Wasen Welche Auswirkungen hat die Terrorgefahr auf das Cannstatter Volksfest?

DOMINIQUE LEIBBRAND 04.10.2016
Mehr Polizei, mehr Kontrollen, mehr Videoüberwachung: Sicherheit geht vor auf dem Cannstatter Volksfest nach den Terrorattacken von Ansbach und Würzburg.

Eine Stoff-Vogelspinne rast auf die Wartenden vor der Geisterbahn hinab. Gestandene Kerls weichen reflexartig aus, Mädels kreischen und kichern, sobald sie das schwarze Vieh auf ihrem Kopf spüren. Ein Schausteller steht auf einem Balkon über der Besucherschlange und bewegt die Spinne an einem Seil hin und her. Neben dem Eingang speit ein lachender Baum künstliches Blut in einen Brunnen. Aus dem „Daemonium“ hört man spitze Schreie.

Der Chef der Geisterbahn, Martin Blume, Typ gesetzter Geschäftsmann, sitzt hinten in seinem Wohnwagen, trinkt Kaffee. Der Cannstatter Wasen sei in diesem Jahr „ganz normal“, sagt der 50-Jährige und nimmt einen kräftigen Bissen von seinem Hefezopf. Kauend schiebt er hinterher:  „Bei mir läuft es so wie jedes Jahr.“

Gruseln zum Spaß ist also angesagt – auch in Zeiten, in denen das reale Leben eigentlich genug Anlass zum Gruseln bietet? In denen der Terror in Deutschland Einzug gehalten hat, in denen sich die Attacken von Ansbach, Würzburg und der Amoklauf von München ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben?

„Das muss man trennen“, sagt Martin Blume. „Das eine ist Furcht, das andere Abenteuer.“ Von Terrorangst spüre er jedenfalls nichts auf dem Volksfest. Überhaupt ist der Geisterhaus-Chef von dem Gerede über Attentate und Attacken schwer genervt. „Man sieht ja, wohin das in München geführt hat. Da wurde das Ganze zerredet. Die Medien haben den Leuten Angst eingeflößt. Und dann sind weniger Leute zur Wiesn gegangen.“ In Stuttgart hätten sich die Medien bislang zum Glück gut verhalten. Und siehe da – das Fest laufe: Die Veranstaltungsgesellschaft „in.stuttgart“ rechnet mit einem ähnlich hohen Besucheraufkommen wie im Vorjahr, vier Millionen Gäste könnten es bis Sonntag werden.

Auf der Wasenwache stehen Polizisten zusammen, flachsen herum. An der Wand hängen Handschellen aus rotem Plüsch und ein Schild, auf dem „Diskutantenstadl“ steht. Doch die entspannte Atmosphäre soll nicht täuschen:  Glaubt man den Behörden, ist das  Volksfest in diesem Jahr so gut gesichert nie zuvor. „Es gibt kein Schlupfloch mehr, durch das man unbeobachtet aufs Gelände kommt“, sagt der Leiter der Wasenwache, Rainer Dürrschnabel. Der 58-Jährige, ein bäriger Mann  mit grauem Schnauzer und modischer Brille, steht im Hof der Wasenwache. Die Sonne scheint. Das Sicherheitskonzept, das Polizei, Stadt, Sicherheitsdienst und Veranstalter ausgearbeitet haben, nennt er „in Zeiten wie diesen alternativlos“. Es bestehe zwar keine konkrete Bedrohungslage, nach wie vor aber gelte eine abstrakt hohe Gefahr für Terroranschläge in Deutschland. „Alle Kollegen haben das verinnerlicht. Sie wissen, dass es es überall zu Anschlägen kommen kann.“

Die Polizei hat ihr Personal auf dem Volksfest im Vergleich zum Vorjahr beinahe verdoppelt. Auch der private Sicherheitsdienst hat aufgestockt, die Taschenkontrollen wurden intensiviert. Nur ein Rucksackverbot wie auf der Wiesn wollte man nicht, um die Leute nicht zu sehr zu gängeln, erklärt Dürrschnabel. Ständig sind Polizisten in Zivil und in Uniform auf dem Gelände. Über elf Kameras überwachen Beamte die neuralgischen Punkte.  An allen Zugängen stehen speziell geschulte Kollegen, die potenzielle Attentäter orten sollen. Wer ins Raster passt, wird überprüft.

„Kontrollen schrecken Attentäter ab, das hat man in Paris am Fußballstadion gesehen“, sagt Dürrschnabel. Um zu verhindern, dass jemand wie in Nizza mit einem Lkw aufs Gelände rast, wurden an bestimmten Punkten Betonrohre im Boden verankert und Betonsperren aufgestellt. Maßnahmen, die den Besuchern auch Sicherheit vermitteln sollen. Er habe den Eindruck, dass das gelinge, sagt Dürrschnabel. „Wenn da doch Angst vor Terror ist, dann ist die nach fünf Minuten vergessen.“

 Anjie Holding braucht keine fünf Minuten.  „Ich fühle mich total sicher hier. Attentäter sind doch nur Idioten, ich lasse mich durch sie nicht stoppen“, ruft die Britin im Festzelt, während die Band Andreas Gabaliers Spaßschlager „Hulapalu“ anstimmt. Die 52-jährige Blondine feiert zum ersten Mal auf dem Wasen, Geschäftsfreunde haben sie eingeladen. Krüge werden gegeneinander geschlagen. Anjie Holding schmeckt das deutsche Bier. „I love Germany!“

Am Tunnel, der vom Bahnhof Bad Cannstatt zum Wasengelände führt, diskutiert ein junger Mann mit einer Sicherheitsfrau herum, ob er seine Wasserflasche wegwerfen muss oder nicht. Murrend gibt er schließlich nach. Ralf Schindler, Chef der Sicherheitsfirma SDS, steht einige Meter entfernt. „Etwa jeder Zwölfte diskutiert“, erzählt er. Die meisten seien am Ende aber einsichtig. Um etwa 15 auf 70 Leute hat er seine Mannschaft für den Wasen aufgestockt. Leute, die argumentieren können und nicht nur einen dicken Oberarm haben, das ist dem 50-Jährigen wichtig. Neben den Taschenkontrollen sind seine Mitarbeiter dafür da, Streit zu schlichten, Gassen und Rettungswege frei zu halten, Besuchern den Weg zu weisen. „Was wir für die  Sicherheit tun konnte, haben wir getan. Aus dem Wasen aber Alcatraz zu machen, ist nicht möglich“, sagt Schindler.

Wenn der wuchtige Sicherheitsmann zum Rundgang übers Gelände ansetzt,  kommt er meist nicht weit. Hier ein Bekannter, da eine frühere Mitarbeiterin. Seit 33 Jahren macht er den Job. Aus der Ruhe bringt ihn schon lange nichts mehr. Nicht die Terrorgefahr und auch nicht der normale Wasen-Wahnsinn. Bierexzesse, sexuelle Belästigung, verrutschte Schamgrenzen – Schindlers Anekdotenkiste ist voll. „Einmal haben wir ein Pärchen beim Sex erwischt. Die haben es auf dem Auto meines Kollegen getan. Vor unserem Büro!“ Um sich zu gruseln, braucht der Familienvater keine Geisterbahn. Der Volksfest-Alltag reicht. „Hier blicken Sie in menschliche Abgründe.“

Bundespolizei im Twitter-Einsatz

Mobile Teams Mit einer 24-Stunden-Twitter-Aktion hat die Bundespolizei hautnah von ihrer Arbeit rund ums Cannstatter Volksfest berichtet. Jeweils zwölf Stunden hatten zwei mobile Teams ihre Kollegen bei Einsätzen in Zügen und Bahnanlagen begleitet und von den Einsätzen getwittert.

Witzige Wortwahl  „Wir konnten gut zeigen, was den Alltag der Bundespolizei ausmacht“, sagt Jonas Große, einer der Twitterer. Den meisten „Feststress“ gab es in der Nacht zum Sonntag wegen Prügeleien, Schwarzfahrern oder Langfingern. Der Wortwitz in den Kurznachrichten kam gut an:  „Erstmal rotweiß bestellt“, heißt es, als der Sanka gerufen wird. dpa