. Aber sie seien schnell „recht zuversichtlich“ gewesen, „dass es weitergehen kann“, heißt es. Die Genehmigung des Landratsamtes ließ nicht lange auf sich warten. Schnell zurück zur Normalität.

Auf dem Weg dahin hilft „Hollywood“ – so lautet das Motto des Zeltlagers 2016. Dies hat nichts mit dem Katastrophentourismus zu tun, dem sich die Kochendörfers kurz nach dem Mühlenbrand ausgesetzt sahen, sondern ist einfach der Kreativität der Kirchenleute geschuldet. Das, was in den zwölf Tagen des Zeltlagers hollywoodmäßig daherkommt, sind zum Beispiel eine (Hollywood-Schaukel und ein Hollywood Sign – das ist der bekannte Schriftzug in den Hollywood Hills über dem heutigen Hollywood, dem Stadtteil von Los Angeles. In Lobenhausen heißt es allerdings: Holy God („Heiliger Gott“) statt Hollywood. Etwas Beistand von oben kann auch ein Jahr nach dem verheerenden Brand nicht schaden.