Urlaub Wie geht es den Jugendherbergen im Südwesten?

Heilbronn / Hans Georg Frank 06.10.2018
Eine neue Jugendherberge in Heilbronn taugt als Vorbild. Ein Bürgermeister kritisiert jedoch den Rückzug aus ländlichen Gebieten.

Karl Rosner ist sich einig mit dem Mainzer Fami­lienvater Andreas Hörig, dem ersten Gast: „Die Lage ist ganz fantastisch.“ Beide meinen den Standort der neuen Jugendherberge in Heilbronn – mitten auf dem Gelände der Bundesgartenschau. Hauptbahnhof und Wissenscenter Experimenta liegen in der Nähe. Rosner, Geschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) im Südwesten, spricht von einem „Glücksgriff“.

Der 10,5 Millionen Euro teure Quader aus roten Backsteinen ersetzt einen unattraktiven, abgelegenen Altbau am Stadtrand. Statt 80 Betten können nun 180 belegt werden. Für die Bundesgartenschau 2019 haben sich bereits 5282 Gäste eingebucht. Andreas Hörig wird mit Frau und zwei Kindern wohl auch wieder anreisen. „Ja, ganz sicher, wir kommen wieder“, kündigt er an.

Heilbronn sei nicht nur die erste komplett neue Jugendherberge im Land, ihr Stil könnte auch Vorbild für weitere Projekte sein, deutet Karl Rosner an.

18 Häuser geschlossen

Seit der Schwabe von der Zollernalb 2003 die Geschäfte führt, hat er 18 Häuser geschlossen. Jetzt gibt es noch 48 Anlaufstellen für Urlauber, die günstig logieren möchten. Zwar soll ein „breites Netz“ im Land erhalten bleiben, aber 45 Häuser wären „die richtige Größe“, meint Rosner. Müssten also noch drei Standorte aufgegeben werden. Welche? „Nichts ist spruchreif“, wehrt der Manager weitere Fragen ab, „im Moment ist keine Schließung vorgesehen.“

„Wir sind sehr, sehr enttäuscht“, sagt Matthias Strobel, Bürgermeister in Stimpfach (Kreis Schwäbisch Hall). Weil das Jugendherbergswerk das seit 1966 genutzte Schloss im Teilort Rechenberg geschlossen hat, erhebt Strobel schwere Vorwürfe an die Geschäftsleitung: „Die macht Tabula rasa auf dem flachen Land.“ Jugendherbergen gebe es nur noch in Großstädten, Premiumlagen und touristischen Zentren, meint Strobel, der Mitglied im DJH-Hauptausschuss ist. Diese Politik sei ein klarer Verstoß gegen den gemeinnützigen Zweck des Verbands.

Sanierung zugesagt

Eine 2012 zugesagte Sanierung sei an zwei Bedingungen geknüpft worden. Die Gemeinde sollte 165.000 Euro zuschießen und die Zufahrt herrichten, was erledigt wurde und 250.000 Euro gekostet hat. Dennoch wurde das Tor am 30. Juni 2018 endgültig verriegelt, nachdem bereits am 1. Januar 2017 der Betrieb eingestellt worden ist.

Damit sei „die sinnvolle Nutzung eines 800 Jahre alten Bauwerks“ beendet worden, kritisiert der Bürgermeister. Das Argument mangelnder Auslastung mag er nicht gelten lassen. „Die lag schon seit Jahren unter 25 Prozent“, betont Strobel, „aber es gibt Häuser, die noch schlechter besucht sind.“ Er meint Murrhardt, Weinheim, auch Todtnau und Walldürn gehören zu den weniger attraktiven Adressen.

Die Modernisierung in Rechenberg hätte rund drei Millionen Euro gekostet. Zu teuer für den Verband. Nun sucht Karl Rosner einen neuen Nutzer für die verlassene Burg, am liebsten einen Käufer. Dass sich jemand findet, kann sich Bürgermeister Strobel nicht vorstellen: „Die Gemeinde wird es definitiv nicht sein, weil wir uns dieses Gebäude nicht leisten können, und das Land hat auch kein Interesse.“

Rechenberg hätte offenbar nur ein großzügiger Sponsor retten können, wie dies in Dilsberg bei Heidelberg gelungen ist. Die herausgeputzte Herberge, mit 70 Betten in exponierter Höhenlage über dem Neckartal ein Teil der Stadtmauer, kann im Mai 2019 wieder geöffnet werden, weil ein anonymer Gönner 1,5 Millionen Euro für die 2,4 Millionen kostende Sanierung spendiert hat. Damit endet die oft beklagte Zwangspause, die im Frühjahr 2016 wegen der schlechten Bausubstanz eingelegt werden musste.

Mehr solcher Geldgeber wären ideal, meint Rosner. 30 Herbergen müssen nach und nach modernisiert werden. In Hohenstaufen ist eine Sanierung samt dem Bau von acht Baumhäusern für 4,3 Millionen Euro möglich, weil sich die Stadt Göppingen mit 900.000 Euro beteiligt. Neubauten sind für Freudenstadt und Weinheim vorgesehen, die Kosten dürften bei knapp zehn Millionen Euro liegen. Auch in Aalen soll das alte Quartier modernisiert werden, aber Stadt und DJH sind sich nicht einig über den Standort.

Älteste „Juhe“ im Land

Die Burg Wildenstein bei Leibertingen (Kreis Sigmaringen) wurde für 5,4 Millionen Euro einer Verjüngungskur unterzogen. Hier sieht sich der Verband in einer besonderen Verpflichtung: Die Burg aus dem 11. Jahrhundert mit Wandmalereien von 1540 war 1922 die erste „Juhe“ im Land.

„Unsere Jugendherbergen sind ein Modell für die Zukunft“, ist Rosner sicher, „die Nachfrage ist groß.“ Gerne verweist er auf Anrufe von Bürgermeistern, weil mehr Städte solche Unterkünfte anbieten möchten, „Ellwangen zum Beispiel“. Dass ein Telefonat zum gewünschten Erfolg führt, zeige das Beispiel Rottweil. Dort war die Jugendherberge („ein alte Klitsche“) seit 2000 geschlossen, als die Stadt das frühere Dominikanerinnenkloster anbot. Das Projekt für 3,8 Millionen Euro hat sich gelohnt. Die Auslastung ist mit knapp 50 Prozent überdurchschnittlich gut.

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