Stuttgart Werbung in eigener Sache

Der parteilose Sebastian Turner (45) vor einem seiner Wahlplakate. Seit Dienstag ist er Vater von Zwillingen. Nun will er Stuttgarter OB werden. Foto: dpa
Der parteilose Sebastian Turner (45) vor einem seiner Wahlplakate. Seit Dienstag ist er Vater von Zwillingen. Nun will er Stuttgarter OB werden. Foto: dpa
Stuttgart / ANDREAS BÖHME 13.09.2012
Parteilos, aber von CDU, FDP und Freien Wählern unterstützt: Der 45-jährige Werber Sebastian Turner ist einer der aussichtsreichsten Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters in Stuttgart.

Der Mann kann Prioritäten setzen: Mitten im heißen OB-Wahlkampf der Landeshauptstadt sagt Sebastian Turner vorübergehend alle Termine ab. Der Grund ist doppelt: Seit Dienstag ist Turner wieder in Berlin, an der Seite seiner Frau, als glücklicher Vater von zwei frischgeborenen Zwillingen. Frau und Kinder des 45-Jährigen OB-Kandidaten hatten den geplanten Umzug in den Süden wegen der Schwangerschaft verschoben.

Gar nicht leicht, das Bürgerbüro Sebastian Turners zu finden, in einem Hinterhof und immer an den grünen Tonnen vorbei. Aber in der Nähe der CDU-Parteizentrale ist man nicht ganz falsch: Der parteiunabhängige Turner residiert im Nebengebäude, und auch inhaltlich ist er so frei nicht: Neben der Solidarität der Freien Wähler und der Unterstützung durch die Liberalen genießt er das Vertrauen weiter Kreise der CDU. Jedenfalls derer, die im parteiinternen Vorwahlkampf nicht auf Andreas Renner gesetzt hatten, den einstigen OB aus Singen, der in der Regierung Oettinger scheiterte, weil er gegenüber der katholischen Kirche in der Frage Kinderloser nicht die richtigen Worte fand.

Turner ist da anders, er trifft sehr wohl mit dem Wort. Er hat, als Inhaber einer Werbeagentur, einst den Kultspruch "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" erfunden. Er allerdings kann Hochdeutsch, auch wenn er mit vier Jahren aus dem Harz nach Stuttgart kam, später bei den Kickers kickte ("im Schatten eines überragenden Jugendspielers namens Jürgen Klinsmann)" und im ehrwürdigen Karlsgymnasium sein Abitur machte. Er hat Schülerzeitungen gegründet und ein Fachblatt für Journalisten, hat in Bonn und den USA Politik, Geschichte und Betriebswirtschaft studiert, zog hernach nach Dresden, warb mit einer viel beachteten Kampagne für den Wiederaufbau der Frauenkirche und lehrte Kommunikationswissenschaft an der Uni. Seine Agentur, als Drei-Mann-Betrieb gestartet, wuchs mit dem Team von Scholz & Friends zum 1600 Köpfe zählenden Unternehmen - und er zu dessen wohlhabenden Chef. Aber selbst aus dem Firmensitz in Berlin riss die Verbindung an den Nesenbach nicht ab. So fand er auch zu einem seiner Lieblingsprojekte, dem Kuratorium kinderfreundliches Stuttgart. Turner, sagt er von sich selbst, ist eben der Stuttgarter von außen.

Zusammen mit Fritz Kuhn, dem Konkurrenten der Grünen, ist er bestens vorbereitet im Trio der chancenreichen Kandidaten, zu denen auch die von den Sozialdemokraten unterstützte parteilose Bettina Wilhelm zählt. Aber er ist deutlich jünger als Kuhn, dem er gerne mit dem Seitenhieb begegnet: "Es schadet nix, die zweite Amtszeit schon jetzt im Blick zu haben." Für eine derart langfristige Perspektive ist Kuhn (57) einfach schon zu alt.

Sein Wahlkampf läuft glatt wies Brezelbacken bis hin zum Losglück: Listenplatz Nummer eins auf dem Stimmzettel, der für den ersten Wahlgang am 7. Oktober immerhin 14 Kandidaten nennt. Die Brezel ist denn auch das Symbol, das den Wahlspruch "Miteinander" illustriert.

Vom Gegeneinander, sagt Turner, haben die Stuttgarter seit dem Streit um den neuen Bahnhof genug. Turner, auch das unterscheidet ihn von Grünen und SPD, ist allerdings uneingeschränkt für den Bahnhof. Wilhelm fährt einen Zickzackkurs, Kuhn hält das Projekt nach wie vor für falsch, während Turner sagt, er wolle der Bahn Beine machen, das Projekt schnell und sicher umzusetzen: "Die Stadt muss die Bahn antreiben und darf sie nicht ausbremsen." Mit S21 verbindet ihn allerdings auch ein Kommunikations-Flop: "Das neue Herz Europas" war der von ihm kreierte Werbespruch für den neuen Bahnhof- aber angesichts seines unschwäbischen Größenwahns fiel er beim Publikum glatt durch. Auch ein strittig gesponsertes Großplakat im Vorwahlkampf Anfang August sorgte für Unmut - vor allem bei den Konkurrenten, denen weniger als die rund 400 000 Euro zur Verfügung stehen, die Turner ins Wahlkampfmaterial steckt.

Eine gelungene Kampagne in eigener Sache aber ist nicht alles. Turner müsse aufpassen, dass von der Geschmeidigkeit seines Wahlkampfes nicht die Sachkompetenz überlagert wird, warnt CDU-Chef Thomas Strobl. Damit macht der Chef der Landespartei klar: der Kandidat ist nicht einfach der Werbefuzzi, sondern er bringt Wissenschaftskompetenz und Führungserfahrung mit. In Stuttgart, sagt Turner, "gibt es keinen Mangel an Verwaltung, die Stadt ist in gutem Zustand". Aber, ergänzt er und beschwört den Geist eines neuen Miteinander: "Gruppenegoismen blockieren uns, das parlamentarische System ist wichtiger. Und gesunder Menschenverstand von außen kann nicht schaden."