Ein Supermarkt schließt, die Nahversorgung eines Stadtteils oder Dorfes bricht zusammen - dieses Szenario trifft ganz unterschiedliche Orte im Südwesten. Auch Tübingen: Da der Lebensmitteldiscounter mitten in der Altstadt Ende 2014 schloss, sorgten sich viele Bürger. Sie sorgten aber auch für eine Alternative: Grünen-Stadtrat Bruno Gebhart machte den Vorschlag, einen Genossenschaftsladen zu gründen - die Idee kam an.

Im Februar startete die Genossenschaft mit 151 Gründungsmitgliedern und 320 Anteilen zu je 100 Euro. 300 Mitglieder sind dazu gekommen, die Zahl der Anteile auf 949 gestiegen. Täglich kommen neue hinzu.

Im renovierten Erdgeschoss des ehemaligen Kino Löwen, gegenüber dem Stadtmuseum in der Kornhausstraße, haben Ehrenamtliche diese Woche die Regale aufgebaut. Ab Donnerstag kommender Woche kann man im "Löwen-Laden" vom Joghurt bis zur Zahnpasta alles Nötige für den Tagesbedarf kaufen.

Zwar gibt es noch einen weiteren Supermarkt mit Vollsortiment in der Altstadt, doch ihm wollte Gebhart nicht allein das Feld überlassen: "Wäre ein privater Einzelhändler gekommen, hätte ich mich nicht weiter engagiert, sondern mich lediglich dafür eingesetzt, dass der die Ladenfläche im Löwen mieten kann." Dem Stadtrat und Kaufmann Gebhart geht es zwar vor allem um eine gute Nahversorgung in der Altstadt. Doch ist es ihm ebenfalls wichtig, dass die Menschen dort gerne einkaufen, der Laden auch zum Treffpunkt wird.

Die Genossenschaft hat die 150 Quadratmeter große Ladenfläche für fünf Jahre von der städtischen Baugesellschaft gemietet. Bis dahin soll sich zeigen, ob der Laden tatsächlich brummt. Denn einen kritischen Punkt sieht Gebhart: "Die Leute, die das Projekt toll finden, müssen auch tatsächlich einkaufen kommen." Die Voraussetzungen dafür sind gut: Der Laden liegt zentral und gut frequentiert in der Fußgängerzone, er soll von 8 bis 21 Uhr geöffnet haben. Mit 7000 Anwohnern in einem Umkreis von 500 Metern hat er ein starkes Käuferpotenzial. Eine vorläufige Analyse der Unternehmensberatung Handel GmbH hat dem Genossenschaftsladen deshalb "durchaus gute Marktchancen" attestiert. "Wir rechnen vorsichtig mit 600.000 Euro Jahres-Umsatz", sagt Gebhart.

Allein 100.000 Euro musste die Genossenschaft zunächst in Sanierung, Geräte und Warenbeschaffung investieren. Hauptamtliche - zwei volle Stellen auf mehrere Personen verteilt - sollen den Geschäftsbetrieb hauptsächlich übernehmen. 60 Ehrenamtliche haben sich zudem bereit erklärt, im Lager, beim Auffüllen der Regale und an der Kasse mitzuhelfen. Susi Diez-Eichert, die von Anfang mit dabei ist, sagt: "Ohne Ehrenamtliche geht es nicht." Auch aus Kostengründen.

Hauptinitiator Gebhart wie auch viele andere Mitglieder bringen reichlich Erfahrung mit. Im Tübinger Ortsteil Pfrondorf hat Gebhart 2003 bereits einen Genossenschaftsladen mit aufgebaut - es war damals der dritte im Land. Heute gibt es über 100 Genossenschaftsläden in Baden-Württemberg.

Auch in Sindelfingen wollen Bürger im Stadtteil Eichholz einen Genossenschaftsladen aufbauen, weil der einzige Lebensmittelladen 2013 schließen musste. Sie haben Bruno Gebhart eingeladen, um von den Erfahrungen mit den Tübinger Läden zu berichten.

Die Wiederbelebung des Genossenschaftsgedanken spiegelt auch das Gebäude in der Tübinger Kornhausstraße wider: 1907 gründete sich dort eine Genossenschaft, sie wollte günstige Einkaufsmöglichkeiten. Nach 25 Jahren waren es 14 Läden. In den späteren 1960er Jahren ließ die Genossenschaft gar den ersten Supermarkt der Region bauen.

Land der Genossenschaften

Mitsprache-Modell Seit 160 Jahren gibt es Genossenschaften, in Baden-Württemberg ist statistisch jeder dritte Einwohner ein Genosse: Es gibt 850 eingetragene Genossenschaften (eG) mit 3,8 Millionen Einzelmitgliedern. Mitsprachemöglichkeiten, große Transparenz und eine enge Verbindung zwischen Mitgliedern, Kunden, Mitarbeitern und Verantwortlichen gelten als Vorteile des Genossenschaftsprinzips.