Brauchtum Wie die Protestanten die Fastnacht wieder entdeckten

Balingen/Schwenningen / Petra Walheim 27.02.2017

Schwenningen ist eine Ausnahme. Obwohl es über Jahrhunderte evangelisch geprägt und die Fastnacht verboten war, hielten die Leute daran fest. „Die Schwenninger haben sich ihre Fastnacht nie nehmen lassen“, erklärt Jochen Schwillo, Zunftschreiber der Narrenzunft Schwenningen. Das war nicht selbstverständlich. Es hätte auch so laufen können wie in Balingen. „Die Stadt war streng pietistisch“, sagt Volkskundler Jochen Schicht. Über Jahrhunderte gab es, wenn überhaupt, Minimal-Fastnacht für Kinder.  Schicht hat seine Magisterarbeit darüber geschrieben, wie die „Balinger Loable“ die Fastnacht 1997 wieder in die Stadt brachten.

Vor der Reformation 1517 war es so, dass in so gut wie allen Orten im Land die  Tage vor der Fastenzeit dazu genutzt wurden, um noch einmal das Leben zu genießen: mit deftigem Essen, ausschweifendem Trinken und Vergnügungen. Damit war es am Aschermittwoch für 40 Tage bis Ostern vorbei.

Luther hielt die Fastnacht für Teufelszeug. Auch war ihm das kollektive, von der Kirche verordnete Fasten suspekt. Deshalb wurde es in reformierten Gebieten abgeschafft – und damit der Fastnacht die Grundlage entzogen. Ohne Fasten keine Fastnacht. Das flächendeckende Feiern vor der Fastenzeit zerfiel. In reformierten Gebieten wie in weiten Teilen Württembergs schlief es ein.

In manchen Gegenden diente das Nicht-Feiern der Fastnacht als Abgrenzung zum katholischen Gebiet. „Die“ tun das und „wir“ tun das nicht, weil wir Protestanten sind. So beschreibt es der evangelische Oberkirchenrat Frank Zeeb. In Übergangsgebieten, wo reformierte Territorien an katholische grenzten, war die Brauchtumspflege fließend. Oft scherten sich Protestanten nicht um Konfessionsgrenzen. Sie gingen zu den Katholiken zum Feiern oder machten ihre eigene Fastnacht.

So war das auch im evangelischen Schwenningen. Obwohl die Fastnacht mehrfach verboten wurde, hielten die Schwenninger eisern daran fest. Der Sog, der von Villingen und Rottweil ausging, war zu stark und hat auch die Narrentypen in Schwenningen geprägt. „Einige Figuren sind angelehnt an Villingen und Rottweil“, sagt Jochen Schwillo. Allerdings sei die Ortssymbolik in ihre Gestaltung mit eingeflossen.

Fastnachts-Verbote, meist schriftlich verhängt, sind heute wertvolle Quellen für den Altersnachweis von Zünften. Der älteste Nachweis für die Schwenninger Fastnacht besteht aus so einem Verbot und stammt aus dem Jahr 1535. Die Chronik sagt aus, dass die Schwenninger über Jahrhunderte um ihre Fastnacht kämpfen mussten. Bis 1953. Da wurde in Württemberg das letzte Fastnachtsverbot erlassen, ausgerechnet  vom Schwenninger Oberbürgermeister Hans Kohler. Mit Rücksicht auf die evangelischen Geistlichen und mit der Begründung, die Schwenninger Fastnacht bestehe nicht aus althergebrachten Bräuchen, habe er den Umzug verboten, sagt Jochen Schwillo. „Die Schwenninger haben ihn trotzdem gemacht.“

Ganz anders lief es in Balingen. „Bis 1997 war die Stadt ein weißer Fleck auf der Karte der Fastnachts-Orte“, sagt Volkskundler Jochen Schicht. „Es gab keine Fastnacht.“ Dafür war Balingen zu evangelisch. Bei den Recherchen für seine Magister-Arbeit fand er heraus, dass sich das erst änderte, als eine Fastnachts-Begeisterte aus dem Narrennest Bad Saulgau nach Balingen zog und ihre Fastnacht vermisste. Sie fand Mitstreiter, und gemeinsam wurde 1997 der Narrenverein „Balinger Loable“ gegründet.

1998 schlängelte sich der erste Umzug durch Balingen, den sich auf Anhieb 5000 Besucher anschauten.  Heute, 20 Jahre später, gibt es die „Loable“ noch, allerdings haben sie mit Mitgliederschwund zu kämpfen. Aktuell sind bei den „Loable“ nach Auskunft von Zunft-Schreiberle Ulrike Wolf 50 Fastnachter eingetragen. Ein Grund für den Schwund ist für sie, dass es in Balingen vier Hexenzünfte gibt, die den „Loable“ die Mitglieder streitig machen.  Doch sie seien in der Stadt akzeptiert, sagt Ulrike Wolf.

Das bestätigt der evangelische Pfarrer und Dekan von Balingen, Beatus Widmann. Er spricht aber auch an, was eine Realität vieler „evangelischer“ und damit spät gegründeter Zünfte ist: „Da steckt nicht die Tiefe des alten Volksbrauchtums dahinter.“

Die Hästräger sind auf dem Vormarsch

Zünfte überall

Bis vor einigen Jahrzehnten wurde die Fastnacht vor allem in katholischen Gegenden gefeiert.  Nach den Recherchen von Volkskundler Jochen Schicht gab es 1950 um die 80 Narrenzünfte im Land. Im Jahr 2000 waren es 1700. Schicht hat für seine Magisterarbeit die Fastnacht im evangelischen Balingen untersucht. Die Arbeit ist als Buch unter dem Titel „Fasnetsfieber“ erschienen. wal