Petershagen – wie kann jemand, der einen solchen Namen trägt, sich derart gut im Schwäbischen auskennen? Die Frage höre er oft, sagt der 67-Jährige schmunzelnd. Und schaut in die Speisekarte des historischen Gasthofs „Drei Kannen“ in seiner Heimatstadt Ulm: „Typisch schwäbische Küche, von der Großmutter überliefert“, gehört dort zu den Spezialitäten. Wolf-Henning Petershagen bestellt saure Kutteln in Rotweinsoße und mit Bratkartoffeln. Also, bei ihm war’s nicht die Oma, sondern der aus dem holsteinischen Oldenburg eingewanderte Großvater – ein Zahnarzt, der um 1900 eine Badenerin geheiratet hatte und dann „Schwaben in die Welt setzte“, und zwar in Neu-Ulm.

Petershagen kennt die Wahrheit über Deppenhausen, er ist mit den Jauchs und Eiseles bekannt und führt gerne „unsinnige Behauptungen“ ad absurdum wie jene, dass die Kehrwoche eine schwäbische Stammeseigenschaft sei. Der Ulmer Journalist und Kulturwissenschaftler hat die Mentalität und die Mundart der Schwaben erkundet wie kaum ein anderer, er weiß alles über die Bedeutung von Orts- und Familiennamen, ist kundig noch in jeder Dialekt-Nuance.

Er liebt den Stammtisch und ein gutes Bier, fühlt sich besonders wohl aber auch in den Archiven. Petershagen geht der Sache unbeirrbar auf den Grund. Ein trockener Wissenschaftler – siehe oben – ist er aber wirklich nicht: Er schreibt so  geistreich wie genau und humorvoll über alles Schwäbische – lange Jahre als Redakteur der SÜDWEST PRESSE. „Schwäbisch für Besserwisser“ hieß eine seiner beliebten Kolumnen mit 277 Folgen, „Schwäbisch auf Anfrage“ brachte es auf 413 Artikel. Daraus erwuchsen viele erfolgreiche Bücher zur schwäbischen Sprache, Geschichte und Kultur. Wobei  Petershagen nicht selbst dieser „Besserwisser“ sein will, stets holte er sich Rat bei profunden Experten, etwa  bei dem Mundartforscher Arno Ruoff, Gründer der Tübinger Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland.“

Man hört die Herkunft

Petershagens schwäbische Laufbahn fällt in etwa so unorthodox wie zwangsläufig aus wie jene des  Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der einst in der kommunistischen Hochschulgruppe agierte und heute mit Kässpätzle-sämigem Dialekt als populär authentischer Oberschwabe deutschlandweit selbst fürs Bundespräsidentenamt als würdig gilt. Ja, aus Heidelberg kennt er den Kretschmann, aus der „ganz heißen Zeit“ der Studentenbewegung, als der Heimatbegriff noch sehr braun konnotiert war.

In Heidelberg lernte Petershagen auch seine spätere Ehefrau kennen, eine Peruanerin. Drei Kinder hat er: eine Tochter ist mit einem Bosniaken verheiratet; eine andere mit einem Nicaraguaner, die Familie lebt in Miami/Florida, wohin der Opa gelegentlich fliegt, um die Enkel zu hüten. Der Schwabe: unbedingt weltoffen. Und trotzdem hört man, wo er herkommt.

Dass viele Schwaben sich nicht trauten, mit ihrem Dialekt offen aufzutreten, findet Petershagen bedauerlich. Warum aber reden die Bayern ganz selbstverständlich und amtlich bairisch? „Die haben ein größeres Selbstbewusstsein“, meint Petershagen. Auch die Jungen fänden es wohl einfach nicht cool, schwäbisch zu sprechen. Petershagen aber betont und beruhigt: „Das Schwäbische ist kein falsches Hochdeutsch.“ Das erklärt er, in allen Feinheiten, derzeit auch in seiner Kolumne „Schwäbisch offensiv“, die noch bis Mitte Dezember auf der „Heimat“-Seite unserer Zeitung läuft.

Als Blödsinn empfindet es Petershagen, wenn zum Beispiel die Schauspieler im Stuttgarter „Tatort“ den Dialekt bewusst unterdrücken. Andererseits habe man früher, in den Folgen mit Kommissar Bienzle, das Schwäbische so „verhunzt, dass es weh tat“. Grundsätzlich freut sich Petershagen über „jeden Anklang“: dass die Sprache die Herkunft eines Menschen signalisiere, das habe doch Charme.

Früher konnte man die Menschen über den Dialekt aufs kleinste Dorf verorten. Das sei freilich vorbei. „Viele bedauern das, aber das war auch das Produkt einer jahrhundertelangen Inzucht.“ Der Schwabe lebt und paart sich längst großräumiger: „Das ist gut.“

Wie hat nun der aufmüpfige bis radikale Ulmer Alt-68er, der Politik und Geschichte studiert hatte, seine schwäbische Seele entdeckt? Über den Journalismus. Petershagen volontierte beim „Heidelberger Tagblatt“ – für den 128 Exemplare auflagenstarken Lokalteil Eberbach. Er arbeitete später in Mindelheim, beim „Alb Boten“ in Münsingen, bei der „Schwäbischen Zeitung“, beim Schwabenradio, war auch mal eineinhalb Jahre lang Lehrer an einer Privatschule in Lima und beim Goethe-Institut. Dann kam die SÜDWEST PRESSE. Eine Erkenntnis im Redakteursdasein: dass man nach Gesprächen mit den Menschen nicht das schreiben dürfe, was sie gesagt, sondern was sie gemeint haben.

Doktorarbeit übers Volksvergnügen

In Ulm gehörte die Stadtgeschichte schnell zu Petershagens Aufgabenbereich. Von einem örtlichen Verlag erhielt er den Auftrag, ein Buch über traditionsreiche Ulmer Feste zu schreiben, das Fischerstechen, den Schwörmontag. „Es hätte wohl ein Bildband werden sollen, aber ich bin dann immer tiefer in die Materie eingedrungen.“ Typisch. Ein Freund, der bei Hermann Bausinger in Tübingen studiert hatte, riet ihm, doch aus dem Buch eine Dissertation zu machen.

So kam Petershagen zur Empirischen Kulturwissenschaft (EKW) und promovierte 1999 bei Gottfried Korff am Uhland-Institut über „Schwörpflicht und Volksvergnügen“. Die Tübinger EKWler erkundeten die schwäbische Seele ganz anders: nicht „bäbbig“, nicht volkstümelnd. Dieser erweiterte Kulturbegriff faszinierte Petershagen: „dass selbst noch die Kloschüssel was mit Kultur zu tun hat“. Und so direkt wendet er das Schwabentum an: Er erklärt Schwaben und anderen Menschen, wie es funktioniert.

„Der alte Göppel“ etwa, wie ein altes Fahrrad im Schwäbischen bezeichnet wird: „Göpel kann aus dem Slawischen stammen, wo es ähnlich klingende Vokabeln gibt. Vielleicht hat das Wort aber auch zu tun mit dem mittelhochdeutschen ,gebel’, das ,Schädel` bedeutet.“ So steht’s in Petershagens neuem Wortgeschichten-Band „Dem Schwaben sein Dativ“ (Theiss Verlag). Dann folgt ein wahres Petershagen-Fazit: „Aber beweisen lässt sich das leider nicht. Da kann man noch so lange strampeln.“ So unterhaltsam und lehreich fährt man mit praktischer Volkskunde.

Nachgefragt


Was ist für Sie schwäbisch? Liberal, weltoffen, erfindungsreich.

Was mögen Sie nicht? Pietismus, Bruddelei, Kehrwoche.

Lieblingswörter: Muggaseggele, Semsakrepsler.

Lieblingsschwaben: Gottlieb Daimler, FERDINAND Porsche, Robert Bosch und natürlich Albert Einstein.

Lieblingsort: Unsere Lage Herzogenberg mit schöner Aussicht ins Neckartal. Das auf dem höchsten Punkt stehende Türmle ist ein Traum. 

Leibspeise: Gaisburger Marsch.