Wildpinkler Wasserabweisender Lack gegen Wildpinkler funktioniert am Ulmer Münster nicht

Ein Schild, das Wildpinkler warnt, an einer Wand des Kölner Hauptbahnhofs. Der feuchtigkeitsabweisende Lack funktioniert aber nicht überall - auch nicht am Ulmer Münster.
Ein Schild, das Wildpinkler warnt, an einer Wand des Kölner Hauptbahnhofs. Der feuchtigkeitsabweisende Lack funktioniert aber nicht überall - auch nicht am Ulmer Münster. © Foto: Oliver Berg (dpa)
NICO POINTNER, dpa 20.04.2016
Alte Fassaden, ätzendes Schicksal: Stein für Stein zerstören Wildpinkler Gebäude. Darunter hat das Ulmer Münster zu leiden. Auch anderswo will man die Wasserlasser nicht mehr einfach machen lassen.

Der Ulmer Pfarrerin Tabea Frey blutet das Herz. „Von oben wird saniert, da werden Millionen ausgegeben, und von unten wird der Stein zerfressen“, sagt sie. „Ich hab da eine Wut im Bauch, wenn die Hemmschwellen so niedrig sind, dass man überhaupt keinen Respekt mehr hat.“ Denn ihre Kirche, das Ulmer Münster mit dem höchsten Kirchturm der Welt, hat ein ätzendes Problem: Wildpinkler.

„Der Sandstein blättert richtig ab. Das sind Zentimeterschichten, die da verlorengehen.“ Die Pinkler lassen die Hosenläden meist runter, wenn es dunkel ist, sind häufig nicht mehr nüchtern – und hinterlassen folgenschwere feuchte Flecke an der Fassade. Vor allem in den seitlichen Nischen, wo im Mittelalter Krämerläden standen, entleeren sie häufig ihre Blasen. Da Urin Säure und Salze enthält, setzt er der Bausubstanz aus dem 14. Jahrhundert übel zu. „Wenn einer ans Münster pinkelt, reichert sich dort Nitrat an und führt zu Absprengungen“, erklärt Münsterbaumeister Michael Hilbert. „Jeder sieht die schwarzen Ecken, und wenn die Sonne rauskommt, stinkt’s zum Teufel.“

Dabei ist das Münster der ganze Stolz der Ulmer. 1377 wurde der erste Stein des monumentalen Bauwerks gesetzt. Am 31. Mai 1890, mehr als ein halbes Jahrtausend später, folgte der letzte Schliff – die Kreuzblume wurde auf den Turm gesetzt. Mit 161,53 Metern überragt das Münster seitdem alle anderen Kirchen des Christentums.

Viele Städte kämpfen gegen Wildpinkler. „Männer markieren“, sagt der Sprecher des Berufsverbands der Deutschen Urologen, Wolfgang Bühmann. Das sei ein rudimentäres Verhalten, das gerade unter Alkoholeinwirkung zutage trete. Zudem bekämpften Männer mit dem Pinkeln im Stehen einen latenten Minderwertigkeitskomplex. „Da können sie dann mal etwas, was Frauen nicht können.“Wer wild pinkelt, dem droht ein Bußgeld. Das kann deutlich über den paar Cent liegen, die Mann für den Gang aufs öffentliche Klo zahlen muss. Die Stadt Ulm verdoppelt nun das Bußgeld von 50 auf 100 Euro. Der Ordnungsdienst überwacht zwar den Bereich, aber selten wird ein Pinkler ertappt.

Mancherorts wird deshalb Gleiches mit Gleichem vergolten: Weil Betrunkene in Mainz immer wieder an die Rathauswand pinkeln, ließ die Stadtverwaltung die Mauer mit einem Speziallack beschichten. Der ist so wasserabweisend, dass der Urin abprallen und zurückgespritzt werden soll. Auf Hamburgs Partymeile St. Pauli wurden bereits vor gut einem Jahr Hauswände mit der sogenannten superhydrophoben Beschichtung versehen.

Am Münster funktioniert der Pinkellack aber nicht: „Die ganzen Anstriche der Industrie sind Quatsch“, sagt Hilbert. Der Sandstein sei stark saugend, der Lack würde die Bausubstanz eher schädigen als schützen. Pfarrerin Frey meint, die Stadt solle dort lieber dauerhaft kostenfrei öffentliche Toiletten anbieten: „Das wäre für eine touristische Stadt wie Ulm angesagt.“

Am Kölner Dom werden von Wildpinklern 150 Euro kassiert, „nur“ 120 Euro an anderen Kirchen, 90 an Hauswänden. Das hat nicht nur symbolische Bedeutung. „Die Reparatur der Schäden am Dom sind teurer als an anderen Gebäuden“, erklärt eine Sprecherin der Stadt.

Auch wenn die Blase drückt, darf man sich nicht überall erleichtern: Das Amtsgericht Stuttgart verurteilte 2014 einen Frührentner, der in den Schlossgarten gepinkelt hatte. Gegen ein zuvor verhängtes Bußgeld hatte er geklagt. Sein Argument, er leide an einer Blasenschwäche, ließ die Richterin nicht gelten. Neben den 35 Euro Geldbuße musste er dann auch noch die Prozesskosten zahlen.