Schwäbisch Hall Wenn "Krokus" plaudert - Informantin beschäftigt NSU-Ausschuss

Viel Papier, wenig Klarheit: Zu dem Papierberg - hier für den Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss - kommen die Akten über die V-Frau "Krokus" hinzu.
Viel Papier, wenig Klarheit: Zu dem Papierberg - hier für den Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss - kommen die Akten über die V-Frau "Krokus" hinzu. © Foto: dpa/Martin Schutt
Schwäbisch Hall / THUMILAN SELVAKUMARAN 10.06.2013
Ist sie eine Spinnerin oder weiß sie eine ganze Menge? Informationen von „Krokus“, einer ehemaligen V-Frau des Verfassungsschutzes, beschäftigen den NSU-Ausschuss. Die Spur führt wieder nach Schwäbisch Hall.

Bei den Ermittlungen zum Heilbronner Polizistenmord flog auf, dass zwei Kollegen der Getöteten beim deutschen Ableger des rassistischen Geheimbunds Ku-Klux-Klan aktiv waren. Der hatte von 2000 bis 2003 seinen Sitz in Schwäbisch Hall. Mindestens ein Mitglied des KKK hatte Verbindungen zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU).

Für den NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag ist die Region zwischen Stuttgart und Hall ohnehin ein „weißer Fleck“. Bestätigt ist, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt häufig Ludwigsburg besuchten. Auch den Kreis Hall? Am 25. April forderten der Ausschuss Akten zu einer Informantin des Landesverfassungsschutzes (LfV) namens „Krokus“ an. Die Frau mit dem bürgerlichen Namen Petra S. stammt aus dem Kreis Hall. Baden-Württemberg hat die Ordner erst Ende Mai geliefert, obwohl der letzte Ausschusstermin für 16. Mai angesetzt war. Die Mitglieder wollen diesen Punkt noch prüfen, bevor sie ihren Abschlussbericht verfassen. Die Akte Krokus sei als einziger offener Punkt noch zu bearbeiten, sagt Clemens Binninger, CDU-Obmann.

Doch was macht diese V-Frau wichtig? Seit Monaten füttern sie und ihr Partner Alexander G., ebenfalls aus dem Kreis Hall, von Irland aus Behörden und Medien mit Informationen, die aufhorchen lassen.

Da ist die Rede von einer rechtsradikalen Krankenschwester, die nach dem Mord in Heilbronn 2007 den Gesundheitszustand von Martin A. in der Klinik abgefragt habe. Er ist der Kollege Kiesewetters, der den Kopfschuss überlebt hat. „Krokus“ habe damals ihrem Quellenführer „Rainer Ö.“ beim Landesamt für Verfassungsschutz darüber informiert, dass Neonazis am Mord beteiligt gewesen seien. „Raushalten, dies ist Sache der Polizei“, sei ihr da mitgeteilt worden. Heute bringt „Krokus“ Neonazis aus dem Kreis Hall mit der Tat in Verbindung. Die Namen liegen der Redaktion vor: NPD-Funktionäre, aber auch Privatpersonen. Mit der Zeitung wollen die Beschuldigten nicht sprechen.

In Ilshofen habe sich Beate Zschäpe 2006 aufgehalten. Dazu gebe es bisher keine Anhaltspunkte, meint Günter Loos, Sprecher des Innenministeriums. Man werde die Angaben prüfen, „wie jeden anderen Hinweis auch“. Binninger: „Einiges in den Hinweisen deckt sich mit der Aktenlage, vieles könnte aber auch nachträglich aus dem Internet zusammengesucht oder erfunden sein.“ Prüfen müsse der Ausschuss dennoch. Doch welche Funktion hatte „Krokus“? Aus internen Kreisen heißt es, sie habe für den LfV nur Flyer und Magazine aus dem Rechtsaußen-Spektrum beschafft. Offiziell bestätigen will das keiner.

Der Untersuchungsausschuss will nach Prüfung der „Krokus“-Akten entscheiden, ob noch eine Zeugenbefragung angesetzt wird. Das könnte die Ermittlungsgruppe „Umfeld“ des Landeskriminalamts treffen – aber auch den LfV-Beamten „Rainer Ö.“, der „Krokus“ bis zu deren Abschaltung 2010 betreut hat.

„Ö.“, auch aus der Haller Region, spielt eine weitere Rolle: Günther Stengel, Ex-Verfassungsschutzmitarbeiter, sagte vor dem Ausschuss, er habe dem Beamten 2003 nach Hinweisen des Informanten „Stauffenberg“ über ein mögliches fünfköpfiges Netzwerk namens NSU berichtet. Wussten die Behörden so von der Terror-Zelle, ehe 2011 die Mordserie aufflog? Das wird heute von allen bestritten – bis auf Stengel. Nun hat der Ausschuss in Berlin auch die Akten zu „Stauffenberg“ alias Torsten O. angefordert.

Und „Krokus“? Einige Ermittler stempeln sie als „Spinnerin“ ab. Manche ihrer Angaben lassen sich offenkundig widerlegen. Aber nicht alle: So schreibt sie, dass die Phantombilder, die nach Zeugenaussagen in Heilbronn erstellt wurden, nicht zum Terror-Trio passen.

Die Redaktion konnte in die geheimen Ermittlungsakten zum Polizistenmord blicken: Die Zeugen berichten von bis zu sechs Tätern – tatsächlich passt keines der Phantombilder zu Böhnhardt, Mundlos oder Zschäpe. Es sind Aussagen und Phantombilder abgedruckt, die vom Polizisten Martin A. stammen – dabei wird von den Behörden kommuniziert, er könne sich nicht an die Tat erinnern. Im geheimen Bericht der Sonderkommission „Parkplatz“ ist vermerkt, A. habe „klare und konkrete Erinnerungen“.

Günter Loos vom Ministerium bestätigt die Existenz der Phantombilder nicht. Clemens Binninger will die Akten nie gesehen haben – obwohl sie dem Ausschuss vorliegen. Die Abgeordneten hätten sich nie mit A. befasst, so Binninger. Das sei Aufgabe der Sonderkommission.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel