Hemmenhofen Welterbe als Lebenswerk

Helmut Schlichtherle inmitten seiner Funde: Der Unterwasser-Archäologe des Landesdenkmalamtes geht Ende März in den Ruhestand.
Helmut Schlichtherle inmitten seiner Funde: Der Unterwasser-Archäologe des Landesdenkmalamtes geht Ende März in den Ruhestand. © Foto: Petra Walheim
PETRA WALHEIM 21.03.2016
Helmut Schlichtherle ist mit jeder Faser Unterwasser-Archäologe. Mehr als 40 Jahre lang hat er unter anderem die Pfahlbauten im Bodensee und Federsee-Moor erforscht. Ende des Monats geht er in den Ruhestand.

Sein Büro ist bereits in Auflösung begriffen. Überall stehen Kisten, die Regale sind zum Teil geleert. "Wir sind fast fertig", sagt Helmut Schlichtherle. Das sei bei den Papierbergen, die noch herumliegen, zwar nicht zu sehen, aber es sei so, versichert er. Was sich in über 40 Jahren an Unterlagen, Info-Material, Dokumenten, Aufzeichnungen und Funden im Büro angehäuft hat, kann nicht innerhalb weniger Tage weggeräumt werden - das versteht jeder. Außerdem hat der Chef der Unterwasser-Archäologie des Landesamtes für Denkmalpflege anderes zu tun, als sein Büro zu räumen. Zumal ein Nachfolger nicht in Sicht ist: Die Stelle ist noch ausgeschrieben.

Schlichtherle steckt mitten in den Vorbereitungen für die Große Landesausstellung "4000 Jahre Pfahlbauten", die am 16. April im Kloster in Bad Schussenried und im Federsee-Museum in Bad Buchau eröffnet wird. Seit mehr als zwei Jahren arbeitet er mit dem Archäologischen Landesmuseum in Konstanz an der Konzeption der Schau, in der dem Publikum die spektakulärsten Funde gezeigt werden. An allen waren Schlichtherle und sein Team beteiligt. "Ich forsche ja nicht alleine", sagt er. Da stehe immer das ganze Team aus Archäologen und Naturwissenschaftlern dahinter. Sie arbeiten zudem noch mit Kollegen aus der Schweiz zusammen. "Das ist eine sehr erfreuliche und konstruktive Zusammenarbeit."

Aufzuzählen, was Schlichtherle und Team aus dem Bodensee und dem Federsee-Moor gezogen haben würde den Rahmen sprengen. Als Beispiele für "tolle Funde" nennt er die 6000 Jahre alte Kupferscheibe von Hornstaad-Hörnle, "eines der ältesten Metallobjekte nördlich der Alpen". Dann die 5000 Jahre alten Radscheiben aus dem Olzreuter Ried bei Schussenried. Oder eine 5800 Jahre alte Wandmalerei mit Ahnfrauen und plastisch hervorgehobenen Brüsten.

Nicht zu vergessen das Teil einer jungsteinzeitlichen Maske, die zu rituellen Zwecken verwendet wurde: Das Fragment schlummerte Jahrzehnte in einer Kiste und konnte nicht zugeordnet werden. Erst als Schlichtherle es für die Landesausstellung wieder in die Hände bekam, Monate darüber brütete, was es sein könnte, fand er die Lösung.

Ein Höhepunkt seines Schaffens war 2011 die Anerkennung der "Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen" als UNESCO-Welterbe. "Das hat endgültig klar gemacht, dass die Fundstätten von Weltrang sind." Die Funde gehörten der Menschheit. Sie zu erhalten und zu erforschen sei eine Verpflichtung kommenden Generationen gegenüber.

Dabei wird gerade der Erhalt der Fundstätten immer schwieriger. Im Bodensee werden sie, um sie vor Erosion zu schützen, mit Geotextilien und Kies abgedeckt. Am Federsee sollen die Fundorte durch Wiedervernässung vor dem Zerfall bewahrt werden. Das geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Naturschutz. Dennoch sind viele Fundstätten von der Zerstörung bedroht, was ihm Sorge bereitet. "Dann sind sie für immer verloren."

Für Schlichtherle geht es aber nicht nur um die Funde. Sie einzuordnen und herauszufinden, welche Schlüsse sie auf das Leben der Menschen und ihre Umweltverhältnisse in der Jungsteinzeit und Bronzezeit zulassen, das ist für ihn eine der Hauptaufgaben. "Jeder Fund ist ein Wissensspeicher, der geknackt werden muss. Wenn man es richtig macht, kann man die Informationen abrufen." Es gehe immer darum, die Zusammenhänge herauszufinden und zu verstehen. "Die Dinge einfach nur herauszuklopfen, bringt nichts." Man müsse die Funde durch eingehende Untersuchungen mit Leben erfüllen.

Die Vorbereitungen zur Landesausstellung waren Schlichtherles letzter großer Beitrag zur Geschichte der Pfahlbauten am Bodensee und in Oberschwaben. Damit endet sein Arbeitsleben als Archäologe des Landesamtes für Denkmalpflege. Er geht zum Ende des Monats in den Ruhestand. "Ich werde mich als erstes auf das Chaiselongue legen bis es mir langweilig wird", sagt er - und weiß jetzt schon: Das wird nicht lange dauern. So nach zwei Stunden werde er Lust verspüren, wieder zu forschen.

Dafür kann er sich dann Zeit lassen. "Ich freue mich darauf, zum Forschen so viel Zeit zu haben wie ich will." Er wird zwar einige noch nicht erledigte Arbeiten mit nach Hause nehmen, dort aufarbeiten, Bücher und Abhandlungen schreiben. Er will sich aber auch Zeit nehmen für seine Frau, seinen Garten. Und er möchte Malen. "Ich bin ein begeisterter Zeichner und Maler von Landschaften."

Außerdem hat Schlichtherle noch nicht alle Barockkirchen zwischen Bodensee und der Slowakei gesehen. "Ich liebe Barockkirchen", sagt er. Nirgends gebe es so verrückte Rokoko-Stuckaturen wie nördlich der Alpen. Auch die will er sich alle noch anschauen.

Begeistert von Kindheit an

Bodensee-Bezug Helmut Schlichtherle, der im November 65 Jahre alt wurde, ist in Radolfzell am Bodensee (Kreis Konstanz) aufgewachsen. Schon als Kind hat er sich für die unerforschten Schätze interessiert, die tief im Schwäbischen Meer schlummern. So hat er in Tübingen, Göttingen und Freiburg Ur- und Frühgeschichte, Paläontologie und Botanik studiert. Sein ganzes Arbeitsleben hat er als Archäologe für das Kulturgut in den Seen und Mooren beim baden-württembergischen Landesdenkmalamt verbracht, das im Regierungspräsidium Stuttgart angesiedelt ist.

Zukunft Schlichtherle hat die Denkmalamt-Außenstelle Hemmenhofen auf der Höri aufgebaut. Die 20 Spezialisten dort werden nicht arbeitslos: Schlichtherle schätzt, dass erst fünf Prozent der archäologischen Substanz im Bodensee und im Federsee bislang entdeckt sind.