Serie Wie es zum Silberrausch im Schwäbischen Wald kam

Spiegelberg / Hans Georg Frank 28.07.2018

Ein Denkmal besonderer Art, nicht nur eine Attraktion für Touristen, hat Bürgermeister Christoph Jäger (49) kurz nach seinem Amtsantritt eingeweiht. Der freigelegte „Silberstollen“ von Groß­erlach erinnert seit dem Frühjahr 2000 an eine Ära der Gier und Leichtgläubigkeit. 1773 hofften Grundbesitzer und Investoren auf schnellen Reichtum durch Silber, das im Bergwerk namens „Gabe Gottes“ gefördert werden sollte. Doch das Unternehmen entpuppte sich als Reinfall, möglicherweise sogar als eine frühe Form der organisierten Wirtschaftskriminalität.

Die Bürger von Großerlach, heute eine Gemeinde im Rems-Murr-Kreis mit 2624 Einwohnern, seien sehr bodenständig, erklärt Christdemokrat Jäger: „Wir haben gelernt, mit dem klar zu kommen, was wir haben.“ Sparsamkeit steht heute wie damals  ganz oben auf der Prioritätenliste. Aber vor fast 250 Jahren hätten die bettelarmen Leute gewagt, „in der Hoffnung auf bessere Verhältnisse über die eigenen Grenzen zu gehen“.

Bei diesen Eskapaden habe die Obrigkeitshörigkeit eine wichtige Rolle gespielt. Ein engagierter Fürsprecher des Silberabbaus war der Prälat Friedrich Christoph Oetinger im nahen Murrhardt. „Wer studiert hatte, dem hat man seinerzeit eben geglaubt, da gab es keine Zweifel mehr“, blickt der heutige Bürgermeister verständnisvoll zurück. Einem einflussreichen Mann Gottes mit Skepsis zu begegnen, sei damals völlig undenkbar gewesen.

Am 30. Dezember 1772 hatte der Löwensteiner Bergrat Gottlieb Riedel eine „blau glänzende Gesteinsschicht“ analysiert, auf die drei Bauern beim Ausheben eines Brunnens gestoßen waren. Der angebliche Fachmann hatte flugs errechnet, dass in Örlach, wie der Ort damals hieß, ein beträchtlicher Bodenschatz gehoben werden kann. In einem Zentner Gestein seien 373 Gramm Silber enthalten, behauptete er. Also wurden ein Stollen gegraben und ein Pochwerk zum Zermahlen der Brocken errichtet. Die Herrschaft in Löwenstein erwartete Gewinn von 39­768 Gulden – und zwar pro Jahr! Heute wären dies etwa 1,5 Millionen Euro.

Wertlose Anteilsscheine

Tatsächlich blieben nur Schulden. Die 128 Anteilsscheine für die „Gabe Gottes“ erwiesen sich als wertlos, weil kein Silber gefunden wurde, allenfalls ein bisschen Kupfer. Damit ging es in Großerlach nicht anders als zuvor in den Nachbargemeinden Wüstenrot und Spiegelberg. Auch dort hatte der dubiose Bergrat reiche Ausbeute und satte Gewinne prophezeit. Vor allem spekulierende Finanziers aus der Landeshauptstadt Stuttgart wollten ihren Einsatz kräftig vermehren. Bald wurde an fünf Stellen nach dem Edelmetall gebuddelt.

Der Schwäbische Wald war von einem Silberrausch erfasst. Doch Stollen mit den vielversprechenden Namen „Unverhofftes Glück“, „Segen Gottes aus der Höhe“ und „Soldatenglück“ erwiesen sich als Fehlschlag. Zu den Geprellten gehörte auch der Offizier Johann Kaspar Schiller, der sich kräftig verspekuliert hatte. Sein berühmter Sohn Friedrich setzte dem Fiasko ein literarisches Denkmal. Den Anführer in seinem ersten Drama „Die Räuber“ nannte er Spiegelberg.

Riedel, der dubiose Experte aus Sachsen, hat seine ruinösen Spuren auch auf der Schwäbischen Alb hinterlassen. Für die Falkensteiner Höhle bei Urach wurden dank seiner Expertise Goldgräberlizenzen verkauft. Doch Nuggets wurden nicht gefunden. Ein deprimierter Schürfer hat sich direkt in der Höhle umgebracht.

Im Schwäbischen Wald konnte Gottlieb Riedel allerdings keinen Schaden mehr anrichten. Ihm wurden Siegel und Buch abgenommen, im Kerker konnte er über seine geologischen Irrungen und Wirrungen nachdenken. Historiker schließen heute nicht mehr aus, dass Riedel die natürlich vorkommenden, silberglänzenden Flimmerblättchen im Quarzgestein nicht genügt haben. Möglicherweise hatte er den Proben das erwartete Silber zugesetzt und Geldgeber über den Tisch gezogen hat.

Prälat Oetinger scheint ihm auf den Leim gegangen zu sein, als er Ende 1772 jubelte: „Wir haben ein kostbar Silberbergwerk, es enthält Silber, Kupfer, Blei und Gold, Ausbeute ist reich.“ Der Amtmann in Löwenstein  aberb konnte „nicht mehr ruhig zu Mittag essen“, weil Riedels Schulden alle Vorstellungen sprengten.

Der heute frei zugängliche Silberstollen von Großerlach hat mit einiger Verzögerung doch noch gute Dienste geleistet. Ende des Zweiten Weltkriegs suchten einige Einwohner in der 36 Meter langen Grube Schutz vor den Angriffen amerikanischer Jagdflugzeuge. „Vielleicht wurde dadurch das eine oder andere Menschenleben gerettet“, sagte der Bürgermeister, „und das ist doch ein weitaus höheres Gut als das Silber.“

Serie beleuchtet Geschichten und Geschichte

In unserer Serie begeben wir uns den Sommer über auf die Spur spannender „Geschichten aus der Geschichte“, erzählen von Aufstieg und Untergang – und zeigen, was man davon vor Ort noch entdecken kann. Dabei graben wir Spuren der Kelten aus, tauchen ebenso tief in den Bodensee wie in die Fußball-Historie des Landes ein. Lassen Sie sich überraschen!

Ein nützliches Naturprodukt kommt seit dem Mittelalter aus dem Schwäbisch-Fränkischen Wald: Wetzsteine, zum Schärfen von Sensen und Sicheln. Der erste Steinbruch wurde 1836 eröffnet. 1899 entstand das einzige Bergwerk zum unterirdischen Abbau des Steins mit dem hohen Silikatanteil für die beste Schleifwirkung. 1911 musste der Betrieb eingestellt werden, weil er sich nicht mehr lohnte.

Der Wetzsteinstollen von Jux ist von Mitgliedern des Spiegelberger Fremdenverkehrsvereins auf knapp 50 Metern freigelegt worden. Besichtigungen sind möglich zwischen Mai und Oktober am ersten und vierten Sonntag sowie auf Anfrage. Weitere Informationen auf: www.wetzsteinstollen.de

Drei Stollen als Wanderziele
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