Sommerserie Vom Gefängnis zum Hotel: Luxus hinter Schloss und Riegel

Offenburg / Petra Walheim 14.08.2018
Im alten Offenburger Gefängnis können heute zahlungskräftige Gäste den Luxus des Design-Hotels „Liberty“ genießen.

Es kommt hin und wieder vor, dass Gäste das Hotel „Liberty“ in Offenburg betreten und erst mal wie erstarrt in der Eingangshalle stehen bleiben. Bei manchen dieser Gäste werden Erinnerungen wach. Sie kennen das Gemäuer nur zu gut – aus schlechten Zeiten. Sie waren Häftlinge und haben ihre Strafe im Offenburger Gefängnis abgesessen. Das ist heute ein Design-Hotel mit dem aufmunternden Namen „Liberty“ – also „Freiheit“. Jürgen Schillinger kennt darin jede Tür und jeden Flur. Als das Hotel noch Gefängnis war, hat er darin zehn Jahre lang als Justizvollzugsbeamter gearbeitet.

Exklusives Gruseln für die Gäste

An diesem heißen Tag steht er im Garten des Hotels, wo Stehtische aufgebaut sind und die Gäste sich bei Empfängen Sekt und Häppchen schmecken lassen können. Bis April 2009 hatte das Wort „Empfang“ in diesem Bereich noch sprichwörtliche Bedeutung. Durch ein Tor in der Gefängnismauer, das heute zugemauert ist und wo jetzt ein Brunnen plätschert, gelangten Häftlinge und Besucher in die Haftanstalt.

Jürgen Schillinger weiß noch genau, was zu Gefängnis-Zeiten hinter welchem Fenster untergebracht war. „Hier war die Torwache, da saß der Dienstplaner und hier der Vollzugsdienstleiter.“ Häftlinge und Besucher mussten gleichsam einer Schleuse die Torwache  passieren, sich ausweisen und sich durchsuchen lassen.

Das droht den Hotel-Gästen nicht. Wobei das für manchen vielleicht ein prickelnder, exklusiver Gag wäre. Exklusiv ist auch das Gruseln, das die Gäste hinter den vergitterten Fenstern empfinden können, wenn sie sich vorstellen, wie die Räume  früher genutzt wurden. Nach Auskunft von Schillinger gab es 43 Hafträume: Vier Einzel- und 38 Doppelzellen sowie eine Sechserzelle. Im Durchschnitt saßen 53 Gefangene in der Anstalt ein.

Gefängniszellen in Hotelzimmer umgewandelt

Aus den düsteren und spärlich ausgestatteten Haft- und anderen Räumen sind 38 luxuriös ausgestattete Doppelzimmer geworden, zwischen 20 und 45 Quadratmeter groß. „Wir haben meist zwei bis drei Zellen zu einem Zimmer zusammengelegt“, sagt Hoteldirektor Heiko Hankel. Darin erinnert kaum mehr etwas an die ursprüngliche Nutzung – nur die Decken. Jede Gefängniszelle hatte eine gewölbte Decke. Diese wurden erhalten. Sie sind es, die manchen Besuchern die Tränen in die Augen treiben.

Bei früheren Häftlingen kommen die Emotionen hoch

Hin und wieder seien Gäste im Hotel, die darum bitten, ein bestimmtes Zimmer anschauen zu dürfen, berichtet der Manager. „Das sind meist hochemotionale Besuche.“ Es komme vor, dass der Gast in diesem Zimmer stehe, an die Decke schaue, das Gewölbe erkenne und mit den Tränen kämpfe. „Dann wissen wir, dass das ein früherer Häftling ist, der in der Zelle seine Haftzeit abgesessen und vermutlich viele Stunden an die Decke gestarrt hat.“

Die Hotel-Mitarbeiter haben damit kein Problem. Hankel betont, das Hotel stehe für jeden offen. „Jeder kann kommen und gehen, wie es ihm gefällt.“ Er pflegt also genau das, was davor nicht möglich war. Viele Gäste kämen aus Neugier, sagt Empfangschef Christian Henninger. Sie lassen sich von den Gittern vor den Fenstern nicht abschrecken. Die prägen die Optik des Hotels, sowohl innen wie auch außen.

„Freiheit ist der Schlüssel, um sich frei zu fühlen“

So mancher fragt sich, warum auch an den Fenstern zur Empfangshalle und zum Restaurant „Brot und Wasser“, also hin zu einem Innenraum, Gitter angebracht sind. Jürgen Schillinger kennt den Grund: Ursprünglich waren die zwei Häuser, die heute durch das gläserne Atrium und das Restaurant verbunden sind, zwei getrennte Gebäude. Die Fenster zeigten in den offenen Innenhof, über den die Häftlinge bei Wind und Wetter zum Hofgang oder zum Sport gehen mussten. An der Wand im Restaurant, einst eine Außenwand, steht in Leuchtschrift „Liberty is the key to feel free“ – „Freiheit ist der Schlüssel, um sich frei zu fühlen“.

An den Fenstern dort und zum Bürgerpark hin haben sich nach Aussage von Schillinger immer wieder erschütternde Szenen abgespielt. Die Häftlinge hätten öfters versucht, Kontakt mit Familienangehörigen aufzunehmen, die im Bürgerpark standen. Es wurde gewunken – und kommuniziert. „Das musste jedes Mal sofort unterbunden werden.“ Heute können dort die Gäste in Bars sitzen und sich ausmalen, wie es gewesen sein könnte, in so einer Zelle über Monate oder gar Jahre eingesperrt zu sein. Ein abendfüllendes Thema.

Alte Zelltüren sind heute Deko

Ebenso prägend wie die Gitter an den Fenstern sind die alten Zellentüren, die die Wände in den Fluren zieren. Sie sind klein, schmal, aus verwittertem Holz, mit Eisenbeschlägen, zwei  Schiebern, einem Schloss und der Versorgungsklappe. „Durch die sind zum Beispiel Medikamente gereicht worden“, sagt Schillinger. Und es sei geschaut worden, ob drinnen alles in Ordnung ist.

Heute sind die Türen Deko. Die Klappen können zwar geöffnet werden, doch dahinter ist keine Zelle mehr. In der Öffnung erscheinen unterschiedliche Fotos, die noch im Gefängnis aufgenommen wurden. Schillinger kann sie fast alle zuordnen, weiß, wo sie gemacht wurden. Manchmal versuchen Hotelgäste, durch die Zellentüren in ihre Zimmer zu gelangen. Auch deshalb, weil die tatsächlichen Zimmertüren in der Farbe der Wände gestrichen sind und sich nur schlecht abheben.

Zellen mit Weihnachtschmuck dekoriert

Als Jürgen Schillinger im früheren Haus B im ersten Stock im Flur steht, fällt ihm ein, dass dort zu Weihnachten immer ein Baum geschmückt worden ist. Der sei aber gleich wieder abgebaut worden, weil der Schmuck oft Beine bekommen habe. „Manche haben damit ihre Zelle dekoriert.“

Draußen, wo heute die Restaurant-Gäste im Freien sitzen, stand eine Tischtennisplatte. Drumherum war Platz für den Hofgang. Die Mauer grenzte an den Bürgerpark. „Immer wieder wurde von draußen versucht, Drogen in den Hof zu werfen“, erzählt Schillinger. Einen habe er ertappt, das Päckchen einkassiert. Auch an einen Ausbruchsversuch kann er sich erinnern. Die Gefängnismauer sei renoviert worden. Das habe ein Häftling zur Flucht genutzt. Weit sei er nicht gekommen.

Das Gebäude weckt Erinnerungen

Je länger er in dem Gemäuer unterwegs ist, umso mehr Geschichten fallen ihm ein. Die alte Verbundenheit zu dem Gebäude zeigt sich. Damit ist Schillinger nicht alleine. Einer seiner Kollegen, der demnächst heiratet, lässt seine Hochzeitsfotos im „Hotel Liberty“ machen.

Als Schillinger nach mehr als drei Stunden Rundgang im Restaurant sitzt, erinnert er sich, dass er dort früher frierend im Freien stand, um die Häftlinge zum Hofgang zu lassen. „Da hat der Wind durch gepfiffen.“ Heute pfeift dort nichts mehr.

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