Umwelt Wie Kretschmanns Bündnis für Klimaschutz die Welt erobert

Guadalajara/Stuttgart / Roland Muschel 28.02.2017
Eine von Baden-Württemberg mitinitiierte Umweltallianz hat mit dem mexikanischen Querétaro bald das 168. Mitglied – und noch viel vor.

Die Aussicht, US-Schauspieler Leonardo DiCaprio treffen zu können, euphorisiert die Umweltministerin des mexikanischen Bundestaats Jalisco, Magdalena Ruiz, nicht unmittelbar. Wenn man ihre Aussagen richtig deutet, entspricht der Filmstar so gar nicht ihrem Schönheitsideal. Aber beruflich zeigt Ruiz großes Interesse an DiCaprio. Denn dessen Umweltstiftung propagiert die CO2-freie Gesellschaft – und sucht Pilotregionen. Dazu sind aber einige Hürden zu überwinden – und da kommt Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) ins Spiel.

Der Politiker ist mit einer Delegation in Mexiko, um Jalisco im Besonderen und den Klimaschutz im Allgemeinen voranzubringen. Im Mai 2015 haben Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown das Klimaschutzbündnis „Under2MOU“ ins Leben gerufen, zu den elf Erstunterzeichnern des „Memorandum of Understanding“ (MOU) gehörte Jalisco. Inzwischen haben sich dem Bündnis 167 Regionen und Städte auf allen Kontinenten angeschlossen. Bald folgt Nummer 168: Der Gouverneur der mexikanischen Region Querétaro, Francisco Dominguez Servien, sagte Untersteller die Teilnahme zu.

 „Under2MOU“ repräsentiert damit rund 1,1 Milliarden Menschen. 2015 mit dem Ziel gegründet, regionalen Druck auf die Weltklimakonferenz in Paris auszuüben, ist das Bündnis nun selbst ein wichtiger Akteur. Die Mitglieder verpflichten sich, den CO2-Ausstoß bis 2050 pro Kopf ihrer Bevölkerung auf unter zwei Tonnen („Under2“) CO2 pro Einwohner zu begrenzen. In einem Anhang beschreiben sie ihre konkreten Aktivitäten. Die fallen unterschiedlich aus, abhängig von Kompetenzen, Ressourcen und der Lage vor Ort. „Mexiko ist viel größer als Deutschland, sein Stromverbrauch aber nur halb so groß“, verweist Untersteller auf die unterschiedliche Ausgangslage. Dagegen trägt Mexikos Verkehrssektor mit 40 Prozent den größten Anteil am Endenergieverbrauch, in Baden-Württemberg liegt der Wert bei 32 Prozent.

Jalisco, als Heimat des Tequila bekannt, strebt das Image des Silicon Valley von Mexiko an. Gouverneur Aristoteles Sandoval setzt stark auf den Einsatz moderner Technologien – auch zur Steigerung der Energieeffizienz. Seine Ende 2016 gegründete Energieagentur hat 30 Projekte in den
Bereichen Geothermie, Biomasse, Wind und Photovoltaik im Visier, um den niedrigen Anteil an erneuerbaren Energien zu steigern. Pilotregion zur Reduzierung von Treibhausgasen – das würde gut ins Portfolio passen.

Sandoval spielt aber auch eine zentrale Rolle in den Zukunftsplänen des Klimabündnisses „Under2MOU“, das noch in diesem Jahr mit der kleineren, 38 Länder und Regionen umfassenden „States and Regions Alliance“  fusionieren will. Beide Gruppierungen verfolgen ähnliche Ziele, in beiden spielt Jalisco eine wichtige Rolle. Sandoval, so das um die Fördermillionen der DiCaprio-Stiftung erweiterte baden-württembergisch-kalifornische Angebot, könnte im vierköpfigen Vorstand Mittel- und Südamerika repräsentieren. Als Kopf des neuen Gebildes ist Christiana Figueres im Gespräch, eine weltweit anerkannte Klimaschutzexpertin, die auch Kandidatin für den Posten des UN-Generalsekretärs war. Die gemeinsame Plattform soll schon bei der Weltklimakonferenz im November in Bonn auftreten.

Zugleich werde „Under2MOU“ in die „nächste Phase“ gehen, kündigt Untersteller gegenüber Ruiz an. So soll die Umsetzung der Klimaschutzverpflichtungen der Mitglieder künftig besser überwacht und protokolliert werden. Das könnten Baden-Württemberg und Kalifornien finanziell und personell stemmen, aber nicht alle Mitglieder. Für Schwellenland-Regionen habe das Bündnis daher Fördergelder beantragt, auch hier könnte Jalisco Pilotregion werden, lockt Untersteller.

Mitte März will Sandoval nach Baden-Württemberg kommen. Seine Umweltministerin sagt, dass Kontrollinstrumente wichtig seien und sie eine Fusion der beiden regionalen Klimabündnisse begrüßen würde. Gegen Ende des Gesprächs mit Untersteller kann sie sogar DiCaprio etwas abgewinnen: „Wir wollen natürlich zur CO2-freien Gesellschaft werden – abgesehen davon, dass wir so vielleicht Leonardo DiCaprio kennenlernen.“